Dehmke

Sitten im Dorf Dehmke

Witwe tanzte beim Volksfest nur allein

Eine Dehmkerin berichtet über die Entstehung des „Dehmker Solo"  ein Stück Dorfgeschichte


Wenn man in Dehmke in heiterer Runde beisammen sitzt und dabei irgend jemand die vielgerühmten „Spendierhosen“ anhat und eine „Runde schmeißt“, so ist bei dieser feuchtfröhlichen Gelegenheit nicht selten der altehrwürdige Dehmker Schlachtruf zu hören. Und das sieht dann so aus: Während einer der Trinkgesellen ein ,,Dem edlen Spender dieser Runde ein dreifaches Dehmker...“ schmettert, antwortet die gesamte Trinkgesellschaft mit einem herzhaften „Solo“.. Seit über 130 Jahren gehört dieses „Dehmker Solo“ als fester Bestandteil zum Brauchtum dieser Ortschaft.
Doch weiß die Überlieferung zu berichten, daß das „Dehmker Solo“ einst bei einem Anlaß geprägt wurde, der eigentlich gar nicht lustig war. Das ,,Dehmker Solo“ Es war so etwa um l850,da verstarb in Dehmke ein braver Bauersmann und mußte nun, wie es sich für einen frommen Christenmenschen gehört, in geweihter Erde bestattet werden. Nun hatte aber Dehmke zu jenen Zeiten noch keinen eigenen Friedhof. Wie alle kleineren Dörfer im weiten Umkreis gehörte auch Dehmke zum Aerzener Kirchspiel, und in jenem Flecken an der Humme war auch der einzige Friedhof, auf dem die verstorbenen Dehmker seit alters her zur letzten Ruhe gebettet wurden. Und so machte sich
auch die Witwe des Verstorbenen mit der sterblichen Hülle des Verblichenen auf die letzte Reise, hinunter nach Aerzen. Doch waren die Straßen damals noch bei weitem nicht so gut ausgebaut wie heute; es waren mehr Feldwege, bestenfalls mit etwas Schotter befestigt, die die verschiedenen Orte im Bergland westlich von Hameln  miteinander verbanden. Und so führte der Weg die Trauergesellschaft auf ihrem Marsch nach Aerzen über Stock und Stein: Sargträger marschierten mit dem Toten voran, gefolgt von der schwarzgekleideten Witwe und der ebenso gewandeten vielköpfigen Trauergesellschaft. Den Oberdehmker Bach entlang führte der Trauermarsch zu Tale bis nach Königsförde. Nun hatte sich das. Wetter in den vergangenen Tagen aber gar nicht von seiner sonnigen Seite gezeigt: Es hatte dauernd geregnet, so daß die Humme über ihre Ufer getreten war und den trauernden Dehmkern hinter Königsförde erst einmal den Weg abschnitt. Es war aber zu jenem Zeitpunkt auch gerade ein Volksfest in Königsförde, und da es wieder einmal wie aus Kübeln zu regnen begann, zog der Trauerzug erst einmal mit Sarg und Witwe ins Festzelt, um den Schauer abzuwarten. Nachdem man sich dort an den ungewöhnlichen Besuch gewöhnt hatte, und das Fest ja weitergehen mußte, spielte im Zeltbald auch wieder die Kapelle und der
Festwirt schenkte weiter aus. Und da die Dehmker wohl auch die Meinung vertraten „Spaß muß sein, selbst auf der Beerdigung, sonst geht ja keiner hin“, hatten sie bald den traurigen Anlaß ihres Fußmarsches in Richtung Aerzen vergessen, ließen es sich im Festzelt während des Gewitters Wohlergehen und feierten feste mit. Bier wurde getrunken, gescherzt und gelacht. Nur die Witwe des erst wenige Stunden toten Bauersmannes wollte nicht so recht fröhlich sein und schon gar nicht mittun, als die ersten Dehmker trotz Trauerflor das Tanzbein zu schwingen begannen. Und als dann sogar einer die frischgebackene Witwe zum Tanze auffordern wollte, wies diese das Ansinnen zurück; Erst müsse doch wohl ihr toter Mannunter der Erde liegen, ehe sie sich wieder diesen irdischen Lustbarkeiten hingeben könne, meinte mit  durchgeistigter Trauermine die sittentreue Dehmkerin. Doch wollte sich der Tanzwerber, gestärkt und keck vom zuvor getrunkenen Biere, so schnell nun auch keinen Korb geben lassen und animierte weiter zum Tanze. Worauf die Witwe, wohl mehr um mit ihrer Trauer in Frieden gelassen zu werden, als daß ihr zum Tanze zumute war, geantwortet hat: „Wenn eck denn mot, denn awer nurn ganzen surtschen Dehmker Solo“. Und sie trat auf die Tanzfläche und tanzte ganz allein zwischen den anderen Paaren. Womit sie ihre Ruhe vor dem taktlosen, nun aber verhinderten Tanzpartner, Dehmke aber seinen Schlachtruf erhalten hat. Seit 1928 müssen die Dehmker auch nicht mehr nach Aerzen zum Friedhof. Am Hang, zwischen Feldern und Wiesen, haben sie oberhalb vom Spritzenhaus ihren eigenen kleinen Friedhof angelegt. Kirchlich gehören die Dehmker heute zum großen Teil zu Groß Berkel, wenige Familien aber auch weiterhin nach Aerzen.

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