Riesen

Als auf dem Berg die Riesen hausten

Von Wilhelm Gerntrup

Ob Gewitterblitz, Orientierungssinn der Fledermäuse oder soziales Zusammenleben der Ameisen – die moderne Naturwissenschaft liefert für (fast) alles eine logische Erklärung. Was die Leute früher in Angst, Schrecken oder andächtiges Staunen versetzte, lässt sich heute als Folge und Ergebnis evolutionärer Entwicklungsprozesse nachweisen. Das war zur Zeit unserer Großväter und Urgroßmütter noch anders. Für sie war das Geschehen zwischen Himmel und Erde noch mit wundersamen und phantasievollen Vorstellungen verbunden. Eine gewichtige Rolle in den Erklärungsversuchen spielten Riesen und Zwerge. Die Kunde von deren Wirken gehörte einst zum Pflichtunterrichtsprogramm der Schulen.

Riesenwohnsitz auf der Paschenburg

Nach den darin aufgezeichneten Geschichten müssen hierzulande – neben etlichen anderen guten und bösen Geistern – vor allem „Hünen“ gehaust haben. Mehr noch: Ohne das grobschlächtige Wirken dieses Riesengeschlechts sähe die heimische Region heutzutage völlig anders aus (siehe dazu die Sage „Wie die Weserberge entstanden sind“). Den Überlieferungen zufolge hatte sich eine ganze Reihe der kraftstrotzenden Recken auf den Anhöhen des heimischen Wesergebirges niedergelassen. Zu den bekanntesten Wohnsitzen gehörten die bis heute als „Hünenburgen“ bekannten Befestigungsanlagen und Felsformationen oberhalb von Rinteln, Hohenrode und Rohden. Einen weiteren „Riesen-Wohnsitz“ soll es in der Nähe der heutigen Paschenburg gegeben haben. Im nördlicheren Schaumburger Land sind vor allem der Heisterberg bei Beckedorf und die Rehburger Berge in der Nähe des Steinhuder Meeres als Ex-Hünen-Wohnstätten bekannt. Über die Lebensgewohnheiten der muskelbepackten Männer ist wenig bekannt. Ihre Größe sowie Kraft und Gewicht müssen phänomenal gewesen sein. Wenn einer von ihnen nieste, erbebte die Erde, und wenn sie bei Regenwetter ins Tal hinunter stiegen, entstanden in ihren Fußeindrücken Pfützen so groß wie kleine Teiche.

Dauerbeschuss schuf Nesselberg

Eine ganze Zeit lang sollen die heimischen Hünen höflich und friedlich miteinander ausgekommen und umgegangen sein. So pflegte man sich gegenseitig zum Essen einzuladen. Doch dann kam es irgendwann – wegen eines schnöden Missverständnisses – zum Streit. Man bewarf sich gegenseitig mit Felsen und anderen dicken Gesteinsbrocken. Als besonders jähzornig wird der Riese von Hohenrode geschildert. Er bombardierte sogar die eigene Dorfkirche. Darüber hinaus soll als Folge seines „Dauerbeschusses“ der gegenüberliegenden Weserseite sogar eine komplett neue Anhöhe entstanden sein – der heutige Nesselberg, auf dem später die Schaumburg errichtet wurde. Auffällig ist, dass es solche Geschichten überall in Deutschland gibt und dass übernatürlich große menschliche Wesen in zahlreichen Kulturen anzutreffen sind. Die alten Griechen hatten ihre Zyklopen. In der Bibel ist vom heiligen Christophorus und vom Riesen Goliath die Rede. Und in der altgermanischen Mythologie wird von titanenartigen Geschöpfen namens Mimir und Angrboda berichtet. Zu besonders großer Popularität und Berühmtheit hat es der im Riesengebirge beheimatete Rübezahl gebracht.

Die Überreste von Befestigungsanlagen

Einer streng wissenschaftlichen Betrachtungsweise halten Riesen-Legenden naturgemäß nicht stand. Archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass es sich bei den hierzulande noch vorhandenen Hünenburg-Ruinen um die Überreste mittelalterlicher Befestigungsanlagen handelt. Wie und warum es zur Entstehung der Riesen-Sagen kam, ist nicht bekannt. Die meisten Fachleute glauben, dass die Hünen einst Ursprung und Kraft der Schöpfung symbolisierten. Die in grauer Vorzeit lebenden Menschen hätten sich einfach nicht vorstellen können, dass jemand anderer als ein „Riese“ hohe Berge und tiefe Täler hätte aufschichten und/oder ausgraben können. Vor diesem Hintergrund hielt man auch ungewöhnliche Naturerscheinungen wie Erdbeben, verheerende Stürme und Überschwemmungen für warnende Hinweise oder Strafaktionen der Hünen, um auf diese Weise den Menschen unten im Tal deren Ohnmacht und Abhängigkeit vor Augen zu führen.

„Hünenkult“ der NS-Ideologen

Zeitweise gedieh das Ganze auch zu einer Art „Hünenkult“. Die NS-Ideologen stilisierten die reckenhaften Geschöpfe zu heldenhaften Vorläufern der nordischen „Herrenmenschen-Rasse“ hoch. Heute weisen – wenn überhaupt – nur noch Landschafts- und Örtlichkeitsnamen auf das Zeitalter der Riesenmenschen hin. Dabei taucht gelegentlich – als volkstümliche Bezeichnung für Großsteingräber – der Wortbegriff „Hünengräber“ auf. Mit dem sagenumwobenen Riesengeschlecht haben die überwiegend vor 5000 Jahren während der Jungsteinzeit angelegten Monumente nach Aussage von Kennern wenig zu tun. Das heute gebräuchliche Wort „Hünen“ soll auf das wilde, ostasiatische Reitervolk der Hunnen zurückzuführen sein, das im vierten Jahrhundert n. Chr. wie ein Feuersturm über Europa hereinbrach und dabei nachweislich auch die heimische Region heimsuchte. Die Hunnen waren zwar nicht größer und stärker als die damals hierzulande lebenden Germanen, wuchsen aber – vor dem Hintergrund ihrer vermeintlichen Unbesiegbarkeit – in den späteren Erzählungen und Erinnerungen zum Inbegriff einer unbeherrschbaren Bedrohungen auf. So stellten sich die Leute einen leibhaftigen Riesen vor.