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Der Schmied – gesucht und geschätzt

Unter den alten Handwerksberufen hatte er eine besondere Stellung

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Von Dorothee Balzereit

Ob Schmied, Weber oder Bäcker: Das Bild vieler traditioneller Handwerksberufe hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert, einige sind heute sogar ganz ausgestorben. Andere haben durch Automatisierung und Rationalisierung nur noch in Grundzügen Ähnlichkeit mit ihren ursprünglichen, prägenden Tätigkeiten. Sie sind mit der modernen Gesellschaft gewachsen, bedienen deren Bedürfnisse und erleichtern die Arbeit enorm. Doch auch die alten Abläufe beinhalten wertvolles Wissen, das durch das Auseinanderdriften von Mensch und Natur droht, in Vergessenheit zu geraten. Im Freilichtmuseum Detmold ist das anders: Dort wird gemüllert, gebacken und geschmiedet wie früher.

An der Wand hängen unzählige Zangen nebeneinander, manche klein und filigran, andere groß und massiv. Auf dem „Herd des Schmieds“, der Esse, brennt ein offenes Feuer. Um es anzufachen, hängt ein gigantischer Blasebalg unter der Decke. Wolfgang Göhmann, Schmied im Freilichtmuseum, hat an diesem Tag Hilfe. Unter den Besuchern ist ein junger Mann, er ist Schmied in der Ausbildung. An diesem Tag darf er den Blasebalg betätigen und helfen, eine Zange zu schmieden – auf historische Art, versteht sich.
Historisch, das heißt vor allem ohne Bohrmaschine, ohne Schweißgerät. Der Beruf des Schmieds – immerhin gibt es ihn noch – hat sich im Laufe der Zeit und vor allem mit Ausbreitung der Elektrizität sehr verändert. Schon lange gibt es keine Waffen-, Nagel- oder Messerschmiede mehr, geschweige denn einen Dorfschmied, der früher als Alleskönner galt. Statt Radnaben, Werkzeugen, Hufen von Ochsen und Pferden und Löchern in Kochtöpfen sind heute vor allem Kunstschmiedearbeiten, Zäune und Geländer gefragt. Heute heißt der Ausbildungsberuf „Metallbauer, Fachrichtung Metallgestaltung“. Aus einem kulturellen Selbstverständnis heraus bezeichnen sich die jungen „Metallbauer“ häufig selbst als Schmied, Kunstschmied oder Metallgestalter.
Und Orte der Geselligkeit sind Schmieden ebenfalls nicht mehr. Früher war man in der Schmiede – ähnlich wie in der Spinnstube – gut aufgehoben, wenn man Neues erfahren wollte. In den Dörfern waren sie die wichtigsten gesellschaftlichen und politischen Orte des Dorfes – oft noch vor der Gastwirtschaft. Das hatte eine historisch gewachsene Ursache: Die Schmieden standen auf dem Grund der sogenannten „Gmain“, einer Art Dorfparlament. In der Gmain-Ordnung wurden wichtige Dinge festgeschrieben. Und im Winter, wenn es draußen kalt war, kamen die Dorfbewohner besonders gern, denn in der Schmiede war es schön warm. Auch im Detmolder Freilichtmuseum ist es kuschelig. Der Hilfsschmied betätigt den Blasebalg ausdauernd, ohne zu murren. „Das ist eines der ersten Dinge, die ein Schmied früher lernen musste: Den Schmerz zu ignorieren. Sonst schafften die nichts“, sagt Göhmann.
Sechs Jahre dauerte damals die Ausbildung, und die ersten drei Jahre davon verbrachte der Lehrling fast ausschließlich am Blasebalg, erzählt der Museums-Schmied. Gelernt wurde hauptsächlich durch Zuschauen. Der Meister war nicht erpicht darauf, Wissen – Geheimwissen – weiterzugeben. Deshalb wohnte der Lehrling sogar mit dem Meister und seiner Familie unter einem Dach – so konnte nichts über die Arbeitsmethoden des Meisters nach außen dringen. Drei Jahre lang arbeitete er nur für Kost und Logis, wurde hauptsächlich als billige Arbeitskraft gebraucht. Konnte er irgendwann Kleinbeschläge und Nägel schmieden, gab es ein kleines Handgeld.

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Der Verarbeitung von Metallen haftete seit dem Altertum etwas Mystisches an, und den Schmied selbst umgab immer eine besondere Aura, denn er konnte etwas, was andere nicht konnten: Er war in der Lage, ein so unerbittliches, hartes Material wie Eisen zu formen. Schmieden gehört zu den ältesten Berufen der Welt, Vertreter dieses Zweiges wurden gesucht und geschätzt. So sehr, dass man sie sich gegenseitig abwarb. Im ländlichen Raum war der Schmied bis ins späte 20. Jahrhundert unverzichtbar. Ihre Geheimnisse bewahrten Schmiede schon damals und gaben sie nur innerhalb der Familie weiter.
Der eigenen Praxis und der Erfahrung kamen im Schmiedehandwerk schon die Eisenherstellung in Mitteleuropa seit der Eisenzeit vor etwa 2800 Jahren und durch das Volk der Hethiter vor etwa 3800 Jahren besondere Bedeutung zu. Das mächtige Volk der Hethiter besaß große Geschicklichkeit im Schmelzen von Eisen, hielt jedoch seine Kunst geheim. Die ersten, die Eisen schmolzen, waren sie aber wohl nicht: In Namibia fand man vor fünf Jahren eine Urmine, die 10 000 Jahre alt ist.
Eminent wichtig war früher die Qualität der Werkstücke, ihre Haltbarkeit und Zuverlässigkeit. Erschwernisse wie schwankende Rohstoffqualität und fehlendes metallurgisches Fachwissen konnten meist durch Erfahrung ausgeglichen werden.
Noch heute muten manche Rechte und Pflichten, die mit dem Beruf des Schmieds verbunden sind, seltsam an, denn er unterlag, wie der Bader, der Müller dem sogenannten Ehaft, der so etwas wie einen rechtlichen Rahmen darstellte. So war etwa festgelegt, dass die Dorfbewohner, wenn sie Schmiedearbeiten erledigen lassen wollten, zum ortsansässigen Schmied gingen, dieser musste im Gegenzug festgeschriebene Preise für die jeweiligen Arbeiten verlangen.
Der Ehaft war somit so etwas wie eine Grundsicherung. Zu den Gepflogenheiten der damaligen Zeit gehörte oftmals auch, dass Schmiede während der Erntezeit für anfallende Arbeiten jederzeit anwesend sein mussten. Ebenso durfte der Schmied kein Pferd ohne Hufe vor der Tür stehen lassen. Im Gegenzug mussten die Bauern Eisen, Stahl und Kohlen stellen und dem Schmied Roggen abgeben.
Eine Spezialisierung gab es übrigens schon früh, besonders in den Städten mit ihren Zünften und in bestimmten ländlichen Regionen (z. B. Remscheid, Solingen, Schmalkalden, im Sauerland, im Siegerland und im Lahn-Dill-Gebiet). Dort etablierten sich Spezialisten, wie Waffenschmiede, Messerschmiede, Nagelschmiede, Harnischmacher und Kupferschmiede. Daraus entwickelten sich alsbald bedeutende Manufakturen.
Das Freilichtmuseum Detmold deckt seinen Bedarf an geschmiedeten Produkten wie Baubeschlägen, Schmiedenägeln und anderen Eisenteilen auch heute aus der eigenen Schmiede: „Alles muss authentisch sein“, sagt Göhmann. „Im Idealfall gibt es Werkstücke des Schmiedes aus dem Ort, aus dem die Schmiede stammt. Die im Detmolder Museum originalgetreu wieder aufgebaute stand einst in Godelheim, Stadt Höxter. In der Zeit zwischen 1832 und 1924 wurden in ihr hauptsächlich Beschlag- und Reparaturarbeiten ausgeführt.
An diesem Tag wird im Museum eine Zange geschmiedet. Auf historische Art, ohne Strom. Der junge Gehilfe darf als Zuschläger fungieren: Wolfgang Göhmann hat die Vorarbeit geleistet, nun muss der Gehilfe ran. Nach einigen weiteren Arbeitsgängen sehen die Besucher tatsächlich die Grundzüge einer Zange. Mit Mystik und Sagen hat das heute wenig zu tun. Dennoch: Am Ende eines Tages lässt der Schmied niemals den Hammer auf dem Amboss liegen: Früher glaubte man, dass sonst der Teufel seine Ketten hätte durchschlagen können.