Spinnrad 2

Das hat Dir der Teufel gesagt!

Rumpelstilzchen – eines der populärsten Grimm-Märchen

Von Richard Peter

Ach, hätte er bloß nicht den Mund so voll genommen – oder die Geschichte nach ein paar Bierchen in der Kneipe erzählt. Dort weiß man, was man von so was zu halten hat – von einem Vater mit einer hübschen Tochter, auf die er zu recht stolz ist und gerne drauflosschwadroniert. Aber der Großkotz musste ja unbedingt vor dem König renommieren und behaupten, dass seine Tochter Stroh zu Gold spinnen könne. Vielleicht hatte er ja gehofft, Majestät würde ihn um sein Töchterchen beneiden und ihn beglückwünschen.

Doch der wollte schlicht die Probe aufs Exempel. Und was die Fähigkeit, Stroh zu Gold zu spinnen betrifft, meinte der hohe Herr: „Das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt“. Nebbich. Und dann wird das Mädchen für den nächsten Tag aufs Schloss bestellt – und dort in eine Kammer mit Stroh, einem Rad und Haspeln geführt. Dann ist Schluss mit lustig: „Jetzt mache dich an die Arbeit und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so musst du sterben“. Dann schloss er die Kammer ab. Den Schlüssel hat er vermutlich mitgenommen. Da saß sie nun, die kleine Müllerstochter und „wusste um ihr Leben keinen Rat“. Sie hatte keine Ahnung, wie man „Stroh zu Gold spinnen konnte“. Der Papa ein Großmaul, ein goldgieriger König und die einzige, die zu dem Schlamassel nichts beigetragen hatte, soll nun die Suppe, die andere ihr eingebrockt hatten, auslöffeln. Ein Spielball der Großen. In ihrer Angst fing sie an zu weinen. Ein gnädiges, körpereigenes Ventil, wenn nichts mehr geht. Und dann kommt alles ganz anders.
Die Tür geht auf und ein „kleines Männchen“ kommt herein. „Guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?“ Die Kleine erzählt was sie so bedrückt – und dann die Rettung: „Was gibst du mir, wenn ich’s dir spinne?“. All zu viel hat das Mädchen nicht zu bieten und gibt ihr Halsband. „Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll“. Und nochmals die gleiche Prozedur und immer wieder und am Morgen, bei Sonnenaufgang kam der König. Und staunte nicht schlecht – aber statt sich zu freuen, wurde er nur noch goldgieriger, wie es heißt.

Wieder landet das Mädchen in einer Kammer – noch größer, natürlich. Wieder musste es weinen und wieder erschien das kleine Männchen und diesmal wechselt ein Ring den Besitzer. Weil im Märchen fast immer alles drei Mal passiert, wird erneut eine Kammer mit Stroh gefüllt. Doch diesmal verspricht der König das Mädchen zu heiraten, wenn es ihr wieder gelingt, das Stroh zu Gold zu spinnen. „Wenn’s auch eine Müllerstochter ist, dachte er, eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht“. Ein Menschheitstraum – auch im Märchen. Der Dukatenesel gehört auch dazu. Heute erledigen das die Notenbanken.
Nun hatte die Müllerstochter nichts mehr zu geben, als das kleine Männchen wieder vor ihr stand. Und das schlägt ihr eine Art Warentermingeschäft vor – einen Wechsel auf die Zukunft: „So versprich mir, wenn du Königin bist, dein erstes Kind“. Heute ist heute und morgen ist morgen, sagte sich die Kleine und versprach ihren Erstling. Das war alles so weit weg – und: kommt Zeit, kommt Rat.
So wurde aus der schönen Müllerstochter eine schöne Königin. Nach einem Jahr kam ihr erstes Kind zur Welt – natürlich ein schönes – und ebenso natürlich dachte sie nicht mehr an das kleine Männchen, dem sie all ihr Glück verdankte. Und das stand plötzlich vor ihr. „Nun gib mir, was du versprochen hast“. Die Königin begann zu verhandeln, versprach alle „Reichtümer des Königreichs“ – nutzte alles nichts: „Nein“, sagte das Männchen, „etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt“. Und auch diesmal setzte die junge Königin ihre stärkste Waffe ein, der kein Mann, auch kein Zwerglein, je widerstehen könnte. Die Tränen flossen. „Drei Tage“ so das Männlein, „will ich dir Zeit lassen“. Wieder die Drei – und dann: „Wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.“ Der kleine Wicht muss sich sehr sicher gewesen sein.

Es wurde eine schlaflose Nacht in der sie alle Namen auflistete, die sie kannte und Boten überzogen das Land, um nach ausgefallenen Namen zu suchen. Als das Männlein kam, versuchte sie es mit Kaspar, Melchior und Balzer – den Heiligen Drei Königen also – aber egal, was sie auch vorschlug, der kleine Wicht sagte nur: „So heiße ich nicht“. Beim zweiten Auftritt des Männchens versuchte sie es mit „Rippenbiest oder Hammelswade, oder Schnürbein?“ Am dritten und letzten Tag – endlich ein Bote, der zwar keine neuen Namen nennen – aber mit einem Erlebnis aufwarten konnte. Dort wo Fuchs und Has‘ sich gute Nacht sagen, entdeckte er ein kleines Haus, davor ein Feuer um das ein „lächerliches Männlein“ hüpfte und schrie:

„Heute back ich, morgen brau ich,
Übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
Ach, wie gut ist, dass niemand weiß,
Dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Und als das Männlein kam: Drei Namen. Wieder die ominöse Drei.“Heißest du Kunz? – „Nein“ – Heißest du Heinz?“ – „Nein“. Dann, sozusagen in letzter Minute die Erlösung: „Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“ „Das hat dir der Teufel gesagt“ und noch mal „das hat dir der Teufel gesagt“, schrie das Männchen – verzichtete auf die dritte Wiederholung – und „stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte er in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei“.

Ein oscarverdächtiger Hollywood-Schluss, der sich kaum toppen lässt. Ein Happy End der eher grausamen Art. Aber was für ein Auftritt! Zwerge gelten durchaus als Choleriker, denen die kurzen Beinchen am Selbstbewusstsein nagen. Rumpelstilzchen ist auch als Schrumpelstelzchen bekannt – und immer wieder versuchen die Zwerge, durch Kinderraub ihre eigenen Gene zu verbessern. Veredelung durch aufpfropfen, sozusagen. Die Urfassung des Märchens, das zu den populärsten der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen zählt, wird auf 1810 datiert. Damals gab es noch die kummervolle Arbeit der Golddraht-Verarbeitung. Bekannt war auch, dass versponnenes Stroh auf Messgewändern armer Gemeinden, wie Gold wirken konnte. So berühmt die Geschichte, die ganz traditionell mit „Es war einmal... beginnt – im übrigen aber wenig Spielraum zur Interpretation lässt. Übernatürliche Helfer, der Teufelspakt um das Kind – alles vertraute Metaphern. Und dass ein unschuldiges Mädchen hier so in die Bredouille gerät, wird in den Spinnstuben oder den Bauernkaten mit wohligem Schauer angekommen sein.

Und auch da – wofür heute Lotto und die Börse zuständig sind: die Hoffnung auf ein klein bisschen Glück, Reichtum und sozialen Aufstieg. Der Traum der Stallmagd einen Prinzen zu treffen. Eine bessere Welt. Und immer auch: Gewinner und Verlierer. Die kleine Müllerstocher als Königin. Und der Zwerg, der sich in seiner Wut selbst auseinanderreißt. Wenn’s nicht so grotesk wäre, fast schon tragisch.