Kleid

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Was schöne Kleider, goldene Pantoffeln und rote Käppchen in Märchen und Sagen ausdrücken

Von Frank Neitz

Ein rotes Käppchen, ein goldener Pantoffel, ein Mantel aus Fell – die Brüder Grimm erzählen gern und symbolhaft von der Kleidung ihrer Märchenfiguren, auch wenn nicht immer davon gesprochen wird, wie die Roben eigentlich genau aussehen. Wunderschön sind die Kleider der Heldinnen in jedem Fall – aber erst am Ende, wenn sie für ihre reine Seele und Gesinnung belohnt werden.Vorab gehen sie nicht selten in Lumpen, wie das Aschenputtel. Und wer nur auf den schönen Schein achtet, sich gar zu sehr herausputzt, kommt ganz schlecht weg bei den Grimms.

Im Märchen vom Sterntaler verschenkt ein kleines verwaistes Mädchen Mützchen, Leibchen und Röckchen – und fängt am Ende im „neuen Hemdlein aus allerfeinstem Linnen blinkende vom Himmel fallende Taler“ auf. Schneewittchens gottlose Stiefmutter trat in schönen Kleidern vor ihren Spiegel. Und nach einer Kopfbedeckung wurde gar ein Grimm-Märchen benannt: Rotkäppchen. Vom Aschenputtel-Schuh bis zum Rotkäppchen erzählen die Märchen gern von Kleidungsstücken. Doch wo kommen sie her, die edlen Roben, Kleider und goldene Rüstungen? In Märchen und Sagen stammen sie selten aus einer Schneiderwerkstatt. Die dient allenfalls als Kulisse, wo ein tapferes Schneiderlein aus Leibeskräften einen Gürtel näht oder nachts Heinzelmännchen flink am Rock des Bürgermeisters Hand anlegen.


Bekleidung ist multifunktionell: Bietet Schutz gegen die Witterung, dient zur Verhüllung und gilt auch als Schmuck. Ihre unzähligen Formen sind durch Klima, Brauchtum, soziale Stellung, Kultur und Technik bedingt. Doch Kleidungstücke in Märchen haben weit mehr als nur das zu bieten: Sie sind mal geheimnisvoll, mal doppeldeutig und machen in den Erzählungen Verborgenes – etwa den guten Charakter eines Handelnden – sichtbar. Die Kraft der Mode in Märchen besteht dabei in der Magie der Verwandlung. Ihre meist vage Beschreibung weckt Fantasien – beim Zuhörer wie auch dem Vorleser. Wohl auch ein Grund, warum das Phänomen Märchen Zeiten überdauert hat und Geschichten von Generation zu Generation weitergetragen werden.
Doch wie mag es wohl ausgesehen haben, das imposante Kleid, mit dem Aschenputtel zum Ball erschien? Aus Brokat mit eingewebten Silber- oder Goldfäden? Bestickt mit Perlen? Mit langer Schleppe? Oder ihr Tanzschuh, mit dem der Prinz nach ihm fahndete. So wie er in Verfilmungen gezeigt wird? Genau kann das niemand sagen. Auch nicht, wann genau die überlieferten Geschichten stattgefunden haben. „Man muss davon ausgehen, dass die Märchen und Sagen, wie wir sie kennen, Spätprodukte sind. Sie sind erst in den letzten Jahrhunderten entstanden, basieren aber auf älteren Vorstellungen oder geben diese zumindest wieder“, sagt Professor Hans-Jörg Uther. Der Göttinger war jahrelang Leiter der Arbeitsstelle Enzyklopädie des Märchens an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und ist Grimm-Experte. Uther spricht von Braut- und Brautwerbungsmärchen, wenn in deren Handlung Helden oder Heldinnen einen sozialen Aufstieg schaffen. Wie bei Aschenputtel auf seinem Weg zur Braut eines Prinzen.

„Dazu gehören eben auch die Kleider, die aber nie detailliert beschrieben werden, da das Märchen eine allgemeine Darstellung hat. Deshalb heißt es auch immer nur über die Bekleidung von Aschenputtel oder vergleichbaren Frauen: Die Kleidung war schön – wunderschön“, so der Professor. Oder es werden Vergleiche, wie mit dem Kosmos, herangezogen, damit sich jeder seine eigene Vorstellung daraus bilden kann. Die Gewandung ist in europäischen Märchen sehr abstrakt beschrieben. Sie lassen Zuhörern also die gewisse Freiheit, Personen so erscheinen zu lassen, wie diese sie persönlich verbinden lassen wollen. Kleider sind in Märchen Erkennungszeichen, Mittel der Verwandlung oder Ausdruck des Charakters. Sie spielen mit Illusionen und Träumen und der Sehnsucht nach dem schönen Schein, der Romantik und der Macht der Verwandlung; als Accessoire allerdings eine Rolle, wenn sie für das Handlungsgeschehen wichtig ist, wie die Kappe im Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Es gibt nicht nur – wie oft bei den Grimms – den Namen einer Geschichte ab, sondern ebenfalls ein Signal, das symbolhaft gedeutet werden kann. Eine Haube mussten unverheiratete Frauen tragen. Ausgeschlossen ist es nicht, dass die Kopfbedeckung davon abgeleitet ist. Die rote Farbe tauchte schon in älteren Fassungen des Märchens auf. „Aber ob damit ein Bezug zur damaligen Kleidung hergestellt werden kann, ist so gut wie ausgeschlossen“, will Uther keinen Bezug zur damaligen Kleidung herstellen. Rot die Farbe des Bluts und Weiß die der Unschuld? „Das ist eine alte Symbolik, aber in den Märchen muss man mit solchen Argumentationen sehr vorsichtig sein. Die Farbsymbolik ist ein sehr schwieriges Thema. Ich bin da sehr nüchtern eingestellt und messe dem auch keine große Bedeutung in Märchen bei. Als historisch arbeitender Forscher muss man diese Dinge sehr distanziert betrachten“, meint der Grimm-Kenner. Kleidung wird im Märchen immer mit der Schönheit verbunden, wie die golden schimmernde Rüstung eines edlen Ritters. Doch nicht immer sind gut gekleidete Menschen im Märchen als die Netten zu finden. Selbst Schneewittchens böse Stiefmutter wird als schön beschrieben. Siebenmeilenstiefel, ein Zaubergürtel oder auch ein Zauberhut: Ihnen wird in Märchen eine geheimnisvolle Bedeutung beigemessen. Eigenschaften, die man nach Uther eigentlich Göttern aus der griechischen und römischen Antike und anderen zuspricht. Und der wundersame Pfeifer, der 1284 in Hameln auftauchte.

Was trug der damals? War er so bunt gekleidet, wie er heute dargestellt wird? Ganz so farbenfroh wohl nicht. Stefan Daberkow, Leiter des Hamelner Museums, vermutet, dass der Pfeifer eine Gugel getragen habe. Jene kapuzenartige Kopfbedeckung, die auch die Schultern bedeckte und aus verschiedenen Stoffen, vor allem aus Wolle, gefertigt wurde. „Aber das ist schwer zu beantworten und wäre rein spekulativ“, sagt Daberkow. Die Beschreibung der Rattenfängerkleidung ist ebenfalls ein späteres Produkt. „Die Sage ist 1556 erstmals schriftlich aufgezeichnet worden“, weiß Uther. Und sei eine ganz klare Warnsage gewesen – „die Kinder sollen zu Hause bleiben und die Eltern aufpassen, sonst kommt der Teufel und holt sie alle weg“. Erst wenige Jahrzehnte später war dann davon die Rede, dass es nicht der Teufel, sondern ein Bundting gewesen sein soll. Also einer, der eine buntfarbige Kleidung anhatte.„Das sollte Exotisches symbolisieren, das nicht zu den Normen passte, also auffallen wollte. Als Schönheit will ich das nicht bezeichnen. In meinen Augen symbolisiert der Bundtling: ,Ich bin nichts Besonderes, aber anders als ihr‘“, so der Forscher.