Polterabend

Poltern gegen Geister

Von uralten Bräuchen rund um die Hochzeit

Der Start ins Eheleben war schon immer etwas Besonderes. Nicht umsonst ist von „Hochzeit“ (niederdeutsch „Hoogtied“ oder „Hachtyd“) die Rede. Ein Vorgang, der neben dem Paar nicht nur deren Familien, Freunde und Nachbarn, sondern zu allen Zeiten auch die Obrigkeit interessierte . Anders gesagt: Heiraten, früher auch „freyen“ genannt, war und ist keine Privatangelegenheit. Schließlich hat die Gründung eines derartigen Unternehmens - im Hinblick auf die Nachkommenschaft – auch „staatstragende“ Bedeutung.

Das Paar hat vor der Hochzeit meist andere Dinge im Kopf. Wann, wo und wie soll geheiratet werden? Wie viel darf es kosten? Wen müssen wir einladen? Nur Standesamt oder zusätzlich den kirchlichen Segen? Wohin geht die Hochzeitsreise? Keine Probleme bereitet heute das Thema Hochzeitsnacht. Das Gros hat das „Beylager“ oder „Brutlager“ schon lange vor der amtlichen Zeremonie hinter sich.

Das war bis vor gut hundert Jahren anders. „Jüngling und Jungfrau lebten keusch und züchtig neben einander, bis sie beide die vollkommene Reife des Alters erreicht hatten“, beschrieb der römische Historiker und Politiker Tacitus (um 58 bis 120 n. Chr.) Moral unserer germanischen Vorfahren. Laut Tacitus, dem wir auch den Bericht über die Varus-Schlacht verdanken, waren sie „unter allen barbarischen Völkern die einzigen, welche sich an einer Gattin begnügen“.
Auch nach der Christianisierung galt die Ehe bis in unsere Neuzeit hinein als „Wurzel und Stütze der menschlichen Gesellschaft und als natürlicher und von Gott selbst verordneter Stand, in welchen zwo Personen von unterschiedenem Geschlechte sich verbinden, um ihre Liebe zur Vermehrung des menschlichen Geschlechts einander allein und bis an ihrem Tode zu widmen“ (Definition laut „Oeconomischer Encyclopädie“, dem lange Zeit bedeutsamsten, von dem Allroundwissenschaftler Johann Georg Krünitz (1728–1796) begründeten deutschsprachigen Lexikon).

Um alles richtig zu machen, mussten jede Menge Regeln, Ratschläge und Volksweisheiten beachtet werden. Besonders wichtig waren die Wahl des Hochzeitstages, das ewigen Treuegelöbnis, die Bewirtung der Hochzeitsgäste und die Vorbereitung aufs Kinderkriegen. Details variierten von Ort zu Ort. Bis ins hohe Mittelalter hinein wurden Erkenntnisse von Generation zu Generation weitererzählt. Danach konnte man viele der heute kurios wirkenden Brauchtumsregeln nachlesen.
Eine der aufschlussreichsten Sammlungen haben im 19. Jahrhundert die Brüder Grimm zusammengetragen. Besonders viel zum Thema Hochzeit findet man in der 1835 von Jacob Grimm herausgegebenen „Deutschen Mythologie“.

-Vor der Hochzeit, Hochzeitsplanung: Laut Grimm waren die Eltern heranwachsender Töchter schon immer um deren „Unterbringungschancen“ besorgt. Mittels bewährter Tests konnte man herausfinden, ob und wie ein Mädchen unter die Haube kommen würde. „Wenn eine Jungfrau zur Mitternacht an den Hühnerstall klopft und der Hahn kräht, bekommt sie einen Mann, wenn eine Henne gackert, keinen“, so eine der überlieferten Regeln. Wollte man wissen, wann es soweit war, so musste man „am Johannisabend (24. Juni) einen Kranz von neunerlei Blumen machen und ihn rückwärts und ohne zu reden, auf einen Baum werfen. „So oft er herunter fällt, so viele Jahre muß man noch warten“.
Schwieriger war es, Informationen über Eigenschaften des künftigen Schwiegersohns zu erhalten. Schließlich wusste das nur der liebe Gott. Um den zu einer Auskunft zu bewegen, war in der 1723 veröffentlichten Schrift „Abrahamische Lauber-Hütt“ ein vorbereiteter, in Reime gefasster Gebetstext abgedruckt: „wie wird er sein – krump oder plump? mild oder wild? Ein Tölpel oder Lauer? Ein Herr oder ein Bauer? Von Adel oder von der Nadel? kalt oder warm / reich oder arm?“.

- Wahl des Hochzeitstages: Als segensreich galten Freitag, Donnerstag und Dienstag. Gefährlich war das Heiraten am Mittwoch. Dieser Tag sei dem Götterfürsten Odin oder Wotan (s. engl. Wednesday) geweiht worden, gaben die christlichen Ratgeber zu Bedenken. Der Montag war allenfalls zur Trauung „gefallener Mädchen“ gut. Grund: an einem Montag war laut biblischer Überlieferung Jesus Christus verraten worden.

- Rund um das Fest: Zu den häufigsten Ritualen gehörte das Zerschlagen von Geschirr. Hier geht es nach uraltem heidnischem Brauch den Geistern an den Kragen, die Krach bekanntlich nicht mögen. Andere bekannte Rituale sind der Austausch der Ringe, das „Besprechen“ von Haus, Hof und Herd sowie die Übergabe der Schlüssel und das Überspringen der Schwelle. In den Ritualen zwecks Förderung von Fruchtbarkeit war vor allem von Hahn, Ei, Jungfernkranz und Getreidesamen die Rede.

- Einholen der Braut: Ein wichtiges Thema im Weserbergland war das „Einholen der Braut“. Beim Verhandeln über die Aussteuer kamen in reichen Familien auch „Brautwerber“ zum Einsatz. „Reitet der Brautwerber nach dem Hause wo er werben soll, so ist er behutsam, keine Stute zu wählen“, so eine der Vorsichtsregeln. „Sonst werden in der Ehe lauter Töchter gezeugt“. War man sich handelseinig, galt die junge Frau als verlobt und ihr wurde ein roter Faden um den Leib gebunden. Nach der Trauung musste sie „sich dergestalt aufblähen, dass der Faden zerreißt“. Das sei ein sicheres Mittel gegen „schwere Entbindungen“. Wurde die Braut zum Kirchgang abgeholt, durfte sie keine Ketten und Schnallen an tragen, sondern musste „mit feierlicher Stille eingeführt werden; sonst bekommt sie unruhige Kinder“.

- Kirchgang, Hochzeitssegen: Auch für den Kirchgang galten strenge Regeln, hier nur einige Beispiele:
- Man hüte sich, eine Braut durch die Pforte zuführen, durch welche vorher eine Leiche getragen wurde“.
- „Geht die Braut in der Kirche von ihrem Stuhl zum Altar, so müssen die Brautjungfern gleich zusammenrücken, damit der Platz, wo die Braut gesessen, nicht kalt werde: die Liebe zwischen ihr und dem Bräutigam würde sonst auch erkalten.“
- „Begegnet einem Brautpaar ein Mädchen, so ist das erste Kind eine Tochter, begegnet ihm ein Junge, so ist es ein Knabe; begegnen ihm Junge und Mädchen zugleich, so gibt es Zwillinge“.
- „Der Trauring darf nicht zur Erde fallen, die Brautkrone nicht wanken, der Schleier nicht befleckt sein und die Hochzeitsschuhe dürfen nicht reißen“.
- „Fällt die Braut, nachdem sie abgeholt worden, unterwegs, so bedeutet das frühen Tod ihrer drei oder vier ersten Kinder“.
- „Gleich nach der Trauung hebt der stärkste unter den Gästen den Bräutigam und die Braut in die Höhe, um dadurch das Eheglück zu vermehren“.
- „Die junge Ehefrau wird gleich nach ihrem Eintritt durch alle Teile des Hauses geführt, durch Stuben, Kammern, Badstuben, Ställe, Gärten, und sie ist verpflichtet in alle Teile, ja selbst in den Brunnen und Feuer Bänder oder Geld zu werfen, wenn sie Glück und den Segen ihres Mannes liebt“.
- „Eine Braut, die nach der Herrschaft strebt, lasse den Bräutigam vor ihr zur Kirche gehen. Sie erreicht es auch, wenn sie nach der Trauung ihren Gürtel in die Türschwelle des Hauses liegen lässt und der Bräutigam darüber schreitet“.

- Hochzeitsfest, Hochzeitsmahl, Hochzeitsgäste, Hochzeitsnacht: Besonders heftig muss es laut Tacitus bei den Hochzeitsfeiern unserer Vorfahren zugegangen sein. Wenn der Zug vor des Bräutigams Hause angelangt war, „zog die ganze Gesellschaft ins Haus, setzte sich vergnügt zu Tische und fing nach der Mahlzeit zu tanzen an“. Diese „Herrlichkeit konnte wohl einige Tage dauern“, sei „mit vielen Unordnungen vergesellschaftet“ gewesen und habe dazu geführt, „dass bei Hochzeiten immer einige totgeschlagen wurden“. Auch in der Hochzeitsnacht ging es offenbar nicht zimperlich zu. „Bräutigam und Braut werden beizeiten zu Bette gebracht; und, damit der Ehestand nicht unfruchtbar sein möchte, so musste die erste Nacht ein bloßes Schwert zwischen ihnen liegen.“
Demgegenüber nahmen sich die mittelalterlichen, mittlerweile christlich geprägten Hochzeitsfestlichkeiten deutlich friedlicher aus. Wichtigster Bestandteil waren essen und trinken. „Bei der Mahlzeit geht man mit dem Bier vorsätzlich verschwenderisch um, und gießt es bald hie bald dahin aus; damit auch bei dem neuen Ehepaar Überfluss eintrete“, heißt es in der Grimm-Mythologie. Und: „gehen auf der Hochzeit Gläser entzwei, so werden die Eheleute nicht reich“. Außerdem müsse die Braut den Brautkranz und ein Stück Hochzeitsbrot aufbewahren. „So lange sie das hart gewordene Stück besitzt, hat sie nie Brotmangel und wenn sie und ihr Mann lebensmatt sind, so wird es von ihnen in einer Suppe genossen“.

Abschluss und Höhepunkt war die Vorbereitung der Hochzeitsnacht. Auch dabei mussten altbewährte Regeln eingehalten werden. „Das Brautbett richten die weiblichen Paten mit zu, alles wird einzelnen eingelegt und gehütet, dass niemand fremdes in die Braut komme“. Aufs Bett dürfe nicht geschlagen, nur sanft gestrichen werden. „Fällt das Kopfkissen aus dem Brautbett, so muss der zuerst sterben, der darauf gelegen hat. Zu guter Letzt müssten sich „die Brautleute übers Kreuz waschen – „so können sie nicht geschieden werden“.