Graf von Gleichen

Eine ganz besondere Bettgeschichte

Wie der Graf von Gleichen schlief

Im Schloss Pyrmont, der ehemaligen Sommerresidenz des Fürsten zu Waldeck, geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Und das nicht erst, seit das Schlossgespenst Friedrich sein Unwesen auf der Schlossinsel treibt. Als die Adelsfamilie im 20. Jahrhundert während der Kursaison im Sommer Gäste auf die bis 1945 in Privatbesitz befindliche Schloss- und Festungsanlage locken wollte, gab es eine Vielzahl von bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten im Bereich der Außenanlagen. Ganz sicher zählte dazu die vierhundertjährige Linde an der Nordwestseite der Insel, die mit ihren sieben Metern Umfang wirklich einzigartig war, aber leider 1932 durch einen Sturm entwurzelt wurde. Sensationell aber war vor allen Dingen das riesige Bett des Grafen von Gleichen in der Eckbastion von Schloss Pyrmont, das auf einzigartige Weise die Gleichensage jedem Betrachter anschaulich vor Augen führte. Was verbirgt sich hinter dieser Geschichte und was hat Pyrmont damit zu tun?

Von Dieter Alfter

Am Schlosseingang findet sich auch das Wappen der Familie von Gleichen, die für die Grafschaft Pyrmont von 1583-1631 die Verantwortung hatte. Es war noch die Zeit von Festung und Renaissanceschloss – die barocken Gebäude von Schloss, Kommandantenhaus und Magazinhaus wurden erst ab 1706 errichtet –, aber die Geschichte, dass sich auf dem Dachboden von Schloss Pyrmont noch Reste eines sagenhaften Bettes erhalten haben sollen, durchzieht die Publikationen aller Historiografen Pyrmonts im 17. und 18. Jahrhundert. So dichtet Ernst Casimir Wasserbach im Jahre 1704 wie folgt: „Spazierten nach dem Schloss, Besahn Graf Gleichen Bett, worauf mit zweyen Fraun, er schlafen um die Wett.“ Und selbst der berühmte Badearzt H. M. Marcard schreibt in seinem Buch 1784: „Auch werden Liebhabern von Altertümern noch Stücke geschnitzten Holzes von dem sehr großen Bette gewiesen, worin dieser Graf mit den beiden Gemahlinnen geschlafen.“ Eine solche Geschichte, die Gleichensage aus dem Mittelalter, ließ sich auf diese Weise so wunderbar mit dem Badeort Pyrmont und der Kurgesellschaft verknüpfen. Um die Geschichte verkürzt darzustellen: Graf Ludwig von Gleichen zog im Jahr 1227 in einem Kreuzzug gen Orient, lässt seine Frau mit zwei Kindern im heutigen Thüringen zurück. Der Graf wird gefangen genommen, lebt bei einem Sultan als Sklave. Aber die Tochter des Sultans verliebt sich unsterblich in ihn, die beiden heiraten nach muslimischem Recht. Beide fliehen über Venedig nach Rom. Der Papst tauft die Mohammedanerin und gibt dem Grafen die Erlaubnis zu einer zweiten Ehe. Auf der Burg von Gleichen in Thüringen vertragen sich die beiden Frauen aufs Beste, sie teilen mit dem Grafen das Bett und nach ihrem Tode das Grab.

Eben das vermeintliche Bett der „Doppelehe“ wurde in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Obergeschoss der Eckbastion – was für ein passender Ort – ausgestellt und vom Kastellan erläutert. Damals war die militärische Eckbastion im Untergeschoss des Gebäudes aus dem 16. Jahrhundert nicht zu sehen. Das Obergeschoss nannte sich nach Plänen des 18. Jahrhunderts „Lusthaus“ und war im frühen 19. Jahrhundert fein ausgestattet mit Landschaftsmalereien und einem schön ausgestalteten Dachstuhl in der Kunst des Klassizismus. Leider ist in den fünfziger Jahren dieser Raum völlig ausgebrannt, das Bett befand sich dann lange Zeit im Heimatmuseum. Es ist nicht das Bett aus dem Mittelalter, sondern eine liebvolle Nachempfindung eines Tischlers des frühen 20. Jahrhunderts. Heute ist das eindrucksvolle „Bettgestell“ als Leihgabe des Pyrmonter Museums auf der Burg von Gleichen ausgestellt. Allerdings ist die Geschichte so schön, dass man sich überlegen sollte, an diesem Ort der Eckbastion von Schloss Pyrmont wieder etwas Angemessenes zu inszenieren. Die Geschichte bietet sich dafür an.

Die Bettstelle auf einer früheren Darstellung damals – und so sieht es heute aus. Fotos: Museum/uk ???