Briefe 17. Jahrhundert

Briefwechsel zweier Sagengestalten

Was sich Jobst von Mengersen und Jobst Asche von Wettberg schrieben

Von Dorothee Balzereit

Auf der Suche nach Material zur Hessisch Oldendorfer Familie Baxmann hat Baxmann-Forscher Uwe Pernack eine Entdeckung: gemacht: Statt der für seine Arbeit erhofften Briefe und Notate stieß er auf Handschriften aus dem frühen 17. Jahrhundert. Unter den Dokumenten, die heutzutage rar und kaum noch zu erwerben sind, ist ein Schriftstück, das es Pernack angetan hat. Es handelt sich um eine Schuldverschreibung aus dem Jahr 1616 zwischen Jobst von Mengersen und Jobst Asche von Wettberg. Sie dokumentiere die Bedingungen für Hypothekenverträge, wie sie einst der Landadel untereinander geschlossen habe. Und sie erzählen von der Verbindung zweier Männer, die von der Nachwelt zu Sagengestalten gemacht wurden. „Dass zwei historische Personen, die beide das Vorbild zu einer Sage lieferten, miteinander korrespondierten, dürfte in der Geschichte der Sagenbildung wohl einmalig sein“, so Pernack.

Schenkt man der Sage Glauben, hatte sich Jobst von Mengersen (1570 bis 1621), früher vom Volksmund auch „das Jösteken“ genannt, mit dem Teufel verbündet, um unweit seines Gutes Stau bei Fischbeck die Weser in ein künstliches Bett zu zwingen und so neues Ackerland zu gewinnen. Die Stadt Hessisch Oldendorf erlitt dadurch beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden. Der Sage nach fand Teufelspaktierer von Mengersen aufgrund einer göttlichen Strafe nach seinem Tod keine Ruhe und musste fortan umgehen. Als Untoter erschreckte er nachts an der Weser Wanderer zu Tode und terrorisierte in seinem Hülseder Schloss das Gesinde, wenn es seiner Ansicht nach zu faul war. Auch sonst gab er keine Ruhe. Aus seinem Sarg, der in der Krypta der Fischbecker Stiftskirche gestanden haben soll, streckte er immer wieder einen Fuß heraus.

Im Gegensatz zu Jobst von Mengersen galt Jobst Asche von Wettberg (1578 bis 1644, Hof Oehrsen bei Klein Hilligsfeld) als ein Guter. An einem noch heute auffindbaren Kreuzstein im Deister, der dem von einem Baum erschlagenen Großvater Jobst Asches gesetzt wurde, soll laut Sage ein Vater seinen letzten Sohn – der einzige, der ihm von sieben geblieben war – begraben haben. Diese Sage werde mit der historischen Person Jobst Asche von Wettberg verbunden, so Pernack. Während des Dreißigjährigen Krieges habe Jobst Asche von Wettberg 1625 als Kommandeur der Feste Calenberg derart geschickt die Kapitulationsverhandlungen mit überlegenen kaiserlichen Truppen geführt, dass er und seine Soldaten freien Abzug erhielten und im Amt Calenberg weiterhin lutherische Gottesdienste abgehalten werden durften.

„Im Vergleich zu den historischen Personen Jobst von Mengersen und Jobst Asche von Wettberg hat deren Zeitgenosse Cordt Baxmann nicht die geringste regionalgeschichtliche Bedeutung gehabt“, meint Pernack. An dem Brief könne festgemacht werden, wie vergänglich das Wissen um die Rolle vieler historischer Personen für das kollektive Gedächtnis sei. Die Bedeutung, die Cordt Baxmann als historische Person nicht hatte, habe ihm die angeheftete Sage verliehen, und damit, so Pernack, die Sage vom „Jösteken“ aus der öffentlichen Aufmerksamkeit fast verdrängt. „Und das, obwohl die Von-Mengersen-Sage bereits gut 60 Jahre vor Erscheinen der Baxmann-Sage publiziert wurde und lange Zeit die einzige überregional bekannte historische Frevel-Sage aus dem Raum Hessisch Oldendorf war.“

Die Ursache dafür sieht Pernack in der Verwertung der Baxmann-Sage durch die Tourismus-Branche. „Im Gegensatz zu den beiden anderen Sagen ist die Baxmann-Sage bis heute ein Publikumserfolg. Und was ist von größerer Bedeutung für das kollektive Gedächtnis als Erfolg?“