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Auf Höhlentour

Der Entdecker der Schillat-Höhle erzählt

Von Annette Hensel

Nebelschwaden machen sich bei klirrender Kälte im Süntel breit - ein Wetter das Hartmut Brephol liebt und bei dem er gerne unterwegs ist. Doch eines Tages stockt ihm der Atem, als unerwartet ein Mensch im Wald auftaucht, der auf den ersten Blick „wild aussieht“, weil seine Konturen im Nebel nicht scharf erkennbar sind. Diese Begegnung wäre idealer Stoff für die Brüder Grimm gewesen ...

Brepohl ist Sprengmeister von Beruf, einer, der sich hervorragend mit Höhlen auskennt. „Die beste Zeit, um Höhlen zu entdecken, ist im Winter bei minus fünf bis minus acht Grad. Wenn ich dann durch den Süntel gehe, kann ich sehen, wie die warme Luft aus den Höhlen entweicht, kondensiert und als Nebel aufsteigt“, sagt der Entdecker der Schillat Höhle.
Dass die Wahrnehmung in einer Höhle eine ganz eigene ist, kennt jeder, der nur mit Taschenlampe bewaffnet durch Höhlengänge geht. Licht und Schatten lassen eine unheimliche Realität entstehen, das Echo der eigenen Stimme wirkt wie das einer fremden Person. Schon der griechische Philosoph Platon berichtet in seinem Höhlengleichnis von diesem Phänomen.
Von seinem väterlichen Freund Bodo Schillat erzählt Brepohl, dass dieser am Ende eines Höhlenarbeitstages stets für alle ein Glas Schnaps einschenkte, und dazu eines für den Höhlengeist. „Im Unterbewusstsein schweben in Höhlen die Geister mit - das sind Phänomene, die nicht zu erklären sind“, so Brepohl. Höhlen zu entdecken, auszubauen und alles für die Nachkommen zu dokumentieren, sei „ein Abenteuer, das wir uns bewahrt haben“, betont er und sagt: „Es ist dieser Höhlenzauber, der über Millionen von Jahren gewachsen ist, die Erforschung von Spalten und das Hinterfragen, warum sie an der Stelle entstanden ist – das große Rätsel soll bleiben.“
In der Märchen- und Sagenwelt werden Höhlen meist mit etwas Bedrohlichem in Verbindung gebracht: mit Drachen - wie in der Heimatsage „Die Jungfrau am Drachenfels“ - mit wilden Menschen, dem Teufel oder Unholden wie dem Räuber Lippold. „Da um die Ecke hat der Räuber gehaust“, erzählen Leute im Alfelder Raum, wenn sie an der Lippoldshöhle vorbeikommen, Bezug nehmend auf die gleichnamige Sage, in der der Räuber Lippold sein Unwesen in der Höhle trieb.
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Die schaurigen Geschichten, die den Vorfahren abends bei Kerzenschein erzählt wurden, finden bis heute im Gedächtnis der Menschen ihren Platz. Die Sorge, in einer Höhle die Orientierung zu verlieren oder nicht mehr herauszukommen, findet Nahrung in Erzählungen, bei denen Höhlen nur durch Zauberformeln wie „Sesam öffne dich“ („Ali Baba und die 40 Räuber“) zu öffnen sind.
Entsprechende Geschichten stammen oft aus gebirgigen Regionen, in denen es Höhlen gibt, wie in „Der Bärensohn“ aus dem Baskenland. In diesem Märchen sucht ein verwaistes Mädchen in einer Höhle Schutz vor Unwetter und Schnee und überwintert dort gemeinsam mit einem Bär. Als sie ihn im Frühjahr verlässt, ist sie schwanger und bringt später den „Bärensohn“ zur Welt, der alle anderen Menschen an Stärke und Überlegenheit übertrifft. Aus Oberösterreich ist die Sage vom Kind in der Schatzhöhle bekannt, das an einem Karfreitag mit seiner Mutter eine Höhle betritt, in deren Mitte eine Kiste steht, auf deren Deckel ein großer, schwarzer Hund sitzt. Dieser springt der Frau entgegen, zugleich öffnet sich der Deckel der Goldschatzkiste. „Die Frau setzt ihr Kind auf den Boden, greift hastig in die Truhe, tut glänzendes Gold in ihre Schürze und läuft dann eilig aus der Höhle.“ Erst später fällt ihr auf, dass sie ihr Kind zurückgelassen hat, doch bei ihrer Rückkehr ist die geheimnisvolle Lindauhöhle verschlossen.
Bei Grimms „Die zwölf Brüder“ dient die Höhle als Versteck, um dem sicheren Tod zu entgehen, während in „Der starke Hans“ der zweijährige Hans und seine Mutter von Räubern in eine Höhle entführt werden.
Zu den mystischen Höhlensagen zählen „Die sieben schlafenden Männer in der Höhle“, deren „Leiber blieben unverwest, ihre Kleider verschleißen nicht...“. Vom Köterberg erzählen die Brüder Grimm, dass er innen voll Gold und Schätze sei. Als ein Schäfer den Eingang zu einer Höhle des Berges betreten will, kommt „ein ganz blutiger, entsetzlicher Mann dahergelaufen“, erschreckt ihn und verscheucht ihn. Ob bei dieser Wahrnehmung vielleicht auch der Nebel seine Finger im Spiel hatte, ist nicht überliefert.