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Die Drei als Nonplusultra

Zahlenmystik nicht nur in der Bibel und bei allen Völkern

Von Richard Peter

Berühmt, aus vielen Gründen – die drei gewaltigen Es-Dur Tuttischläge, mit denen Mozarts „Zauberflöte“ so spektakulär beginnt. Und zu vermuten, dass so mancher Logenbruder, der die Wiener Vorstadtpremiere besuchte, glücklich schmunzelnd dachte: „Ja, mei, unser Wolferl halt, da fehlt si fei nix“.


Für die Loge war klar, dass hier der geheiligten „Drei“ auf Insider-Art gehuldigt wurde. Schließlich gehörte auch Schikaneder, Chef des Theaters, Textdichter und als Papageno auf der Bühne, zur selben Bruderschaft. Und die Drei spielt auf der Bühne – vor allem in der Oper – sowieso eine besondere Rolle. Schon bei den Stimmlagen: Sopran, Mezzo und Alt – und bei den Sängern: Tenor, Bariton und Bass. Und abgesehen von jeder Symbolik – der Geburtsort der „Zauberflöte“ war ein Wiener Vorstadttheater. Und da ging’s zu wie in der Juden-Schul, wie man damals sagte. Vielleicht wollte Mozart – ein erfahrener Theaterhase – einfach nur für Ruhe sorgen, damit seine Musik nicht unterging im allgemeinen Gelächter und Stimmengewirr.Die Drei – allemal auch eine heilige Zahl. In der Bibel dominiert sie: Dreifaltigkeit alias Trinität, die Heilige Familie, die Heiligen Drei Könige – Christi Auferstehung am dritten Tag. Und als Zugabe: die drei Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Und nicht nur bei den Christen: Dreiheit der Götter schon bei den Olympischen: Zeus, Hades und Nereus – die Herrscher über Erde, Unterwelt und Wasser. Ein gigantischer Familienbetrieb mit mehr Zoff als bei unseren Oetkers in Bielefeld.


Ganz nüchtern betrachtet, ist die Drei eine natürliche Zahl zwischen zwei und vier. Ungerade und eine sogenannte Primzahl. Ein Dreieck ist die einfachste geometrische Figur in der Ebene. Abzählreime gehen bis drei, man sollte möglichst bis drei zählen können. Viele Redensarten beziehen sich auf sie: „Aller guten Dinge sind drei“, „Ewig und drei Tage“, „drei Kreuze schlagen“ – und auch: „Nicht bis drei zählen können.“
Geradezu omnipotent, diese Drei. Drei Grundfarben kennen wir: Rot, Gelb und Blau und die dazugehörige Dreifarben-Theorie. Breite, Länge und Höhe sind die Koordinaten der Geometrie. Erst drei Punkte können eine Fläche aufspannen. Ganz wichtig für die Statik: das Dreibein, Stativ, Dreirad – und erst ein Tisch oder Stuhl mit drei Beinen muss nicht mehr wackeln. Außerdem: Die kleinste Gruppe besteht aus drei Menschen – und Entscheidungsgremien allemal aus drei Mitgliedern, die eine Mehrheit garantieren. Auch sportlich ist die Drei eine Bank – vom Dreisprung bis zum Triathlon. Und auch die Kultur hat sich Triptychon, Trilogie und Dreiklänge und jede Menge Trios auf die Fahne geschrieben.
Dreiheit auch bei mythischen Gestalten wie den Chariten mit Erinnyen, Gorgonen und Horen – auch wenn die nur noch in Kreuzworträtseln vorkommen. Selbst im Hinduismus: göttlicher Dreiklang mit Brahma als Schöpfer, Vishnu als Erhalter und Shiva als Zerstörer. Früher hieß es auch bei uns: Die erste Generation erwirbt, die zweite erhält und die dritte verjubelt. Meistens kam es auch so hin.
Standard im Märchen – zumindest häufig: drei Söhne oder wahlweise auch drei Töchter – drei Wünsche, die man frei hat, meist bei der guten Fee, oder drei zu bestehende Prüfungen. Womit wir wieder bei der „Zauberflöte“ wären. Und auch Nathans berühmte „Ringparabel“, eben erst mit dem Potsdamer „Poetenpack“ auf Hamelns Bühne, fußt auf drei gleichermaßen geliebten Söhnen.


Verhältnismäßig ruhig ist dagegen die Vier – aber auch sie ist gewichtig. Wir zählen vier Elemente und ebenso viele Himmelsrichtungen, die sich allerdings von Nordnordost bis Südsüdwest differenzieren lassen. Religiös geprägt ist sie mit Sündenfall, Brudermord, Sintflut und Turmbau zu Babel, den vier Ursünden. Immerhin: Babel verdanken wir unsere Sprachenvielfalt – auch wenn das im vereinten Europa ein ganzes Heer von Übersetzern beschäftigt, was dann niemand liest. Aber bedeutend: die vier Evangelien – auch wenn es davon einmal sehr viel mehr gegeben hat und allein die vier schon für Verwirrung sorgen.
Auch die Fünf erhält ihre Prägung durch die Bibel. Wir kennen die fünf Bücher Moses, die als Thora so hohe Bedeutung für die Juden hat und nichts weniger, als ihre Geschichte beinhaltet – und je fünf Gebote auf den Gesetzestafeln, die Moses vom Sinai mitbrachte, als sein Volk bereits ums „Goldene Kalb“ tanzte. So am Rande auch die fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen, die in der Gotik so gerne in den üppig gestalteten Portalen dargestellt wurden, wo sonst die „Säulenheiligen“ ihren angestammten Platz besetzten. Und nicht zu vergessen: Das Pentagramma, das selbst Mephistopheles Probleme bereitet, wie man aus dem „Faust“ weiß – zumindest wissen könnte – und natürlich die fünf Wundmale des Gekreuzigten.

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Die Sechs als Werktage der Schöpfung werden einfach so hingenommen, weil man sich auf den siebten, den Tag der Ruhe freut. Während der Davidstern unseligen Angedenkens, als er sichtbar getragen werden musste, ebenfalls auf der Sechs beruht.
Eine besondere Zahl auch die Sieben. Die gesamte Schöpfung – samt Ruhetag, dauerte sieben Tage. Wenn man bedenkt, wie lange die in Berlin bereits am neuen Flughafen basteln – man darf gar nicht darüber nachdenken. Das Vaterunser kennt sieben Bitten, es gibt sieben Sakramente und sieben Todsünden. Das „sexte“ Gebot zählt immer noch dazu. Die jüdischen Feiertage – das Pessach-Fest und das Laubhüttenfest dauern ebenfalls je sieben Tage. Und der siebenarmige Leuchter leuchtet dazu.
Wer weiß eigentlich noch, dass acht Menschen mit der Arche des Noah gerettet wurden und die Beschneidung am 8. Tag stattzufinden hat? Auch Jesus wurde da im Tempel beschnitten. Heute würde man das im Krankenhaus machen. Und dann gibt es dank Bergpredigt auch acht Seligpreisungen – mit dem kryptischen „Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich“ – also: Die Intellektuellen sind alle in der Hölle. Aber hallo, willkommen bei Shakespeare und Goethe – „den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen“, wie Heine dichtete.
Bei der Neun wird’s wieder mathematisch nüchtern als Quadratzahl von drei. Wieder die Drei. Allerdings neun Monate bis zur Geburt, auch wenn Gynäkologen anders rechnen. Nur für den Mondkalender und den mondbestimmten Garten: neun Monde. Und was wirklich nur noch Pfaffen und Pastoren wissen dürften: neun Engelshierarchien. Schlimmer als in der barocken Kleinstaaterei. Vergessen und vergeben. Immerhin, eine christliche Tugend.


Die Zehn: Segen und Fluch – die zehn Gebote und die zehn Plagen, die ihnen in Ägypten zu Josephs Zeiten vorausgegangen waren. Zehn, das sind auch zweimal fünf Finger und eben so viele Zehen – das erste, was nach der Geburt und dem ersten Schrei zahlenmäßig erfasst wird mit Minute, Stunde, Tag, Monat und Jahr. Es wird einen nie wieder loslassen. Kommen noch Länge und Gewicht dazu. Vor allem Letzterem sind nach oben kaum Grenzen gesetzt.
Die zwölf – eine Art runde Zahl. Zwölf Stämme Israels – wovon einer geheimnisvoll verloren ging, aber als Kelten womöglich nicht            nur in Irland für Bereicherung sorgte. Zwölf Tierkreiszeichen, zwölf Monate und auch zwölf Apostel – wobei Judas gerne mal gestrichen wird, auch wenn mit Saulus-Paulus mit geänderten Vorzeichen ein prominenter Ersatz gefunden wurde. Und unsere Uhr mit ihren zweimal zwölf Stunden unbewusst allgegenwärtig.


Die Eins – einfach langweilig, weil auch der einzige Gott sich als dreifach herausstellt. Und wer mochte schon den Klassenprimus, auch so ein Einser, auch wenn es da durchaus Ausnahmen gab. Und die Zwei schlicht feminin. Und das Paar als Voraussetzung, dass es zur Drei wird. Und die Drei maskulin. Und die ist auch Urform der drei Kirchenschiffe, die es erlauben, auch während der Messe als Touri durch die Vergangenheit zu wandeln. Übrigens als Ergänzung: Jonas war drei Tage im Bauch des Fisches – länger hätte er es vermutlich auch nicht ausgehalten. Und drei Marien standen unter dem Kreuz – Joh. 19, 25. Er muss es wissen, schließlich war er dabei. Ein Jesus-Zitat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Und die Drei auch als göttliche Tugenden: „Glaube, Liebe, Hoffnung.“ Und was gerne auf klassizistisch nachgebildeten Tempeln für die Ewigkeit eingemeißelt steht: „Dem Wahren, Schönen, Guten.“ Manchmal heißt es auch: „Weisheit, Schönheit, Stärke.“ Und wieder bei Mozart und seiner Loge: Bibel, Zirkel, Winkelmaß. Da gibt es noch ein besonderes Zahlen-Mirakel aus Goethes Giftküche: „Du musst verstehn / Aus eins mach zehn, / Und zwei lass gehn, / Und drei mach gleich, / So bist du reich. / Verlier die vier, / Aus fünf und sechs, / So sagt die Hex‘, / Mach sieben und acht, / So ist’s vollbracht. / Und neun ist eins, / Und zehn ist keins. / Das ist das Hexen-Einmaleins.“

Zahlen sind manchmal einfach mehr als Zahlen.

 

Hintergrund

Zahlen Drei Hexen