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Korbflechten war nie ein Lehrberuf

In Exten geht Heinrich Edeler einer fast ausgestorbenen Tätigkeit nach

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Ob Schmied, Weber oder Bäcker: Das Bild vieler traditioneller Handwerksberufe hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert, einige sind heute sogar ganz ausgestorben. Andere haben durch Automatisierung und Rationalisierung nur noch in Grundzügen Ähnlichkeit mit ihren ursprünglichen, prägenden Tätigkeiten. Sie sind mit der modernen Gesellschaft gewachsen, bedienen deren Bedürfnisse und erleichtern die Arbeit enorm. Doch auch die alten Abläufe beinhalten wertvolles Wissen, das durch das Auseinanderdriften von Mensch und Natur droht, in Vergessenheit zu geraten. In Exten bei Rinteln gibt es noch jemand, der eine fast ausgestorbene Tätigkeit ausübt – den des Korbmachers.

Von Cornelia Kurth

Es ist noch keine 60 Jahre her, da hatte die Kunst des Korbflechtens ganz und gar nichts Nostalgisches an sich. In Exten wurden bis etwa 1960 in jedem zweiten Haus Weidenkörbe hergestellt, vornehmlich für die Glashütten in der Umgebung, aber auch als Transportkisten für die Eisenindustrie und den Fischtransport. Großhändler vor Ort kauften die Ware auf. Exten galt damals als Hochburg der Korbflechterei. Der Extener Heinrich Edeler, 74 Jahre alt und doch einer der jüngsten, die das Handwerk noch von der Pieke auf beherrschen, ist der Sohn eines dieser früheren Großhändler. Bis in die 1960er Jahre hinein hatte er den väterlichen Betrieb noch fortgeführt, während die meisten anderen längst aufgegeben hatten. „Ich bin in einer Korbflechterei aufgewachsen“, sagt er. „Da guckt man zu und lernt das von ganz allein. Mit zwölf Jahren konnte ich einen Korb machen, ja, so war das damals.“ Das Korbflechten war nie ein Lehrberuf, sondern immer ein „Anlern-Beruf“.

Korbflechter 2

 Derbe Packkörbe, in denen man auf Eis gelegte Fische transportierte, wurden aus so dicken Weidenzweigen hergestellt, dass selbst den stärksten Männern nach stundenlanger Arbeit die Finger weh taten. Und Korbflaschen für die vier Glashütten von Obernkirchen, Rinteln, Nienburg und Minden, die umfassten zum Teil 60-Liter-Ballons, die keine Frau mehr halten konnte. So war es denn die Arbeit der Frauen, die Kopfweidenpflanzungen von Unkraut und mit einer langen Sichel zu beschneiden, während das Flechten den Männern überlassen wurde, abgesehen nur von den Korbdeckeln und den sogenannten „Käpsel“, den Schutzdeckelchen für den Flaschenhals.
Abgeerntet werden die Weiden im Winter, wenn sie keinen Saft treiben. Dann können sie bis in den April hinein „grün“ verarbeitet werden, bevor sie so ausgetrocknet sind, dass man sie vor der Verarbeitung acht bis vierzehn Tage einweichen muss. „Fünf Tage lang kann man sie gleich verflechten“, sagt Heinrich Edeler, „und dann geht das Ganze wieder von vorne los.“ Die grün geflochtenen Körbe brechen allerdings schneller, denn je trockener die Weide ist, desto härter wird ihre Substanz. Ein frisch geflochtener Korb ist etwa doppelt so schwer und auch viel größer als einer, der bereits ein paar Wochen getrocknet ist. Damals bezogen die Großhändler das Flechtmaterial zum guten Teil auch aus Polen, Belgien, Holland, um es dann an die Heimwerker im Ort zu verteilen. Die Nachfrage nach der Korbware war groß. Pferdewagen wurden hoch beladen, ganze Eisenbahn-Waggons mit fertigen Körben gefüllt, von denen täglich tausend Stück aus Exten und einigen umliegenden Dörfern von insgesamt etwa 400 Korbflechtern angefertigt wurden. Die Fischkörbe wurden meistens nach Bremerhaven gebracht. Hundert Pfund Fisch und kühlendes Eis konnten sie aufnehmen. Die Ballonkörbe wurden sogar bis nach München hin verkauft.

Eine Stunde brauchte ein guter Mann für einen durchschnittlichen Korb. Wer von seiner Arbeit halbwegs leben wollte, musste täglich zehn Körbe schaffen. „Heute kann das Korbflechten nur noch ein Hobby sein“, erklärt Heinrich Edeler, der eine Ausbildung als Großhandelkaufmann absolviert hatte und nach dem Untergang seines Gewerbes in einem Steuerberatungsbüro arbeitete. Früher besaß seine Familie eigene Weidenbäume. Heute holt Edeler feine, gerade Weiden aus Holland. Immer noch flicht er ja selbst ab und zu mit flinker Hand einen Korb. Bis vor zehn Jahren kaufte er außerdem den alten Könnern aus der Umgebung die Ware ab, um sie hier und da auf Messen und Märkten zu verkaufen. Der Stundenlohn dabei? Kaum zehn Euro, meistens weniger.
In seiner Garage lagern an die 300 Körbe, allerbeste Qualität. „Ich kenn mich aus, ich kann bei der Auswahl kritisch sein“, sagt er. Was er anzubieten hat, sind inzwischen fast nur noch Körbe aus Polen. Und vor allem: Es sind keine Ballonflaschenkörbe, keine schweren Packkörbe mehr. Die braucht heute keiner mehr, seit Mitte der 1960er Jahre billiger Kunststoff die Weidenkörbe für den Flaschenschutz und den Transport verdrängte. Plastikflaschen können nicht zerbrechen, schwere Eisenteile und Fische werden in unzerstörbaren Plastikkisten und in Kühlwagen transportiert. Also stapeln sich bei Heinrich Edeler Einkaufskörbe und solche für Kaminholz. Was ehemals Legekörbe für die Hühner waren, wird heute als nostalgische Blumenampel benutzt. Hundekörbe hat er anzubieten, Zeitungskörbe, kleine Korbschalen, Kartoffelkörbe, wie man sie einst bei der Kartoffelernte nutzte, und manchmal kauft jemand sogar noch die länglichen Entenbrut-Körbe, die man auf ein Gestell aufbaut, damit die Tiere sicher sind vor allerlei Raubgetier. Wahre Korbflechterkunst weiß Edeler geradezu mit Begeisterung zu würdigen. Der 93-jährige August Hoppe aus der Nachbarschaft macht immer noch täglich einen Korb. „Und was für einen! Das kann man keinem erzählen!“

Korbflechter Heinrich Edeler

Auch Heinrich Edeler will nicht aufhören. Auf seinen Märkten führt er vor, was es mit dieser alten Handwerkskunst auf sich hat. „Mir macht es Spaß, den Leuten die Sache zu erklären und vor ihren Augen einen Korb entstehen zu lassen“, sagt er. „Könnte man mit dem Korbflechten wirklich Geld verdienen, dann hätte ich bestimmt einen Laden eröffnet und den ganzen Tag einfach nur Körbe geflochten – wie früher.“ Wenn er sich in seiner kleinen Werkstatt zum Flechten hinsetzt, dann steht er erst wieder auf, wenn der Korb auch fertig ist. „Ich würde nie einen Korb stehen lassen“, sagt er. „Man weiß ja nie, was morgen kommt.“