Sklaventransport

Das Schicksal des Antonio Congo

Hat der Häuptlingsohn auf der Hochebene seinen Peiniger gesucht?

Joachim Zieseniss

Die Ottensteiner Hochfläche – an die 300 Meter hoch, karge Äcker, kalte Winter und meistens viel Wind vor der Haustür: Im 19. Jahrhundert ein Stück dünn besiedeltes Weserbergland, auf dem meistens nur lebte, wer hier geboren war. Und auf dem auch nur begraben wurde, wer hier geboren war und auch gelebt hatte. Mit einer exotischen Ausnahme: Auf dem Friedhof Hattensen liegt unter einer alten Linde ein junger Afrikaner begraben.

Auf seiner Gruft stehen gleich zwei aufwendig gestaltete Grabtafeln; kostbar hebt es sich seit 1843 von den anderen Grabstellen ab. Eine Inschrift erklärt auf Kopf- und Fußstein aus schwerem Sandstein, wer hier an einem kalten Wintertag beigesetzt wurde: „Hier ruhet Antonio Congo, Sohn eines Afrikanischen Häuplings, Namens Ambrosio Congo zu Gumbata in Afrika geboren den 12. October 1811 wurde er, 8 Jahre alt, seinen Aeltern geraubt und als Sklav nach Brasilien gebracht. Hier kaufte ihn der Hamburger Kaufmann Ferdinand Schlüter, ein edler Mann, der ihn mit nach Hamburg nahm und in der christlichen Religion erziehen ließ. Nachdem Antonio Congo darauf das Tischlerhandwerk erlernt hatte, ging er auf die Wanderschaft, auf welcher er 1843 erkrankte und als ein guter und religiöser Tischlergeselle starb am 11. Januar.“

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Bis heute rankt sich trotz dieser ausführlichen Erklärung ein Schleier des Geheimnisses um dieses Grab des schwarzen Häuptlingssohnes, das längst zum Ziel für Touristen geworden ist. Warum kam 1843 ein Tischlergeselle mit afrikanischen Wurzeln ausgerechnet nach Ottenstein? Und wer ließ dem Fremden, der hier am 11. Januar um sieben Uhr an der Schwindsucht verstarb, das kostbare Grabmal errichten? Viele Legenden ranken sich bis heute um das Grab des Antonio Congo. Man hat versucht, Erklärungen zu präsentieren – in lokalen Überlieferungen, wissenschaftlichen Annäherungen, zuletzt in einem Roman einer Bad Pyrmonter Autorin, einem Theaterstück und einem Drehbuch. Doch lässt die umfangreiche Grabinschrift bis heute Fragen offen – und das Grab des Antonio Congo liefert den Stoff, aus dem die historischen Märchen sind.
In seinem Buch „Geschichte und Geschichten vom Weserbergland“ schreibt August Meyer zum Schicksal des Häuptlingssohnes, der auf der Hochebene begraben liegt: „Hieran erinnert die in einem Grabstein eingemeißelte Geschichte eines afrikanischen Häuptlingssohnes auf dem Hattenser Friedhof dicht bei Ottenstein. Wohl aus Gründen der Moral wird namentlich von dessen Wohltätern berichtet, während man das Verbrechen, das ihn hierher geführt hat, der mündlichen Überlieferung anheimstellte. Der christliche und mildtätige Hamburger Kaufmann Ferdinand Schlüter hatte ihn in Brasilien als Sklaven freigekauft, nahm ihn mit auf seinem Schiff nach Hamburg, wo er christlich erzogen, getauft wurde und das Tischlerhandwerk erlernte. Krank machte Antonio sich von dort auf den Weg, kam nach Ottenstein und verstarb dort bald am 11. Januar 1844.
In der Inschrift wird nicht erwähnt, wer, aus welchem Grund, das kostspielige und so außergewöhnliche Grabmal errichten ließ. Aber es war weder der Pastor noch die Gemeinde. Es war der Ottensteiner Bürger Schomburg, den Antonio dort gesucht und endlich gefunden hatte. Schomburg war der größte und grausamste Sklavenhändler weit und breit. Für sich und seine gut bewaffneten Abenteurer charterte er regelmäßig einen Segler für seine Raubzüge im Kongo. Nachts umstellte man die Siedlungen, brachte alles um, was bei einem Verkauf keinen Profit versprach oder gesundheitlich ungeeignet schien, und trieb dieses Unwesen jeweils so lange, bis dass das Schiff voll war mit angeketteten Sklaven.
Wer dann auf den langen Fahrten nach Brasilien überlebte, kam dort auf den Sklavenmarkt und machte Schomburg zu einem reichen Mann. In Brasilien war es der Hamburger Kaufmann Schlüter, der einen solchen Sklavenmarkt erlebte und aus Mitleid den jungen Antonio ersteigerte.
Zuhause dann sorgte er sich um ihn und gab ihn in eine Handwerkslehre. Auf der Suche nach seiner Vergangenheit fand man gemeinsam heraus, dass der Schlüssel des unrühmlichen Geschehens in dem Dorfe Ottenstein zu finden sei.“
Soweit Heimatschriftsteller August Meyer. Doch stimmt die Geschichte? Anderen, viel trivialeren Erklärungen zufolge könnte Antonio Congo auch einfach nur ein hiergebliebenes „Ausstellungsstück“ aus Völkerschauen oder ein Angehöriger der sogenannten „Schutztruppe“ der deutschen Kolonien in Afrika gewesen sein, der in Deutschland blieb und hier lebte.
Doch was führte ihn nach Ottenstein? Der erwachsen gewordene Sklavenjunge, mit 32 Jahren auf seinem Rachefeldzug gegen seinen Peiniger, der ihn von Afrika nach Brasilien verschleppt hatte? Das ist der Stoff, der zwar nach großem Kino riecht, an dem andere Interpreten des Schicksals des Antonio Congo aber ihre Zweifel haben: Ist „Schomburg“ doch ein auf der Hochebene weitverbreiteter Name. Aber an einen Sklavenhändler namens Schomburg kann oder will sich hier niemand erinnern. Und so wird sie wohl weiter offen bleiben, die Frage, was den Tischlergesellen Antonio Congo wirklich 1843 nach Ottenstein geführt hat.