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Racken, hecheln und flirten

Aus der Zeit, als in den Spinnstuben nicht nur gearbeitet wurde

Von Dorothee Balzereit

Ob Schmied, Weber oder Bäcker: Das Bild vieler traditioneller Handwerksberufe hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert, einige sind heute sogar ganz ausgestorben. Andere haben durch Automatisierung und Rationalisierung nur noch in Grundzügen Ähnlichkeit mit ihren ursprünglichen, prägenden Tätigkeiten. Sie sind mit der modernen Gesellschaft gewachsen, bedienen deren Bedürfnisse und erleichtern die Arbeit enorm. Doch auch die alten Abläufe beinhalten wertvolles Wissen, das durch das Auseinanderdriften von Mensch und Natur droht, in Vergessenheit zu geraten. Im Freilichtmuseum Detmold ist das anders: Dort wird gemüllert, gebacken und gesponnen wie früher.

Wenn die dunkle Jahreszeit naht, ruft das heute meist wenig Freude hervor. Das war anders, als noch Flachs und Wolle versponnen wurden: Die ländlichen Spinnstuben waren ein Lichtblick in dunkler Zeit. Das lag vor allem daran, dass die jungen Mädchen und Burschen nicht nur gebokt und gerackt, gehechelt und gesponnen haben, wenn sie Ende September in die Spinnstuben zogen, sondern auch einen potenziellen Partner für’s Leben ins Auge fassten. Und nicht selten wurde dadurch die dörfliche Heiratsordnung infrage gestellt. Zum anderen wurden die Spinnstuben genutzt, um hinter verschlossenen Türen Kritik zu aktuellen Themen äußern. Die Frauen bestimmten zudem über das Ansehen der einzelnen, so war an der Größe des in der Spinnstube gemeinsam hergestellten Brautrocks das Ansehen der Braut im Dorf deutlich abzulesen.
Seit der Reformationszeit versuchte die Obrigkeit, die Spinnstuben „als eine Form autonomer und gemeinsamer Geselligkeit unverheirateter Jugendlicher beiderlei Geschlechts“ (Literatur Medick, Spinnstuben, 25) zu unterdrücken oder zumindest zu kontrollieren.
Das war auch im Lipperland nicht anders, wo zwischen 1600 und 1800 viele Bewohner für die aufkommenden Leinenindustrie im Flachsanbau, in Spinne- und Webereien tätig waren.
„In den Spinnstuben ist
es früher heiß hergangen“


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Heiß hergegangen sei es da in den Spinnstuben, erzählt Ulrike Loth, die seit zehn Jahren im Freilichtmuseum Detmold arbeitet und über unendliches Wissen im „Spinnen“ verfügt. Dass Geselligkeit im Mittelpunkt stand, erkenne man schon daran, dass Begriffe wie „durchhecheln, im Sinne von lästern – am liebsten über die Nachbarin, – sich bis heute erhalten haben.
Auch der Begriff abrackern hat seinen Ursprung in der Spinnerei. Wenn viele Leute im Dorfe nebeneinander an der Racke standen, mit der die Holzanteile der Pflanze aufgebrochen wurden, dann sagte man wegen des typischen Geräusches: „Es bellen die Hunde im Dorf“.
Doch halt: An der Racke sind wir schon auf der Hälfte des unendlich langen, arbeitsreichen Weges vom Verspinnen der Pflanze bis zum Produkt angelangt. Um die holzigen Bestandteile, die die Pflanze ummanteln (versponnen werden grundsätzlich die Wasserleitbahnen), kommt das Material in die Rotte, erklärt Loth. Dort fault es – je nach Witterung– eine Woche bis 14 Tage in sogenannten Rottekohlen vor sich hin. Die anschließende Trocknung erfolgte im freien, oft aber auch in Backöfen oder eigens dafür vorgesehenen Flachsdörrofen, was früher mit großer Brandgefahr verbunden war.
Danach wurde der Flachs gebokt. Wer es sich nicht leisten konnte, mit seinem Flachs in die Bokemühle zu gehen, musste den Flachs mit einem riesigen Bokehammer mürbe machen. Es folgt die Arbeit an der Racke. Die herausgelösten Holzanteile, die dabei auf dem Boden landen, heißen Schäbe – „daher auch der Begriff schäbig“, sagt Loth, „ältere Leute kennen noch den Begriff ‚schäbiges Leinen‘“. Die Schäbe war übrigens kein unnützer Müll, sondern wurde zum Ofenanfeuern benutzt.
Im nächsten Arbeitsschritt wird der Flachs mit einem Holzbrett abgefahren, um die Wasserleitbahnen weiter aufzuspalten, wieder fällt eine wenig Schäbe ab und beim Flachs ist erster Leinenglanz zu erkennen. Man spricht auch vom sogenannten ..flachs, der heute keine Verwendung mehr findet. „Diese Art der Verarbeitung ist wirklich ausgestorben“, sagt Loth.
Auf das Holzbrett folgt die Grobhechel, mit der weitere holzige Anteile aus dem Flachs gekämmt werden. „Das ist eine sitzende, leise Tätigkeit und während des Kämmens kann man sich wunderbar unterhalten und den Nachbarn durchhecheln“. Was auf der Hechel hängenbleibt, ist die sogenannte Hede.
Auf der Feinhechel – die oft schön verziert und Teil der Aussteuer war – bekam der Flachs den letzten Schliff, bevor damit ein Wocken für das Spinnrad erstellt wurde. Dafür breitete man den Flachs über der Schürze aus und rollte ihn anschließend auf den Wocken wie eine Zigarre. Dann kann da Spinnen am Rad beginnen: Während der Faden vom Wocken abgesponnen wird, wird der Faden mit Wasser (oder Bier) befeuchtet, damit der Pflanzenkleber angelöst wird.
Das Spinnrad vereinfachte ab 1300 einzelne Arbeitsschritte, zuvor wurden Wolle und Flachsfasern mit der Handspindel verarbeitet. Doch nicht alle Garne besaßen die erforderliche Qualität. Die Mechanisierung des Spinnvorgangs und die Weberei führt im Bereich der Textilherstellung nach 1780 zu einem Bedeutungsverlust in der Handarbeit.
Auch für die lippische und ravensbergische Leineweberei war der Flachsanbau die Grundlage. Das Bielefelder Leinen war so bekannt, dass es exportiert wurde. Dabei griffen die Weber auf die jahrhundertealten Kenntnisse der Landbevölkerung zurück. Weben und auch Spinnen war weit verbreitet, rund 70 Prozent der ärmeren Landbevölkerung verdiente sich so den Lebensunterhalt, Landwirtschaft wurde nur nebenbei betrieben. „Spinnen am Morgen bringt Kummer und Sorgen, Spinnen am Abend erfrischend und labend“, sagt ein Sprichwort und meint damit, dass, wer am Abend sponn, sich damit ein gutes Zubrot verdiente. Für Frauen, die bereits am Morgen spinnen mussten, war es der Hauptberuf.
Erfunden wurde die Spinnerei übrigens sehr viel früher: Von Hand gesponnen wurde in Europa bereits um 6000 vor Christus, darauf verweisen die Spinnwirtel der Sesklo-Kultur im frühneolithischen Griechenland. Es steht nicht fest, ob tierische Fasern (Wolle) oder pflanzliche (Flachs) versponnen wurden. Erst 2000 Jahre später ist Leinen belegt.
Das Spinnen von Hand erfolgte zunächst mit bloßen Händen oder aber mit einer Handspindel. Die Rohfaser wurde dabei auf einem Rocken („Kunkel“) befestigt, der unter einen Arm geklemmt wurde, um beide Hände frei zu haben. Die eine Hand zieht ein Faserbündel aus dem Vorrat auf dem Rocken, während die andere die Spindel dreht. Ist das Garn so lang geworden, dass der Arm der Spinnerin nicht mehr ausreicht, wickelt sie es auf die Spindel auf.




In Mythen und Märchen spielt die Spinnerei eine wichtige Rolle. Spinnen und Weben gelten als Erfindung der Göttin Athene. Die sterbliche Arachne, die die Göttin in der Kunst des Spinnens und Weben übertreffen wollte, hat sie zur Strafe in eine Spinne verwandelt. Arachnida ist noch heute der wissenschaftliche Name der Spinnentiere.
In der Sammlung der Brüder Grimm gibt es viele Märchen, in denen das Spinnen eine Rolle spielt. Meist versinnbildlicht es Fleiß oder innere Reifungsvorgänge. Und es ist eine Heiratsprobe der Frau.
Das Märchen Frau Holle hat eine ganz besondere Affinität zu Spinnerinnen, die eng mit der germanischen Mythologie verbunden ist, in der die Nornen die Schicksalsfäden spinnen. Auch Frau Holle ist im Bild unserer vorchristlichen Vorfahren eine dieser Schicksalsgöttinnen, die die Lebensfäden aller Geschöpfe spinnt. indem sie der Goldmarie die Spindel zurückgibt, schenkt sie ihr den verlorenen Lebensfaden wieder.