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Die Abstauber

Manchem Müller reichte es, sich nicht strafbar zu machen

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Von Dorothee Balzereit

Ob Schmied, Weber oder Bäcker: Das Bild vieler traditioneller Handwerksberufe hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert, einige sind heute sogar ganz ausgestorben. Andere haben durch Automatisierung und Rationalisierung nur noch in Grundzügen Ähnlichkeit mit ihren ursprünglichen, prägenden Tätigkeiten. Sie sind mit der modernen Gesellschaft gewachsen, bedienen deren Bedürfnisse und erleichtern die Arbeit enorm. Doch auch die alten Abläufe beinhalten wertvolles Wissen, das durch das Auseinanderdriften von Mensch und Natur droht, in Vergessenheit zu geraten. Im Freilichtmuseum Detmold ist das anders: Dort wird gemüllert, gebacken und gesponnen wie früher.


Es klappert die Mühle am rauschenden Bach... Wer kennt es nicht das alte Kinderlied aus der Romantik, das von der steten Arbeit des Müllers bei Tag und bei Nacht erzählt. Romantisch war die Arbeit sicher nicht, sondern vor allem körperlich hart. Die Müller hatten dementsprechend oft mit berufstypischen Leiden wie Tinnitus (ständige Ohrgeräusche) oder Taubheit zu kämpfen. Kein Wunder: Die Geräuschkulisse war enorm und sobald die Mühle lief, ließen die Bewegungen der Mühlräder und Mühlsteine das gesamte Gebäude erzittern, in dem die Müllersfamilie, dazu gehörten die Mühlenknechte und das Gesinde für Haus und Vieh, als Hausgemeinschaft auch lebten. Starb der Müller, konnte die Mühle nur an den ältesten Sohn vererbt werden.


Seit dem Mittelalter gab es zunächst Wind-, dann Wassermühlen. Wasserkraft wurde von verschiedenen handwerklichen Gewerben für einzelne Arbeitsgängen schon im Frühmittelalter eingesetzt. Neben Getreidemühlen gab es Bokemühlen zum Zerkleinern von Hanf und Flachs, Lohmühlen zur Verarbeitung von Eichenrinde, Ölmühlen, Knochen- und Sägemühlen sowie Seifenmühlen zum Waschen von Leinen.


Dass das Mahlen des Getreides ursprünglich Frauenarbeit war, bei der das Getreide mit der Hand auf Reib- und Drehsteinen gemahlen wurde, ist heute kaum vorstellbar. Mit Aufkommen der Wassermühlen entstand ein eigenständiges Müllergewerbe, das von Männern betrieben wurde. Ein Gewerbe, das als anrüchig und ehrlos galt. Am harmlosesten war noch der Verdacht, Müller würden kräftig gegen die Mehlsäcke der Bauern klopfen, um so Mehl für sich „herauszuschlagen“ und „abzustauben“. Als Vertreter eines unehrlichen Berufs durften sich die Müller in früheren Jahrhunderten weder einer Zunft noch einer Gilde anschließen noch selbst eine bilden.

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Wahrscheinlich war der Müller nicht betrügerischer als andere Handwerker. Zusammenhängen könnte der schlechte Ruf mit dem „Mühlenbann“ oder Mahlzwang: Er verpflichtete alle Bewohner eines festgelegten Bezirkes, ihr Getreide ausschließlich in der ihnen zugewiesenen Mühle mahlen zu lassen – überwacht vom Mühlenvogt. Betreiben konnten die Mühle Grundherren mithilfe von Eigenbehörigen (Adel und Ritter). Das Recht zum Bau und Betrieb einer Mühle konnte auch Städten und Gemeinden verliehen werden.
Der fesgelegte Kundenstamm, der ebenfalls festgelegte Mahllohn und die fällige Abgabe des Müllers an den Grundherrn könnten ein Grund dafür gewesen sein, dass der Müller wenig Interesse an technischem Fortschritt oder an der Lieferung hochwertiger Produkte hatte. Manchem Müller reichte es, sich nicht strafbar zu machen – und die möglichen Vergehen waren groß: unter anderem Beimengung von Fremdstoffen, zum Beispiel kleinen Steinen, und eine zu hoch bemessene Abgabe an den Müller, die dieser direkt vom Mahlgut einbehielt. Vor diesem Hintergrund und weil das Müllereigewerbe nicht wie andere Handwerke in Zünften organisiert war, galt es vielerorts als unehrlich.


Für die Stadt Hameln, die das Mühlrad sogar im Wappen trägt (ein bogenförmig geschärfter silberner Mühlstein im roten Feld), waren die Mühlen von jeher besonders bedeutsam. Sechs Mühlen standen im 9. Jahrhundert im heutigen Stadtgebiet. Nach wirtschaftlich schweren Zeiten im 18. Jahrhundert gab es im 19. Jahrhundert einen großen Aufschwung. Er führte zum Bau einer Weizenmühle auf dem Werder sowie der Roggenmühle an der Fischpforte, die heute noch als Industriedenkmal erhalten ist.
Im Freilichtmuseum Detmold steht neben einer Kappenwindmühle und einer Bockwindmühle auch eine Wassermühle aus der Gemeinde Melle. Von oben herabfließendes Wasser treibt das Mühlrad der Getreidemühle, die zugleich ein Bokemühle ist, an. Nachdem Müller Friedhelm Blandau den Mahlstein mit einem Winkelgetriebe eingerückt und das Wasserschott geöffnet hat, greifen mehrere Zahnräder ineinander – die Mühle setzt sich langsam in Bewegung.

 

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Der Müller, dessen offizielle Berufsbezeichnung heute Verfahrenstechnologe in der Mühlen- und Futtermittelwirtschaft ist, schüttet Roggen durch einen Trichter, er „beschickt“ den Mahlgang, wie es früher hieß. Von dort gelangen die Getreidekörner in den Rüttelschub, der für das typische Klappern der Mühle, verantwortlich ist. Durch die Fliehkraft geraten sie zwischen die beiden Mahlsteine. Mit einem Becherlaufwerk (Relevator genannt), wird das aufgefangene Mehl in die Mehlsäcke geschaufelt.
Die Mühle, wie sie früher mal betrieben wurde, hat heute ausgedient. Mittlerweile gibt es fast nur noch Industriebetriebe. Den alten traditionellen Mühlen bleibt der Verweis auf eine Zeit, in der sie eine besondere Aura hatten: Viele galten als unheimliche Orte, die auf die eine oder andere Weise mit einer Teufelssage verbunden waren. Ihre Nähe zu Fließgewässern galt zwar als dämonenabwehrend, gleichzeitig wurde die Existenz von Wasserteufeln aber nicht geleugnet. Zu den gängigsten Teufelsgeschichten in Mühlen gehört der Pakt, bei dem der Teufel die Seele des Müllers fordert, im Gegenzug verspricht er gute Geschäfte. Müller und Knechte erweisen sich in diesen Sagen häufig als schlau und listig, so dass der Teufel selten zu seinem Lohn kommt.


Das gilt sogar noch für eine Sage in der Westeifel, in der ein Müller nicht so recht vorankam. Er schließt daraufhin einen Pakt mit dem Teufel, der die Mühle elektrisch macht. Dafür verspricht er ihm seine Tochter. Als alles läuft, sagt der Müller, er müsse nur noch den Branntwein holen, kommt aber mit Weihwasser zurück. Daraufhin verschwindet der Teufel – und die Mühle steht still.

 

Fotos: Doro