Figurenspiel

Eine Augenzeugin gab es

Quellen zur Rattenfängersage

Besonders viele Quellen gibt es nicht zur Rattenfängersage - was das Rästelraten um die Geschichte möglicherweise so spannend macht. Zwei der ältesten Quellen befinden sich außerhalb Hamelns.


Die älteste noch erhaltene Quelle überhaupt ist die Handschrift „Catena Aurea“, eine Legendensammlung des Heinrich von Herford, die als Abschrift aus der Zeit um 1430 bis 1450 in der Ratsbücherei der Hansestadt Lüneburg erhalten blieb. 1719 wurde sie von einem Mitarbeiter des Gelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz entdeckt, geriet jedoch in Vergessenheit, bis sie 1936 vom Hamelner Heimatforscher Heinrich Spanuth wiederentdeckt wurde. Sie enthält einen Hinweis auf ein älteres Buch und nennt sogar eine Augenzeugin für den Auszug der Kinder: „Und die Mutter des Herrn Dechanten Johann von Lüde sah die Kinder fortziehen.“

Die Bamberger Chronik des Hans Zeitlos gibt das Ereignis so wieder, wie es dem Bamberger 1553 in Hameln erzählt wurde. Dieser Bericht gilt als authentische, unverfälschte Wiedergabe der Sage, wie sie im Volksglauben jener Zeit verbreitet war. Besonders spannend ist dabei, dass mit einer Rückkehr des Pfeifers nach 300 Jahren gerechnet wird. Auch der Hinweis auf die zurückkehrenden Kinder, „das eine erblindet, das andere verstummt“ ist enthalten.

Auch im Hamelner Stadtbuch Donat, das sich Stadtarchiv Hameln befindet, finden sich unter drei Urkunden des 14. Jahrhunderts Hinweise auf den Kinderauszug, die selbst für Laien als nachträgliche Ergänzungen erkennbar sind. Die Eintragungen erwecken den Eindruck, als habe es eine „Hamelner Zeitrechnung“ gegeben, bei der die Stadt die Jahre nach dem Auszug der Kinder zählte. Ein Erklärversuch für die Entstehung dieser Fälschungen ist die Annahme, dass im 16. Jahrhundert künstlich Quellen erschaffen wurden, um interessierten Stadtbesuchern etwas zum Kinderauszug zeigen zu können.
Die drei genannten Dokumente sind die ältesten erhaltenen Objekte zur Sage. Ältere Quellen, wie das sagenumwobene Fenster in der Hamelner Marktkirche, sind zwar schriftlich überliefert, die Objekte jedoch zerstört oder verschollen. In seiner Dauerausstellung kann das Museum zudem mit zwei weiteren der ältesten Objekte zum Kinderauszug aufwarten, nämlich dem berühmten Stein vom Neuen Tor sowie dem ersten gedruckten Werk, das vom Kinderauszug berichtet (beide 1556). „Allen frühen Quellen gemeinsam ist, dass darin immer nur vom Auszug der Kinder berichtet wird. Ein Motiv, warum die Kinder die Stadt verlassen, wird gar nicht genannt. Die Geschichte von der Rattenplage wird erstmals in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit dem Kinderauszug verbunden, sodass auch erst ab dieser Zeit vom Rattenfänger gesprochen werden kann“, erklärt Stefan Daberkow, Museumsleiter in Hameln.
Anlass der Präsentation im Museum ist das 200. Jubiläum der „Deutschen Sagen“ der Brüder Grimm, durch die auch der Rattenfänger seine prägende literarische Form erhielt. „Spannend ist, dass die Brüder Grimm nicht nur die eigentliche Geschichte erzählen. Sie sind gleichzeitig akribische Wissenschaftler, die am Ende auch noch die ihnen bekannten Quellen zur Sage aufführen. Damit wird ein Bogen zwischen der zum Teil fiktiven Erzählung und den historischen Quellen zum Kinderauszug geschlagen.“
Aus konservatorischen Gründen dürfen die wertvollen Leihgaben nur für einen Zeitraum von drei Monaten ausgestellt werden, danach kehren sie zu den Leihgebern zurück. Die Quellen-Präsentation wird Teil der neuen Sonderausstellung „Die Sagenwelt der Brüder Grimm“ sein. „Während die Sagen-Ausstellung noch bis Februar weiterläuft, ist das Anschauen der alten Schriftstücke im Original nur für drei Monate möglich“, erklärt Museumsleiter Daberkow.