Münchhausen-Schloss Rinteln quer

Adelsdynastie mit bewegter Geschichte

Auf den Spuren der Freiherren von Münchhausen im Schaumburger Land

Stoff bot und bietet der mehr als 800 Jahre alte Clan  mehr als genug. Es dürfte weit und breit kaum eine andere Adelsdynastie geben, die ähnlich viel erlebt, durchlitten und/oder auf die Beine gestellt hat. Die Palette der im Stammbuch verewigten Persönlichkeiten weist eine ungewöhnliche Vielfalt an Berufen und Talenten aus.

Es gab hochrangige Politiker, Regierungsbeamte, Heerführer, Bischöfe, Wissenschaftler, Kunstliebhaber, Dichter und Journalisten unter deen Münchhausens. Überdurchschnittlich viele hauchten ihr Leben nicht friedlich im eigenen Bett und zu Hause aus, sondern kamen im Krieg oder durch Mörderhand um. Zu den bis heute bekanntesten Sippschafts-Angehörigen gehören der „Lügenbaron“ Hieronymus Carl Friedrich (1720–1797), und der 1874 geborene „Balladendichter“ Börries Albrecht Conon August Heinrich, der seinem Leben im März 1945 selbst ein Ende machte. Wer tiefer in die Geschichte des Clans einsteigen will, dem sei ein Blick ins umfangreiche, im Niedersächsischen Landesarchiv in Bückeburg aufbewahrte Familienarchiv empfohlen. Eine komplette Stammbaum-Übersicht findet man in dem 1976 erschienenen Band 36 der „Schaumburger Studien“.

Die Geschichte der Stadt Rinteln und das Schaumburger Land sind ohne das Wirken der Dynastie Münchhausen schwer vorstellbar. Kaum ein historisch bedeutsamer Ort in der Region, in dem sie nicht nachhaltig-eindrucksvolle Spuren hinterlassen hat. Bis heute zu Recht bewundert und viel besucht werden ihre zahlreichen herrschaftlichen Anwesen.

Münchhausenhof Ritterstraße

Der Münchhausenhof in der Rintelner Ritterstraße

Besonders eindrucksvolle Hinterlassenschaften finden sich auch in Rinteln, wo der Clan in den 1520er Jahren Fuß gefasst und sich seither immer mehr ausgedehnt hatte. Das darf man wörtlich nehmen. Zwei Jahrhunderte nach dem Einstieg gehörten der Familie in und um die Stadt herum 900 Morgen (= 225 Hektar). Mitten drin ein weitläufiger, repräsentativ und burgartig gestalteter Gutshofkomplex. Das Gros der ursprünglichen Gemäuer ist mittlerweile verschwunden. Zu dem Wenigen, das erhalten geblieben ist, gehört ein 1565, also vor 450 Jahren an einer Außenmauer hochgezogenes Gartenhäuschen, das später als Aufbewahrungsort für den immer größer werdenden Berg von Lehns- und Grundbesitzverträgen und entsprechenden Urkunden genutzt und deshalb in „Archivhäuschen“ umgetauft wurde. Es gilt heute als eines der markantesten und originellsten Zeugnisse der Weserrenaissance-Ära.

Die Entstehungsgeschichte des architektonischen Schmuckstückes führt direkt zum familiengeschichtlich vermutlich bedeutsamsten Clan-Mitglied. Gemeint ist der Söldnerführer Hilmar von Münchhausen (1512–1573). Ohne diesen tatkräftigen und durchsetzungsfähigen Haudegen wäre die Dynastie vermutlich nicht zu überregionaler Bedeutung aufgestiegen und möglicherweise sogar in Vergessenheit geraten. Hintergrund: Bis zum Auftauchen Hilmars hatte das erstmals im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnte, damals noch in der Nähe des Steinhuder Meers beheimatete Geschlecht eine recht bescheidene Rolle gespielt. Als hochrangigste Berufsbezeichnungen sind Domherr und Ministerialbeamter nachgewiesen. Zur unangefochtenen Nr. 1 hierzulande waren im Laufe des Mittelalters die Herren von der Schaumburg aufgestiegen, die sich von ihrer Stammburg im Wesertal aus Zug um Zug ausdehnt und gegen Ende des 14. Jahrhunderts auch die Seeprovinz am Steinhuder Meer erreicht hatten. Die „von Monnikhusen“ zeigten sich loyal und wurden als Dank in den Ritterstand erhoben.

Den größten Bedeutungs- und Machtzuwachs erlebte der inzwischen weitverzweigte Clan, als der besagte Junker Hilmar auf der regionalpolitischen Bühne erschien. Als jüngster Sohn des Statius I. von Münchhausen und dessen Ehefrau Margarethe war ihm – den damaligen Gepflogenheiten entsprechend – eine Karriere als kirchlicher Würdenträger vorherbestimmt. Doch das war nicht das, was sich der Heißsporn vorstellte. Mit 17 ließ er alles stehen und liegen und verdingte sich, wie damals viele abenteuerlustige junge Adlige, als Söldnerführer. Arbeit gab es genug. Seit Anfang der 1520er Jahre tobte ein durch die Reformation ausgelöster Bürgerkrieg. Der Glaubensstreit zwischen Katholiken und Protestanten wurde mit zunehmender Grausamkeit ausgefochten.

Münchhausenhof

Der Münchhausenhof um 1960

Hilmar von Münchhausen war während des mehr als 40 Jahre andauernden Konflikts in ganz Europa unterwegs. Jahrzehntelang ritt und focht er für Karl V. – als Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und König von Spanien damals mächtigster Herrscher Europas. Als die bewaffneten Auseinandersetzungen auf deutschem Boden im Gefolge des Augsburger Religionsfriedens Ende der 1550er Jahre abzuflauen begannen, heuerte er bei Philipp II., Karls Sohn und Nachfolger auf dem spanischen Königsthron an. Mit dabei auch oft Brüder, Cousins und andere Verwandte. Bei einem Feldzug gegen die Franzosen kämpfte Münchhausen an der Seite des damaligen Schaumburger Grafen Otto IV. Zwischendurch fand er noch Zeit, sich um Frau und Kinder zu kümmern. Seit 1539 war er mit Lucia von Reden verheiratet. Sie brachte acht Kinder zur Welt.

Schon bald eilte Münchhausen der Ruf eines besonders machthungrigen und kompromisslosen Warlords voraus. Den mitleidlosen Umgang mit Tod und Gewalt hatte er schon als Kind verinnerlicht. Als er sechs Jahre alt war, war sein Vater während eines Streits um Landbesitz kurzerhand und ohne Federlesens erschlagen worden. Auch der Kampf um den rechten Glauben geriet mehr und mehr aus den Fugen. Die Feldzüge verkamen zu gewinnbringenden Beuteunternehmen. Söldnerführer bekamen den hundertfachen Sold ihrer plündernden Fußknechte. Dazu gab es „Tafel- und Handgeld“ zur Rekrutierung des Nachschubs. Besonders kräftig sahnte Hilmar ab. Philipp II. hatte ihn wegen seiner Erfolge zum königlich-spanischen Obristen ernannt. Das beinhaltete das Recht, als selbstständiger „Kriegsunternehmer“ eigene Truppen auszuheben und deren Mietpreis auszuhandeln. Zeitweise soll Münchhausen mehr als 4000 Mann unter Waffen gehabt haben. Darüber hinaus stand ihm das Lösegeld für den hochrangigsten, sprich „wertvollsten“ Gefangenen zu. Für einen 1558 im Kampf um die französische Festung Gravelines (Grevelingen) erbeuteten Feldobersten steckte der mittlerweile 46-jährige mehr als für 6000 Kronen in die Tasche. Kein Wunder, dass er schon bald zu den wohlhabendsten Männern Europas gezählt wurde.

Aus heutiger Sicht „Gott sei Dank“ legte er – genauso wie die nach seinem Ableben folgenden Generationen – das Gros des Reichtums in den Erwerb von Grund und Boden sowie zu Ankauf, Sanierung und/oder Neubau herrschaftlicher Immobilien an. Als Beispiele seien hier, neben dem eingangs erwähnten Rinteln, nur die Schlösser Lauenau, Aerzen, Neuhaus-Leitzkau bei Magdeburg und Schwöbber erwähnt.

„Wer einmal der Versuchung erlegen ist, den Spuren der Familie nachzugehen, wird nicht so schnell wieder davon loskommen“ stimmte Staatsarchivrat Friedrich-Wilhelm Schaer seine Zuhörer im November 1964 im Rintelner Gymnasium auf einen ausgedehnten Vortrag ein. Das Thema: „Die Freiherren von Münchhausen in Niedersachsen, insbesondere in der alten Grafschaft Schaumburg“. Es dürfte ein langer Abend geworden sein.

Fotos: Museum an der Eulenburg, Rinteln