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Alle Dinge sind Gift

Vor allem Frauen wussten das zu nutzen

Von Richard Peter

Gift und Frauen, das gehört schon immer zusammen. Warum das so ist? Ganz einfach: Weil sie von jeher ein enge Beziehung zu Kräutern hatten. In der Gemeinschaft war es ihre Aufgabe, sie zu sammeln. Sie waren es, die zwischen essbar und giftig unterschieden und Pflanzen als Heilmittel einzusetzen wussten. Nicht von ungefähr galten Kräuterfrauen als Hexen. Später landeten sie für ihr Wissen oftmals auf dem Scheiterhaufen. Angst spielte wohl eine Rolle. Und tatsächlich war der Giftmord eine sehr weibliche Methode, um sich zu wehren. Oder schlicht, um jemanden loszuwerden. Ein Blick in die Giftküche.

Die Dosis macht das Gift – ein vertrauter Satz, der dennoch viel verändert hat, als Paracelsus ihn 1538 in die Welt setzte. Die genaue Formulierung: „Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift, allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei.“ Mag sein, dass auch schon der griechische Gott Asklepios mit seinem Schlangenstab – Zeichen der Apotheker – das für seine damals noch so begabten Griechen ahnte und auch Hippokrates, auf den noch immer Ärzte ihren Eid schwören.


Selbst das so hochgiftige Arsen – einmal „Königin der Gifte“ genannt, hat, wohldosiert, heilende Wirkung. Und sei es nur, dass man sich rechtzeitig über kleine Dosen immunisiert. Eine beliebte Taktik in der Renaissance, in der die Giftmischer, die vor allem Giftmischerinnen waren, Konjunktur hatten. Es war die Zeit der Machtmenschen und Machiavelli bewundertes Vorbild.
Wer an Gift denkt, denkt unwillkürlich auch an Morde. Und die waren oft spektakulär. Vor allem, wenn Frauen morden, die zu allen Zeiten Gift bevorzugten. Das erfordert keine Kraft, keine körperliche Gewalt und ist unblutig. Kommt dazu die Chance, unentdeckt zu bleiben. Arsen wird als „Aqua Tofana“, also „Heiliges Wasser“ bezeichnet und ist, wie übrigens auch die Tollkirsche, ein schleichendes Gift, das bis ins letzte Jahrhundert nicht nachgewiesen werden konnte, auch weil es geruchs- und geschmacklos war. Selbst Mozart fürchtete, man habe ihn mit „Aqua Tofana“ vergiften wollen, was dann seinem Rivalen Salieri in die Schuhe geschoben wurde.


Für eine der spektakulärsten Mordserien sorgte der „Engel von Bremen“, Gesche Gottfried, die nach ihrem Ehemann, der Mutter und ihren drei Kindern sowie ihrem Vater zwischen 1813 und 1827, darunter weitere Ehemänner, in ihrem Tötungsrausch 15 Menschen ins Jenseits beförderte. Dann wurde sie enthauptet. Es war die letzte Hinrichtung in Bremen. Gesche vermischte Arsen mit Fett, was als „Mäusebutter“ berüchtigt war. Dabei hatte sich die Gottfried jeweils rührend um ihre Opfer gekümmert, sie liebevoll gepflegt. Ihre Schicksalsschläge, der Tod ihrer Familie, trugen ihr viel Mitgefühl ein und den Titel „Engel von Bremen“.


Frauen hatten eine natürliche Beziehung zu Gift. Schon als Neander unterwegs war und Wild erlegte, waren es die Frauen, die Kräuter und Knollen, Beeren und wilde Pflanzen sammelten. Sehr früh lernten sie zwischen essbar und giftig zu unterscheiden, begannen Pflanzen auch als Heilmittel einzusetzen. So lebenswichtig ihr Wissen um alles, was da grünte, blühte oder unter der Erde heranreifte, war – es gab ihr auch etwas in die Hand, sich zu wehren. So mancher Ehemann musste früher sterben – wenn auch selten unverdient.
Schon früh wurde Gift als Bestrafung eingesetzt. Sokrates musste den Schierlingsbecher trinken, der das Nervengift Caniin enthielt, das zu Muskellähmungen führte. Kleopatra, als sie keinen Ausweg wusste, ließ sich von einer Nilschlange töten und Kaiser Claudius starb 54 nach Christi Geburt an einer Pilzvergiftung. Berichtet wird von Erbrechen und Durchfall, was darauf schließen lässt, dass seine Frau Agrippina zum Knollenblätterpilz gegriffen hatte, um ihrem Sohn Nero den Weg auf den Thron zu ebnen.


Die Renaissance war die Zeit der Arsen-Morde. Es gab sogar Preislisten, wobei Päpste für 100 Dukaten geradezu preiswert zu ihrem Herrn befördert wurden. Es war die Zeit, in der Arsen in kleinen Dosen prophylaktisch eingenommen wurde, um sich zu immunisieren. An manchen Höfen wurden auch Vorkoster gehalten.


Lange vor Gesche Gottfried brachte es im 17. Jahrhundert die Marquise von Brinvilliers zu zweifelhaftem Ruhm, indem sie ihre Familie mit Vater, zwei Brüdern und einer Schwester auslöschte, um an das Familienvermögen zu kommen und den aufwendigen Lebensstil ihres Liebhabers finanzieren zu können. Der allerdings vergiftete sich bei Experimenten im Labor, während die Marquise auf dem Schafott endete.
Ursprünglich – noch als Dosis – war Gift übrigens feminin, wechselte als schädlicher Stoff ins Maskuline – in Schillers „Kabale und Liebe“ heißt es 1784 „Noch spür ich den Gift nicht“ – bevor es zuletzt als Neutrum und als das Gift im Duden Platz gefunden hat.


Wie stark Gift wirkt, ist von vielem abhängig – von der körperlichen Verfassung, dem Zustand des Immunsystems, Alter, Gewicht, Geschlecht. Giftcocktails erweisen sich übrigens meist als giftiger. Natürlich gibt es auch beim Gift eine Art Ranking. So gilt der Inland-Taipan als giftigste Schlange der Welt, deren Biss angeblich 230 erwachsene Menschen töten könnte. Ein Glück, dass sie nur in der Wüste von West-Queensland in Australien vorkommt, sodass eine Begegnung mit ihr eher unwahrscheinlich ist.
Von den bekannten rund 3400 Schlangenarten sind etwa 340 giftig. Glaubt man den Statistiken, werden jährlich 100 000 Todesfälle durch Schlangenbiss gezählt. Unter den Giftnattern berüchtigte Stars wie die afrikanische Schwarze Mamba, die Kobras und die Korallenotter. Unter den Vipern ist unsere Kreuzotter so berühmt wie berüchtigt geworden, auch wenn ihr Biss nur für Kinder tödlich sein soll. Schmerzen verursacht er allemal. Gefährlicher ihre Kolleginnen wie die Puffotter, vor allem aber die Klapperschlange, die einen – auch wenn es dann für Touris im Death Valley bereits zu spät sein dürfte – wenigstens klappernd vorwarnt. Die höchste Dichte an Giftschlangen findet sich übrigens auf der Insel Queimada Grande an der Ostküste Brasiliens.

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Gefährlich – beinahe wie das sprichwörtliche blonde Gift – erotisch attraktive Frauen mit hellblonden Haaren – ein Großteil unserer Pflanzen, die so harmlos bewundernde Blicke auf sich ziehen. Unser Goldregen, beispielsweise, der im Frühjahr für leuchtende Farben sorgt, ist in allen Teilen giftig. Besonders die Samen sind gefährlich. Die Tollkirsche – seit der Antike allerdings auch medizinisch genutzt – kann bereits mit wenigen Beeren zum Tode führen. Und was als Rizinusöl vom Wunderbaum manchmal hilfreich sein kann, ist als Samen hochtoxisch. Genauso wie die Herbstzeitlosen, um die Kühe gekonnt herum fressen, schon früh gegen Gelenkschmerzen eingesetzt, werden aber auch gerne oder nur zufällig, wie die Maiglöckchen-Blätter, mit Bärlauch verwechselt – und haben so manchen Todesfall verursacht. Egal, ob die holde Gattin nur schusselig war oder für sich mehr Chancen als lustige Witwe witterte.


Mit Eisenhut wurden vor allem in China und Indien Waffen präpariert. Auch in Shakespeares „Hamlet“ sind die Rapiere in Gift getaucht – der Rest ist Schweigen. Zuvor schon wurde Hamlets Papa beim Mittagsschläfchen ein tödliches Gift ins Ohr geträufelt. Bei der Einbeere, die auch bei uns heimisch ist, muss man die ganze Pflanze als giftig einstufen. Berühmt geworden als Strychnin bei Agatha Christie auch die Brechnuss, eines der bittersten Gifte überhaupt. Rund 300 der 3000 Pflanzen in unseren Gärten sind giftig. Allein 10 000 Kinder vergiften sich jährlich und 1000 bis 2000 Menschen sterben jährlich am Gift aus unseren Grünbereichen, aber auch in Wald und Flur.


Pilze haben schon ganze Hochzeitsgesellschaften ausgelöscht, wenn sich zwischen den Wiesen-Champignons auch ein Knollenblätterpilz versteckte. Manche Gifte sind Gott sei Dank so bitter, dass man sie freiwillig nicht essen würde. Unser Fliegenpilz, nicht immer tödlich, aber schwer verdaulich, gilt im Nordosten von Russlands Tundra bei den Yakuten als Delikatesse. Die so hübsch gepunkteten Pilze gelten als besonderes Geschenk für Fremde. Und wehe, man schlägt diesen Beweis besonderer Gastfreundschaft aus. Glück, wenn man es – weil man das yakutische Enzym, das dieses Gift für sie neutralisiert, nicht besitzt – überlebt. Mit Bauchschmerzen. Gewaltigen Bauchschmerzen.


Neben den Schlangen haben sich ein paar besonders giftige Exemplare unsere Gewässer als Lebensraum erobert. Die Würfelqualle – natürlich an Australiens Küste – zwar hübsch, aber in Minutenschnelle tödlich. Das Gift sitzt in den Tentakeln. Eine Augenweide auch die Krustenanemone im Indischen Ozean, die den kleinsten Kontakt mit tödlicher Muskellähmung bestraft. Eine Zeit lang konnte auch der japanische Kugelfisch – berühmt als „Fugu“ und gekonnt zubereitet, eine Delikatesse – für Morde eingesetzt werden, die lang nicht aufzuklären waren. Auf dem Totenschein stand dann Herzversagen. Dabei sind heute Giftmorde nachweisbar. So folgte auf Arsen in den 50er-Jahren das Pflanzenschutzmittel E 605. Christa Lehmann präparierte damit tödlich wirkende Pralinen. Für Medienresonanz sorgte der Fall Juschtschenko, der im Herbst 2004 sein entstelltes Gesicht Dioxin-Gaben in der Suppe verdankte. Und Giftgas wurde nicht nur in den beiden Weltkriegen verheerend eingesetzt – von Zyklon B ganz zu schweigen – zuletzt auch im Syrien-Krieg. Auf privater Ebene sind Arzneimittel heute die Giftwaffen Nummer eins. Und es sind nicht mehr nur die Frauen, die „heimtückisch, raffiniert und unheimlich“ damit hantieren. Habgier ist immer noch ein klassisches Motiv und die Männer haben aufgeholt. Und immer noch gilt: Die Dosis macht das Gift.