Kiebitz

Das geköpfte Brüderchen

Mord, Kannibalismus und Schamanismus – das verstörende Märchen vom Machandelboom

Das Märchen „Van den Machandelboom“ ist eines der brutalsten, bittersten, aber zugleich auch internationalsten und spirituellsten Märchen. Seine Anspielungen reichen vom Nordland bis Ägypten. Phönix lässt grüßen, aber auch die dreifaltige Göttin, die Urmutter uralter Mythologie. In der Geschichte, die der romantische Maler Philipp Otto Runge aufgeschrieben hat und die die Brüder Grimm in ihre Märchensammlung aufnahmen, stecken Parallelen zu Geschichten, wie sie in ganz Europa erzählt worden sind. Es geht um Mord, Kannibalismus, Schamanismus und nichts Geringeres als die Wiederauferstehung. Das ursprünglich plattdeutsche Märchen beginnt mit den Worten „Dat is nu all lang her, wohl twe tusend Johr“.

Das Märchen gehört zu den typischen „Stiefmuttermärchen“, und es singt zugleich das Hohe Lied der Geschwisterliebe wie auch in „Brüderchen und Schwesterchen“. Es ist eine grausame Geschichte, die sich innerhalb einer Familie abspielt, viel gemeiner noch als beim Aschenputtel, wo es auch um ein unerwünschtes Kind aus erster Ehe geht.
Wie in Schneewittchen wiederum ist ebendieses Kind ein absolutes Wunschkind der ersten Frau, die sich unterm Wacholderbaum (Mit Machandeln sind nicht Mandeln, sondern Wacholderbeeren gemeint) beim Äpfelschälen in den Finger schneidet und sich in der dunklen Jahreszeit nach einem Kind so rot wie Blut und so weiß wie Schnee sehnt.

Anders als beim Schneewittchen gebiert die Frau einen Sohn, dann stirbt sie. Der Mann nimmt sich eine neue Frau, die ein Töchterchen bekommt. Als der Mann auf Reisen ist, kann sie ihren Hass auf den Stiefsohn nicht mehr zügeln, sie schlägt dem Jungen den Kopf ab, als er sich in eine Truhe beugt, um einen Apfel herauszuholen.
Doch es kommt noch perfider. Die Stiefmutter legt den Bruder vor das Haus, setzt ihm den Kopf wieder auf und bringt die Tochter dazu, ihm eine Backpfeife zu geben. Als dabei der Kopf herunterfällt, lässt sie das Mädchen glauben, sie sei schuld und verarbeitet den Sohn mit ihrer Hilfe zu Sülze. Dann gibt sie dem unwissenden Vater das Fleisch zu essen. Dem schmeckt das Mahl so gut, dass nur Knochen übrig bleiben. Das Mädchen legt die Überreste ihres Bruders unter den Machandlboom.
Dann geschieht das Wunder: Der Bruder steigt wie Phönix aus der Asche als Kiebitz hervor und arbeitet von nun an nicht nur an seiner eigenen Verwandlung, sondern auch an Vergeltung der Missetaten.

Wacholder

In Gestalt des Vogels singt der Bruder ein Lied, dessen Reime insbesondere in ganz Westeuropa große Übereinstimmung zeigen. Ein Lied, das die ganze Geschichte in sich trägt: „Mein Mutter, der mich schlacht, / mein Vater, der mich aß, / mein Schwester der Marlenichen / sucht alle meine Benichen, / bindt sie in ein seiden Tuch, / legt’s unter den Machandelbaum. / Kiwitt, kiwitt, wat vör’n schöön Vagel bün ik!

Überall dort, wo der Vogel das Lied singt, fordert er einen Lohn. Die Gegenstände, die er bekommt, vom Schmied eine Kette, vom Schuster rote Schuhe und vom Müller einen Mühlstein, braucht er für die Verwandlung – seine eigene und die der anderen. Die Kette schenkt er dem Vater, der glücklich ist über diese Ehre und den man erst an dieser Stelle als Oberhaupt wahrnimmt. Die Kette steht für Weisheit. Auch Marlenchen ist froh über die Schuhe, mit denen sie sich frei und leicht fühlt. Die Schuld fällt von ihr ab. Das Geschenk ist der Lohn für die Treue und Güte ihrem Bruder gegenüber. Das Rot – die Farbe des Lebens – verweist auf ihr Heranwachsen zu einer jungen Frau.

Die Stiefmutter hingegen wird vom Gewicht des Mühlsteins erdrückt, so schwer wie der Mühlstein wiegt auch ihre Schuld.
Mit dem Wacholderbaum hat es eine besondere Bewandtnis. Man schrieb ihm früher eine gewisse Zauberkraft zu und einst äscherten die Menschen ihre Toten auf Scheiterhaufen aus Wacholder ein, um Dämonen abzuwehren. Er symbolisiert zugleich, wie im Märchen Aschenputtel, die Verbindung zur leiblichen Mutter.
Wer hellsichtig war, so glaubte man, konnte wahrnehmen, wie die Verstorbenen in Vogelgestalt den Körper verließen. Auch Marlenchen hat ein solches Erlebnis, als sie die Knochen des Bruders unter den Wacholderbaum legt. Im Märchen heißt es: Da wird ihr licht, die Wacholderzweige bewegen sich wie Hände, und aus einem Feuer im Nebel fliegt ein schöner singender Vogel.

Vögel, Tod, Verwandlung und manchmal Wiederauferstehung sind ein uraltes Thema in Märchen und Mythen. Man findet es beispielsweise in „De drei Vügelkens“, in „Hänsel und Gretel“, in „Der singende Knochen“ oder dem Märchen von der Unke. Der Gedanke selbst begegnet uns jedoch schon in der Odyssee. Dort heißt es, dass Itylos irrtümlich von seiner Mutter irrtümlich getötet wurde, die, in eine Nachtigall verwandelt, den Tod ihres Sohnes beklagt. Sophokles interpretiert die Sache anders. Er sagt, dass Itylos unter dem Namen Itys von seiner Mutter aus Rache für die Untreue des Gatten getötet und dann gebraten und diesem zu essen gegeben wurde. Die Mutter wurde deshalb in eine Schwalbe verwandelt. Anders als in den Märchen wird die Mutter und nicht der Sohn in einen Vogel verwandelt wird.

Die Verwandlung des Jungen in einen Vogel und die anschließende Rückverwandlung in seine menschliche Gestalt sind große magische Momente in der Geschichte vom Machandl-boom, denn es geht um nichts Geringeres als die Überwindung des Todes und Wiederauferstehung. Das Thema selbst – der Zauber um das Erstehen eines Körpers aus seinen Knochen – ist uralt und findet sich in afrikanischen Kulturen ebenso wie in indianischen Mythen. Dass die gesammelten Knochen eines Toten die Auferstehung ermöglichen, war ein vom nördlichsten Europa bis in den Orient verbreiteter Volksglaube.

Ein Glaube, der übrigens auch Johann Wolfgang von Goethe gefesselt hat. Er kannte das Märchen von Kind auf, in einem Brief an Sophie von La Roche spricht er von „jenem Mühlstein, der vom Himmel fiel“, und legt in der Kerkerszene des Urfaust der von Wahnsinn befallenen Kindesmörderin die Verse des getöteten Knaben in den Mund. Goethes Anspielungen, die er im Jahr 1774 im Faust macht, dürften der älteste Beleg für das Märchen sein.

 

Vorbild für Grimm-Märchen

Das Märchen vom Machandlboom zählt zu den berühmtesten in der Sammlung der Brüder Grimm. Es wurde, ebenso wie das Märchen vom „Fischer und seiner Frau“, von dem romantischen Maler und Schriftsteller Philipp Otto Runge (1777-1810) niedergeschrieben und künstlerisch ausgestaltet. Die beiden Texte gelten als absolute Vorbilder für die Grimm’schen Märchen. Es fand nach fünfjähriger Sammelarbeit Eingang in die erste Veröffentlichung der Kinder- und Hausmärchen (KHM) im Jahre 1812. Entsprechend dieser beiden Märchen legten die Brüder Grimm ihre Sammeltätigkeit aus, suchten nach ähnlich vollständigen, anschaulich erzählten Geschichten, die sich auf einen Helden konzentrieren und zu einem glücklichen Ausgang führten. Ludwig Bechstein übernahm das Märchen in sein Deutsches Märchenbuch.

 

Foto: Frank Neitz/Pixabay