Hebamme alt

Die Vernichtung der weisen Frauen

Seit dem Mittelalter wurden Hebammen verfolgt – weil sie Frauen Entscheidungsgewalt über ihre Körper gaben

Von Wiebke Westphal

Er ist einer der ältesten Frauenberufe der Welt: Bereits seit Jahrtausenden helfen Hebammen schwangeren Frauen bei der Geburt ihrer Kinder und im Wochenbett. Doch die Geschichte dieses jahrtausendealten Wissens ist zugleich die Geschichte eines jahrtausendealten Kampfes: Seit dem frühen Mittelalter und mit zunehmender Verbreitung des Christentums wurden Geburtshelferinnen überall in Europa verfolgt, gejagt, gehängt oder verbrannt – denn sie verfügten über und verbreiteten Wissen, das Frauen die Macht gab, wenigstens zu einem kleinen Teil selbst über ihr Leben zu entscheiden.

Auf, gehet und entbindet Redet von den drei Kindern, die in ihrem Leibe sind.“ Mit diesen Worten soll der ägyptische Sonnengott Re die Göttinnen Isis, Nephtys, Mesechent, Hecket und Chnum seiner Frau zu Hilfe geschickt haben, als sie die ersten drei Pharaonen gebar. „Lasst sie uns sehen, wir verstehen uns aufs Entbinden“, sollen die Göttinnen geantwortet haben: Die Tempelmalereien von dieser Drillingsgeburt aus dem dritten Jahrtausend vor Christus gelten heute als eines der ältesten Zeugnisse der
Hebammenkunst.


Der Beruf der Hebamme ist einer der ältesten Frauenberufe der Welt. Viele Jahrhunderte lang hielten es Männer für unter ihrer Würde, in diesem Fach selbst Hand anzulegen. Väter durften während der Geburt höchstens dafür sorgen, dass genug Wasser bereitstand, und Chirurgen wurden oft erst gerufen, wenn eine Gebärende in den Wehen gestorben war. Als sich 1521 ein Doktor Veites in Hamburg als Bademutter verkleidete und Frauen in den Wehen zu Hilfe eilte, wurde er kurzerhand verbrannt. In der deutschen Sprache gibt es bis heute keine maskuline Form der Berufsbezeichnung. Erst seit 1985 ist es Männern in Deutschland überhaupt offiziell erlaubt, den Hebammenberuf auszuüben – die offizielle Berufsbezeichnung lautet Entbindungspfleger. Unter den 18 500 Mitgliedern im Deutschen Hebammenverband sind heute allerdings nur drei männliche.
So wurde das Wissen über die Hebammenkunst über Jahrtausende – und angesichts der Zahlen bis heute – nur von Frau zu Frau weitergegeben. Es waren Frauen, in deren Händen – im wörtlichen Sinne – das Leben der Kinder selbst der reichsten und einflussreichsten Männer lag. Es waren Frauen, auf deren Hilfe selbst die mächtigsten Männer angewiesen waren und sind. Und es waren Frauen, die Kenntnisse hatten, von denen männliche Ärzte nur abschreiben konnten: Lange Zeit durften Ärzte das weibliche Genital nicht berühren und bei keiner Geburt dabei sein.

Hebamme historisch
Und damit nicht genug: Hebammen wirkten bis ins frühe Mittelalter nicht nur als Geburtshelferinnen, sondern auch als Spezialistinnen für die Geburtenkontrolle, die Verhütung also. Dabei kamen nicht nur mechanische – die Idee zum ersten Kondom hatte der Sage nach im alten Griechenland eine Frau – Verhütungsmethoden zum Einsatz, sondern auch pflanzliche Arzneimittel, die von einer fundierten Kenntnis der weiblichen Physiologie zeugen. Einige der Methoden zielten nicht nur auf die (vorübergehende) Empfängnisverhütung bei der Frau, sondern sogar auf eine Verringerung der Spermienaktivität beim Mann.
Mittel und Wege gab es damals, es gibt sie heute: Bereits seit mehr als 30 Jahren wird sowohl an Tieren als auch an Menschen ein kleiner operativer Eingriff mit dem Namen RISUG (Reversible Inhibition of Sperm Under Guidance) getestet. Die Methode ist kostengünstig, minimal invasiv und vollständig rückgängig zu machen – völlig ohne Hormone, wie sie beispielsweise in der Anti-Baby-Pille stecken. Allein die Tatsache, dass sich keine solcher Methoden bis heute durchsetzen konnte oder auch nur halbwegs weit verbreitet ist, spricht Bände: Die (Männer-)Welt ist noch nicht bereit.

So ist es kein Wunder, dass dem – Geburten verhindernden, Männer vermeintlich unfruchtbar machenden und Frauen ein Stück weit die Kontrolle über ihren eigenen Körper und ihr Leben gebenden – Treiben der Hebammen irgendwann ein Ende gesetzt werden sollte. Dieses „irgendwann“ fiel in Europa ins frühe Mittelalter – in die Zeit also, als das Christentum in allen Lebensbereichen auf dem Vormarsch war. Altes Wissen schwand nach und nach, Glaube und Aberglaube verbreiteten sich. Auf einmal wähnte man hinter jeder Ecke den Teufel am Werk – natürlich am ehesten in jenen Bereichen, in denen sich die Mächtigen, die Männer, nicht oder nur schlecht auskannten. Im Jahr 1484 erkannte Papst Innozenz VII. die Hexenlehre an. Die Dominikanermönche Henricus Justitiore und Jakobus Sprenger stellten in ihrem „Hexenhammer“ klar: „Keiner schadet der katholischen Kirche mehr als die Hebammen“ – denn diese wirkten genau dort, wo es dem Teufel ein Leichtes war, das gerade geborene, aber noch nicht getaufte Kind zu rauben. In einem unbeobachteten Moment, so ein böses, aber weit verbreitetes Märchen, würde sich die Hebamme mit dem Säugling aus dem Geburtszimmer schleichen und sich dreimal vor dem Bösen verneigen – so würde das Neugeborene dem Satan geopfert.
Spätestens im Zuge der europäischen Bevölkerungskatastrophe – schwere Ernterückstände ab etwa 1300 und die große Pest von 1348 bis 1352 kosten Europa ungefähr 25 Millionen Menschen, und das bei einer Gesamtbevölkerung von lediglich 80 Millionen Einwohnern – wurden Empfängnisverhütung und Abtreibung endgültig verteufelt. Die Geburtenkontrolle wurde mit der Todesstrafe belegt; 1532 gingen die Todesstrafen für Geburtenkontrolle und „Genusssexualität“ in die „Peinliche Gerichtsordnung“ Kaiser Karls V. ein und erhielten damit Gültigkeit für den größten Teil des Kontinents: die deutschen Länder und Österreich, für Tschechien und Ungarn, die Niederlande, Luxemburg und Burgund, für Sardinien, Sizilien und Neapel sowie für Spanien und die spanischen Territorien in Amerika.

Um die Dimension zu verdeutlichen: Allein in Köln etwa wurden zwischen den Jahren 1627 und 1639 nahezu alle Hebammen der Stadt als Hexen verbrannt. So verschwand das zuvor von Generation zu Generation, von Frau zu Frau weitergegebene Verhütungswissen allmählich – nicht durch Zufall fällt die Vernichtung der „weisen Frauen“ mit der Bevölkerungsexplosion der späten europäischen Neuzeit zusammen. Und es ist eine besonders bittere Pointe, dass es nur eine Zeit gab, in der die Hebammen politisch massiv gefördert wurden: unter den Nationalsozialisten. Im Zuge ihrer rassischen „Gesundheits“- und Familienpolitik machten sie die Hebammen zu den „Hüterinnen der Nation“ und schrieben jeder schwangeren Frau per Gesetz eine „Beziehungspflicht“ zu einer Hebamme vor. Diesen wurde die Pflicht auferlegt, die Familien zu Hause auszuspionieren, Fehlbildungen und Krankheiten von Neugeborenen zu melden und „lebensunwertes“ Leben aufzuspüren. Teilweise wurden sie auch zu Zwangssterilisierungen und zu Abtreibungen hinzugezogen.