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Von Rittern und Räubern

Finstere Erzählungen über die Herren der Wälder

Von Maike Lina Schaper

Im Wald da sind die Räuber – so beginnt ein altes Volkslied. Dicht bewachsene und schwer einsehbare Wälder galten schon immer als Rückzugsort für allerlei finstere Gesellen. Räuberbanden und Halsabschneider lehrten Reisende insbesondere an einsamen Wegen das Fürchten. Aber auch einstmals edle Adelsgeschlechter hatten sich auf Plünderungen und Wegelagerei verlegt. Selbst auf bedeutenden Handelsstraßen waren Kaufleute zeitweise nur in Gruppen sicher. Räuber und raubende Ritter waren damals eine reale Gefahr für Hab und Gut. Zustände, die prädestiniert sind für schillernde Sagen – auch im Weserbergland.


Einer berüchtigtsten Räuber war Räuber Lippold, der vor geschätzt 500 Jahren in der Nähe von Alfeld in der Lippoldhöhle lebte. Nachdem ihn sein älterer Bruder vom Hof vertrieben hatte, zog er sich in eine Schlucht zurück  - in einen Unterschlupf im Wald, die Lippoldshöhle bei Brunkensen. Er leitete den Bach in einen Brunnen, den hoch gelegenen Zugang schützte eine eiserne Tür und er ließ sich von Steinmetzen Wohnräume und Gänge in die Felswand hauen. Als alles vollendet war, forderte er die Steinmetze auf, zu ihm zu kommen und sich ihren Lohn abzuholen. Damit diese aber nach getaner Arbeit sein Versteck nicht verrieten, tötete Räuber Lippold jeden einzelnen der Männer, anstatt sie, wie versprochen, für ihre Arbeit zu bezahlen.

Damit der Räuber in seiner Höhle merkte, wenn jemand in der Nähe im Wald unterwegs war, befestigte er der Sage nach Drähte an den Wegen, die Glöckchen in seiner Höhle zum Klingeln brachten, wenn sie berührt wurden. Eines Tages überfiel Lippold ein Brautpaar aus Alfeld. Der Räuber entführte die junge Braut, die die Tochter des Bürgermeisters gewesen sein soll, brachte sie in seine Höhle und zwang sie fortan bei ihm zu bleiben und die niedrigsten Arbeiten zu verrichten. Ein festes Ritual gab es auch: Jeden Tag nach dem Mittagessen legte der Räuber seinen Kopf in den Schoß der jungen Frau und ließ sie so lange über den Kopf streicheln, bis er eingeschlafen war. Lange Jahre verbrachte sie so und gebar dem Räuber mehrere Kinder. Und weil dieser ein grausamer Mann war, hängte er jedes von ihnen gleich nach der Geburt an einem Baum in der Nähe der Höhle auf. Jedes Mal, wenn ihre Skelette vom Winde klapperten, spottete Lippold: „Hör einmal, wie unsere Kinder singen.“

Höhleneingang

Eines Tages wurde der Räuber schwer krank, er musste der Frau erlauben, nach Alfeld zu gehen, um ihm ein Heilmittel zu holen. Zuvor musste sie ihm jedoch schwören, dass sie keinem Menschen ein Sterbenswörtchen über ihn oder sein Versteck sagen würde. Sie tat sie es. Niemand erkannte die Frau in Alfeld wieder, und diese hielt ihr Versprechen und sprach zu keinem Menschen. Bis sie vor das Rathaus kam. Sie begann, bitterlich zu weinen. Der Stein vor der Rathaustüre, der als Wahrzeichen der Stadt noch heute dort liegt, sog ihre Tränen auf und färbte sich der Überlieferung nach deswegen blau. Und weil sie nicht mit einem Menschen reden durfte, klagte die Frau stattdessen dem großen Stein ihr Leid. Dabei redete sie laut, sodass es viele der vorbeigehenden Leute mitbekamen und ihre Worte hören konnten. Die Frau erzählte dem Stein auch, wie man sie befreien könne. Und zwar zur Mittagszeit, wenn der Räuber in ihrem Schoße schlafe, könnten die mutigen Alfelder ein Seil den Schornstein hinablassen, das die Frau dem Räuber dann unbemerkt um den Hals legen könnte. Und so geschah es: Die Alfelder kamen und auf das Signal der Frau hin zogen sie kräftig an dem Seil und damit den Räuber am Hals nach oben. Als Lippold dies bemerkte, strampelte er vor Wut, doch die Schlinge um seinen Hals erdrosselte ihn schon bald. Die Lippoldshöhle aber darf heute noch besucht werden.

Die dunklen Wälder dienten nicht nur als Versteck für gefährliche Räuber. Auch zwielichtige Gestalten wurden von den Menschen in den Märchen und Sagen gern in den Wald verbannt. So geschah es auch mit dem Hessisch Oldendorfer Cord Baxmann, der im 17. Jahrhundert in der Stadt lebte. Der Baxmann war zu seinen Lebzeiten ein wohlhabender Mann, weswegen viele seiner Mitbürger neidisch auf ihn waren. Außerdem wurde er über 90 Jahre alt und war dabei so fit, dass er noch bis ins hohe Alter arbeiten konnte. Das war in der damaligen Zeit sehr selten und deshalb glaubten die Menschen, dass der Baxmann mit dem Bösen im Bunde stehe.
Dieser Eindruck bestätigte sich noch, als nach der Beerdigung von Cord Baxmann etwas Seltsames geschah: Er tauchte plötzlich als lebendiger Toter wieder in der Stadt auf und jagte damit vielen Menschen große Furcht ein. Daher holten die Hessisch Oldendorfer zwei Mönche zu Hilfe, die den Baxmann mit einem Bann belegten: Er solle so lange in den Wäldern des Süntels an der Blutbachquelle bleiben, bis er sie mit einem Sieb leergeschöpft habe. Eigentlich eine unmögliche Aufgabe. Doch eines Winters war es so kalt, dass der Bach komplett zufror und es dem Baxmann tatsächlich gelang, das zu Eis gefrorene Wasser mithilfe des Siebes aus dem Bach zu schöpfen.

Lippoldshöhle quer 2

So erschien der Baxmann erneut in Hessisch Oldendorf und wieder holten die Städter die Mönche zu Hilfe, um ihn wieder an die Blutbachquelle zu bannen. Nur dieses Mal sollte der Baxmann den Bach nicht mit einem Sieb leer schöpfen, sondern mit einem Fingerhut. Scheinbar gelang ihm diese Leistung bis heute nicht, denn daraufhin hat man den Baxmann nie mehr in Hessisch Oldendorf gesehen.

Doch wer nun glaubt, Wälder nur meiden zu müssen, um nicht Gefahr zu laufen, einem Bösewicht zu begegnen, der liegt falsch. Denn auch in Schlössern lebten ab und an böse Gesellen. So wie Ritter Clawes von Rottorp, der im 16. Jahrhundert das Wasserschloss in Hülsede im Schaumburger Land erbauen ließ und seit seinem Tod dort spuken soll. Das Leben als Geist hat sich Ritter Rottorp in vielen Jahren des Krieges und des Raubens verdient. Als Lohn für seine Siege nahm er sich Länder und Burgen von seinen Gegnern. Auch während der Kämpfe hielten Rottorp und seine Männer sich nicht zurück: Sie plünderten und brandschatzten zum Leidwesen der Dorfbewohner, die wegen vieler Kriege bitterarm waren. Für seine Taten wurde Ritter Rottorp von Kaiser Karl V bestraft und für vogelfrei erklärt. Damit galten für ihn keine Rechte mehr, die ihn vor seinen Feinden schützen. Aus Angst baute Rottorp sein Anwesen in Hülsede weiter aus. Er ließ es mit einem Burggraben, einer Zugbrücke und Wehrtürmen sichern. Trotzdem soll es mehrfach rachedurstigen Opfern gelungen sein, in das Heim des Ritters einzudringen. Nur mit viel Glück, und wie es heißt den umgedrehten Hufeisen seines Pferdes, konnte Rottorp seine Feinde ein ums andere Mal in die Irre führen und ihnen entrinnen. Von seiner Rechtlosigkeit konnte sich der Ritter schließlich befreien, indem er viele Jahre für den Kaiser in den Krieg gegen die verfeindeten Türken zog. Zwei Jahre vor seinem Tod erlöste ihn der Kaiser von seinem Bann, sodass Rottorp im Alter von 60 Jahren friedlich einschlafen konnte. Trotzdem soll sein Geist seit 450 Jahren keine Ruhe vor den Schandtaten des Ritters zu seinen Lebzeiten finden und seither in dem Wasserschloss spuken.

Hintergrund

Räuber Ritter Höhlen