Tiergarten Hirsch

Das Jagdhaus von Graf Otto IV.

Hobbyarchäologe Andreas Schmeiche ortet in Friedrichswald alten Tiergarten

Von Philipp Kilmann

Die Einheimischen sprechen gerne von „Lustgarten“, wenn vom einstigen „Tiergarten“ die Rede ist. In der Mitte des 16. Jahrhunderts ließ Graf Otto IV. zu Holstein-Schaumburg westlich des kurz zuvor abgebrannten losters Egestorf (heute Friedrichsburg) ein Wildgehege anlegen. Dort soll er Wild für die angrenzende Schaumburger Wälder gezüchtet haben. Neu ist, dass Hobbyarchäologe Andreas Schmeiche aus Friedrichshöhe sowohl das Gehege als auch das Jagdhaus genau lokalisiert hat.

Die Neugier von Andreas Schmeiche wurde durch alte Schaumburger Landkarten geweckt, die 2013 bei einer Sonderausstellung im Museum Eulenburg ausgestellt wurden. „Ich habe mir die Karten angesehen und sie in der Landschaft überprüft“, erzählt der technische Zeichner. Eine sehr vereinfachte, aber sehr anschauliche Karte aus der Mitte des 16. Jahrhunderts hat es Schmeiche besonders angetan. Auf der Karte ist der Tiergarten samt Jagdhaus von Graf Otto eingezeichnet. „Der Zeichner hat sogar einzelne Tiere mit eingefügt“, begeistert sich Schmeiche und führt mit Blick auf den heutigen Friedrichswälder Gehege-Inhaber Heinrich Requardt aus: „Faszinierend auch, dass es dort bis heute ein Wildgehege gibt.“

Tiergarten Karte

Die alte Karte vom Tiergarten

Nicht nur das. „Drei Tore boten Einlass in das Gehege“, führt Schmeiche aus. „Im Norden lag das noch heute (als Gasthaus Zum Pfingsttor; Anm. d. Red.) bekannte ,Pfingst Thor‘, im Osten führte ein Weg durch das ,Heslen Thor‘ – Heslen heißt Hasel – zum damaligen Kloster. Das Südtor lag in Richtung Goldbeck.“ Den Gehegezaun fand Schmeiche auch auf neueren Karten wieder, teilweise dargestellt mit nahezu jeder einzelnen Zaunlatte, wie etwa auf einer Karte aus dem Jahr 1720. Schmeiche übertrug den Grenzverlauf auf neuere Karten, in denen der Tiergarten nicht mehr eingezeichnet war.

Dann lief der Hobbyarchäologe die etwa viereinhalb Kilometer lange Gehegegrenze des knapp zehn Hektar großen Areals mehrmals ab – mit Navigationsgerät. Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege verlangt schließlich möglichst genaue Daten. Dort hat Schmeiche inzwischen auch seinen Fund gemeldet, bei dem es sich um „eindeutige Spuren“ handele, Wälle etwa, die von dem einstigen Zaun zeugten. „Aus Sorge, dass die Fläche sonst bebaut wird, bevor sie wissenschaftlich untersucht werden konnte.“

Auch der vermutliche Standort des Jagdhauses lässt sich noch gut ablesen, erklärt Schmeiche bei einem Ortstermin mit unserer Zeitung. „Die Fläche des einstigen Hauses ist erfreulicherweise noch unberührt geblieben“, sagt er und verweist auf Überreste eines Wassergrabens, der das Gebäude einst umgeben habe. Der Hobbyhistoriker sieht darin eine Parallele zur Wasserburg in Bückeburg, die Graf Otto IV. zum Weserrenaissance-Schloss umbauen ließ. „Daher lässt sich das Jagdhaus mit einem Torhaus in Spenge vergleichen, das 1596 im Stil der Weserrenaissance erbaut wurde. Fast so könnte es ausgesehen haben“, mutmaßt Schmeiche. „Auffallend ist auch die rote Ziegelbedachung (des Jagdhauses auf besagter Karte; Anm. d. Red.) im Gegensatz zu der sonst braun dargestellten Strohbedachung der Bauernhäuser“, merkt der Hobbyhistoriker an.

Darüber hinaus gehen aus Urkunden, die Schmeiche im Staatsarchiv Bückeburg einsah, weitere Details hervor. So hätten die Herzöge Heinrich und Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg dem Schaumburger Grafen in den Jahren 1564 und 1565 Jungwild zukommen lassen. In den Jahren 1567 und 1580 sind überdies Heulieferungen aus Möllenbeck dokumentiert. „Und noch zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges wurden knapp 130 Stück Dammwild gezählt.“ Allein: Unterlagen zum Jagdhaus und über das Ende des Tiergartens sind noch nicht gefunden worden, was Schmeiche auf den Dreißigjährigen Krieg, das Ende des Schaumburger Grafenhauses und die Teilung der Grafschaft zurückführt. „Auf Karten aus dem frühen 18. Jahrhundert ist das Jagdhaus nicht mehr abgebildet“, sagt er. „Erst mit der Gründung von Friedrichswald 1779 taucht der Flurname ,Am Lustgarten‘ auf.“

Tiergarten Gehege

Noch heute gibt es den Tiergarten in Friedrichswald.