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„Ein Land, das gegen unsere Füße liegt“

Exodus Hamelensis – über geheimnisvolle Höhlen und verlorene Namen / Spurensuche in Siebenbürgen

Von Julia Niemeyer und Ulrich Behmann

Wohin sind sie entschwunden? Wo sind sie geblieben? Nach den Brüdern Grimm sind die Kinder der Stadt Hameln nach Siebenbürgen geführt und dort aus einer Höhle hervorgetreten. Dennoch sind die 130 Frauen, Männer und Kinder bis heute wie vom Erdboden verschluckt. Was ist dran an dieser Version der Rattenfängersage? Was spricht für Siebenbürgen – und was dagegen?

Nicht, dass wir glauben, die spurlos verschwundenen Kinder von Hameln seien – wie die Historikerin Waltraud Woeller und der Heimatforscher Gernot Hüsam aus Coppenbrügge vermuten – in die Teufelsküche im Ith bei Coppenbrügge hineingegangen und – wie die Brüder Grimm kolportieren – aus einem Loch in den Karpaten herausgekommen. Vor ein paar Jahrhunderten war das allerdings noch anders: Hannibal Nullejus, Lateinschulrektor in Stadthagen, schrieb 1589: „Vielleicht gingen sie zu den Antipoden ins Innere der aufgebrochenen Erde, richteten neue Bräuche ein und schufen durch neue Sprachen Neu-Sachsen, das gegen unsere Füße liegt …“
Im „Exodus Hamelensis“berichtet der siebenbürgisch-sächsische Volkskundler Horst Klusch: „Eine der wenigen plausiblen Ideen war die der Ostsiedlung, jedoch wurde die Theorie, dass die verlorenen Kinder einen Kolonistenzug mit dem Ziel Mähren symbolisieren, für unglaubwürdig erklärt, vor allem deshalb, weil Mähren in keiner Variante der Sage angesprochen wurde. Siebenbürgen war das verheißungsvolle Land.“

Hamlesch Paar

Schon in der von Fincelius benutzten Sagenfassung (1555) ist von einem Land namens „Sachsen“ die Rede gewesen, „das von Hameln recht weit entfernt sein sollte“. Klusch fand heraus, dass es ein Engländer war, der 1605 das erste Mal das „Neu-Sachsen“ als Siebenbürgen identifizierte. Die Folge sei eine Lawine von Varianten gewesen, die alle Siebenbürgen als Zielort der Hamelner Kolonistenwanderung ansahen. Dazu gehörte 1650 auch die Darstellung von Athanasius Kircher, der die Kinderausführung nach Siebenbürgen allerdings in das Jahr 1190 versetzte. Er schrieb zur Begründung: „Denn die Siebenbürgische Chronik bezeugt, dass in jener Zeit in Siebenbürgen Kinder einer unbekannten Sprache plötzlich erschienen, die sich auch dort niederließen und ihre Sprache fortpflanzten, sodass seit diesem Tage die Siebenbürger nicht anders als im germanischen Sächsisch sprechen...“ Ähnliches berichtete 1641 David Froelechius in seiner in Leutschau gedruckten Schrift.


Dass die Herkunft der Siebenbürger Sachsen mit Hameln in Zusammenhang gebracht wurde, erzählt laut Klusch auch Johann Staricius: „In Oesterreich und anderswo haben mich etlich berichten und davon discurriren wollen als sollten selbige Kinder in Siebenbürgen oder Vngarn bracht seyn worden...“ Heinrich Seyfried (1679), Johann Bisselius (1682), Johann Prätorius (1692), P. L. Berkenmeyer (1711), Johann Heinrich Redecker (1780), Heinrich Ludwig Fischer (1791), die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm (1816), sogar Gottfried Wilhelm Leibniz (1692) übernahmen die Aussage über Siebenbürgen. Leibniz glaubte sogar zu wissen, wie sie nach Siebenbürgen kamen – im Zuge eines Kreuzzugs. Gottfried Wilhelm Leibniz ging davon aus, „dass der Feldzug der Knaben ursprünglich nach Palästina gehen“ sollte. Ein Betrüger aber habe sie nach Siebenbürgen verschleppt und auch später wiederholt versucht, die Knaben in die Türkei zu verpflanzen. Die mutmaßliche Auswanderung der Kinder nach Siebenbürgen beschäftigte die Menschen schon früh: 1699 berichtet Kristian Frantz Paullini: „Im Jahre 1378 begann der Priester Walter Lübler in der Diözese Minden die traurige und sehr wunderliche Geschichte vom elenden Auszug unserer nach Dazien herübergewanderten Kinder zu leugnen, indem er sie einen alten Weiberklatsch nannte.“
Spurensuche in Transsilvanien: Die Talmescher Höhle gibt es tatsächlich. Sie liegt – gut bewacht von Straßenhunden oberhalb einer Roma-Siedlung in der Nähe der Zibinsbrücke, reicht aber nicht tief in den Berg hinein. Gut möglich, dass sie im hinteren Teil eingestürzt ist. Vor dem Eingang wachsen wilde Nelken – der Sage nach ein Zeichen dafür, dass hier einmal Blutstropfen im Boden versickert sind. Auch die viel imposantere und sagenumwobene Almescher Höhle existiert. Von einem Höhlengewirr und zum Teil kirchenhohen Gewölben ist die Rede. Und natürlich von Berggeistern, die in den Tropfsteinhöhlen wohnen. Nicht nur, dass hier der Rattenfänger mit den entführten Kindern gewesen ist, auch von einer Frau, die in jeder Neujahrsnacht aus dem Berg kommt, um Kleider in Empfang zu nehmen, wird erzählt.

Hamlesch Himmel

Auf den deutschen Friedhöfen in Schäßburg und Hamlesch wurden Menschen begraben, die Namen trugen, die es auch in Deutschland und im Weserbergland gibt. Das haben unsere Recherchen vor Ort ergeben. Als Beweis für eine Auswanderung kann das freilich nicht herhalten.
In Reußdörfchen haben wir uns mit dem in Kronstadt geborenen Ahnenforscher Christian Weiss getroffen. Der 85-Jährige hat bislang keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Spuren ins heutige Niedersachsen führen. Die sächsische Mundart, meint er, deute eher auf eine Verbindung zu Luxemburg hin. Dort spreche man einen ähnlichen Dialekt.
Einer, der mehr wissen könnte, ist Pfarrer i. R. Dr. Rolf Binder. Der Onomast (Namenkundler) forscht seit mehr als 40 Jahren, schreibt an einem Buch über Familien- und Ortsnamen in Siebenbürgen. Für uns hat Binder Namen verglichen, die wir einem Urkundenbuch der Stadt Hameln entnommen haben. Die Hamelner, die in der Zeit von 1284 bis 1292 Schenkungen vorgenommen oder bezeugt haben, trugen zum Teil latinisierte Vor- und Nachnamen. Dr. Binder hat sich die Dokumente aus dem Hamelner Stadtarchiv angeschaut und mit Namen von Siebenbürger Sachsen verglichen. Die Familiennamen Lamberti (Lamprecht), Lupus (Wolf), Blasius (Bloos), Dives (der Reiche), Diewald, Rex (König) oder Sc(h)olasticus (Schüler, zur Schule gehörig, gemeint ist sicher ein Lehrer) gibt es hier wie dort. 1284, also im Jahr des Kinderauszugs, taucht in den Hamelner Akten auch ein Bernhardo Scadelant auf. Skadelant, das komme vermutlich von Skalk und bedeute Knecht, erklärt Dr. Binder. Daraus sei wohl Gottschling (Gottes Diener), ein in Siebenbürgen weitverbreiteter Name, entstanden. Indizien vielleicht, aber längst keine Beweise für eine Auswanderung. Obwohl: Auf Namen aus dem Raum Münster sei man in Siebenbürgen bereits gestoßen, weiß der Onomast. Einzigartige Namen jener Zeit aus Hameln wie von Emmern, von Hastenbeke, von Swalenberg, von Varenholz (Vorenholthe) oder de Barchusen konnten weder Dr. Binder noch wir in Transsilvanien finden. Das sei aber auch nicht verwunderlich, meint der Namensforscher. In ihrer neuen Heimat hätten Aussiedler ihre alte Herkunftsbezeichnung meist abgelegt. Das Heimatdorf im Namen zu führen, hatte in der Fremde nur selten Sinn