DAAD Zauberer quer

Der Rattenfänger als Zauberer Sæmundur

Die Sage als isländisches Märchen

DAAD-Studenten aus aller Welt haben die Sage vom Rattenfänger weitererzählt. Befreit von Vorbehalten und Deutungshoheiten haben sie aus der Sage fantastische Märchen entstehen lassen. Und haben dabei keinen Gedanken daran verschwendet, was historisch möglich war und was nicht, sondern ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Eingeladen wurden sie dazu von der Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe und dem DAAD. Für die Rattenfängersage hatte Hoppe, die in Hameln geboren ist, einen Einstieg beigesteuert. Gemeinsam ist vielen Geschichten, dass der Rattenfänger und/oder die Kinder in den Ländern der jeweiligen Autoren stranden, dort Abenteuer erleben und Aufgaben gestellt bekommen. Nur manchmal findet ein Kind den Weg nach Hameln zurück. Aus den beiden dicken Ordnern, bei Felicitas Hoppe in Berlin landeten, musste sie die besten von 196 Geschichten auswählen. Das sei so gut wie unmöglich gewesen, sagt Hoppe, und zwar vor allem, weil die Verfasser furchtlos zu Werke gegangen seien. In der FAZ wurde 18 Geschichten veröffentlicht. Von diesen 18 wiederum haben wir drei ausgewählt. Hier das Märchen aus Island.

Von Árný Stella Gunnarsdóttir

Die Zauberlehrlinge und die Elfenkönigin

Der Rattenfänger schuf durch Magie viele Tunnel in den Bergboden und schickte die Kinder durch die Tunnel, immer drei zusammen, bis ihm nur zwei zurückblieben. Die Tunnel führten zu den Kollegen des Rattenfängers, die in allen Ländern der Welt lebten, und die genauso magisch waren wie er. Sie würden die Kinder ihre eigene Art der Magie lehren und sie zu gut erzogenen Hexen und Zauberern machen. Der Rattenfänger selbst nahm die letzten zwei Kinder, die Hans und Lieschen, als Lehrlinge. Auf dem Weg nach Hamburg erzählte er ihnen seine Geschichte.

Sein Name war Sæmundur fróði und er war ein Zauberer aus Island. Er hatte erst sein Zauberstudium an der Schwarzen Schule im Schwarzwald abgeschlossen und begab sich nun auf die Reise nach Hamburg, von wo er ein Schiff nach Island  nehmen wollte. Als er in Hameln rastete, wurde ihm das Rattenproblem bewusst, und weil er wenig Geld hatte, half er den Bewohnern Hamelns gegen eine kleine Belohnung. Die Leute dort hatten ihm aber kein Geld gegeben, und weil sie so perfide und eigennützig waren, hatte Sæmundur ihre Kinder weggenommen, damit diese von anderen Menschen bessere Sitten lernen würden.         

Lieschen und Hans blieb keine andere Wahl, als mit dem merkwürdigen Zauberer nach Island zu reisen. Dort brachte er ihnen die dunkle Art der isländischen Magie bei, ließ sie auf seinem Hof arbeiten, kümmerte sich um sie und liebte sie wie seine eigenen Kinder. Er lehrte sie Isländisch und das Lesen der Buchstaben und Runen. Als etwa sechs Jahren verflossen waren und die Kinder alt genug waren, nahm  Sæmundur Hans mit zum Althing, während Lieschen auf das Haus aufpasste. Weil Lieschen nun das erste Mal allein zu Hause war, langweilte sie sich sehr. Um sich die Zeit zu vertreiben, begann sie in den Truhen und Kisten ihres Ziehvaters zu kramen. Sie fand eine Pfeife, stopfte sie mit Heu und zündete sie an. Der Rauch wurde dicker und dunkler, bis er zu einem Dämon wurde, der so fürchterlich grinste, dass Lieschen vor lauter Schreck die Pfeife auf den Boden fallen ließ.

DAAD Mädchen

„Welche Probe hast du für mich, Mädchen?" fragte der Dämon. „Keine Aufgabe ist mir zu schwierig. Und weil du nur so klein bist, werde ich dir drei Versuche geben.   Wenn du dir nämlich keine Probe ausdenken kannst, mit der ich nicht klarkomme, dann fresse ich dich." Lieschen konnte vor Furcht kaum reden. So ein schreckliches Wesen hatte sie nie in ihrem Leben gesehen. Sie zögerte aber nicht lange, und weil sie ein kluges Mädchen war, dachte sie sich schnell eine Probe aus. „Geh und finde hundert vierblättrige Kleeblätter," sagte sie. Der Dämon lachte eisig und verschwand in die Luft. Nach allzu kurzer Zeit erschien er wieder und ließ hundert vierblättrige Kleeblätter auf den Boden fallen.

DAAD Trauben

Lieschen sah, dass das Lösen solcher kindischen Proben gar nicht schwierig für den Dämon war. Sie überlegte lange und sagte: „Finde einen ,Skuggabaldur` , zähme ihn und bring ihn her als mein ewig treues Begleit-Tier." Lieschen lächelte siegessicher. Ein Skuggabaldur war eine wilde Bestie, eine riesige Katze die Kinder fraß, und die keiner zähmen konnte. Der Dämon lachte jedoch noch lauter als zuvor, verschwand in die Luft, und nachdem er nur wenig länger als bei der ersten Aufgabe weg gewesen war, erschien er wieder mit einem Skuggabaldur in den Händen, den er auf den Boden fallen ließ. Der Skuggabaldur musterte Lieschen eine Weile, leckte sich die Pfote und kämmte sich das Fell hinter die Ohren, ging dann zu ihr und rieb sich an ihren Füßen, zahm und freundlich wie eine Hauskatze.

Lieschen wurde jetzt kreidebleich und überlegte so todesmutig wie nie zuvor. Der Dämon sah sie mit zynischem Grinsen an und leckte sich gierig die Reißzähne. Das Mädchen dachte an ihren Ziehvater und seine dumme Pfeife. Und dann bekam sie eine Idee. „Geh und bring mir die Zauberflöte meines Vaters," sagte Lieschen.

Der Dämon glotzte. „Nichts sonst?" fragte er verblüfft.  „Nein," sagte Lieschen. „Sonst nichts." Der Dämon schüttelte den Kopf. „Du schätzt dein Leben nicht so sehr, wie ich dachte," bemerkte er, bevor er als schwarzer Rauch in die Luft verschwand. Lieschen wartete in kaltem Schweiß. Ihr Ziehvater hatte seine Zauberflöte immer bei sich, und wenn irgendwer den Dämon besiegen könnte, dann er. Die Zeit verrann und der Dämon kehrte nicht zurück. Lieschen streichelte den Skuggabaldur froh. „Sollen wir gucken, ob wir nicht ein bisschen Milch für dich finden, meine kleine Mitzi?" sagte sie zur Bestie. Mitzi miaute zur Zustimmung, ohne sich in geringstem über ihren neuen Name zu beschweren.

Sæmundur und Hans ritten währenddessen nach Þingvellir zum Althing. Als sie sich im Hochland ein Quartier für die Nacht suchten, kam ein Dämon wie ein Blitz aus heiterem Himmel und griff sie an. Hans hatte so schreckliche Angst, dass er so weit weg vom Kampf rannte, wie er nur konnte. Er hielt erst dann an, als er die Kampfschreie seines Ziehvaters und das schauderhafte Lachen des Dämons nicht mehr hörte. Dann hatte er sich verlaufen. Bang und hungrig irrte Hans in der Hochebene umher. Die helle Sommernacht verlieh ihm nur wenig Beruhigung. 

Nach einigen Stunden sah er einen großen Stein, der offen stand, und aus dem ein herrlicher Essensduft verlockend strömte. Hans sah dies als ein offenes Angebot und ging in den Stein rein. Er wurde von einer kleinwüchsigen Elfin empfangen, die ihn essen ließ so viel er wollte, und ihm dann ein warmes Bett bereitete. Sie streichelte seine Haare, während er einschlief. Als Hans am nächsten Morgen erwachte, zeigte die Elfin ihm den Weg zurück zu seinem Ziehvater.

„Der Kampf ist vorbei," sagte sie. „Der Dämon ist weg." „Wie kann ich dir's vergelten?" fragte Hans. Die Elfin lächelte. „Besuche mich mal im Elfenreich," sagte sie. „Ich bin Hildur." Die Elfin erzählte Hans wie er jederzeit das Elfenreich besuchen konnte. Dann verabschiedeten sie sich.

Nach der Sache mit dem Dämon schärfte Sæmundur den Geschwistern die vielen Gefahren der Welt ein und bat sie darum, nie wieder in seinen Sachen herumzuschnüffeln. Sie versprachen, dies niemals zu tun.

Hans besuchte Hildur immer, wenn er sich unbeobachtet aus dem Haus fortstehlen konnte. Er hatte sich in sie verliebt und hatte außerdem herausgefunden, dass sie keine normale Elfin war, sondern die Königin der Elfen, die ihn seit seiner Ankunft in Island beobachtet hatte und seit langem in ihn verliebt war.

Drei Jahre nachdem Hans seine Elfenkönigin getroffen hatte, kam sie zu ihm mit einer beunruhigten Miene. „Es geht um deine Schwester," sagte sie. „Sie beraubt unser Volk, plündert ihnen den ganzen Hausrat und schändet ihre Häuser." „Ich werde mit ihr reden," sagte Hans.

Hans fand seine Schwester auf einem Felsen sitzend. Sie starrte über das bewegte Meer in Richtung Hameln. „Sehnst du dich auch nach Zuhause?" fragte sie, als Hans sich neben sie setzte. „Nein," sagte er. „Meine Heimat ist hier." „Ich mag dieses Land nicht," sagte Lieschen. „Man kann sich hier vor lauter Bestien kaum bewegen." „Nicht alle magischen Wesen sind Bestien," sagte Hans sanft. Lieschen lächelte kalt. „Das glaube ich nicht," sagte sie. „Das Leben war besser in Hameln. Sogar mit den Ratten." „Das glaubst du nicht wirklich," sagte Hans. Er bat Lieschen, zumindest die Elfen in Ruhe zu lassen. Lieschen lachte nur und sagte, dass die Elfen ihre Sympathien nicht erobert hätten und es nie tun würden. „Ich habe eine todsichere Methode gefunden, um sie zu ärgern," sagte Lieschen mit einem bösen Blick in den Augen.

Während der Mittsommernacht müssen die Elfen umherziehen, und wenn man dann auf einer Kreuzung sitzt, über die sie reisen müssen, bieten sie jeden Schatz dafür an, dass man sich aus ihrem Weg bewegt. Wenn man zu allen ihren Geboten nein sagt und am Ende der Morgen graut, verschwinden die Elfen und alle ihre Schätze gehören dem geduldigen Kreuzungssitzer.

Lieschen hatte dies drei Jahre lang getan, und dazu auch die Hügel- und Steinhäuser der Elfen mit Steinen beworfen.

Als Hans diese Geschichte hörte, schwieg er lange und dachte nach. Nach dem Ereignis mit dem Dämon hatte seine Schwester begonnen, alle magischen Wesen zu hassen. Sie tat alles, um ihnen das Leben schwer zu machen. Sie tötete Unmengen von „Nykur", Frischwasserpferde, die Kinder auf ihre Rücken lockten und sie dann in einem See ertränkten, und führte auch gerne Nachttrolle auf Umwege, bis die Sonne sie fand und sie zu Stein wurden. Kein magisches Wesen war sicher, so lange Lieschen in Island war.

 Als Hans seiner geliebten Elfenkönigin von der Überzeugung seiner Schwester erzählte, schrie sie wütend auf. „Dieses Mädchen ist gefährlich!", brummte sie. „Sie muss getötet werden. Bring mir ihr Herz, sonst bist du nicht mehr willkommen im Elfenreich."

Hans versuchte alles, um seine Geliebte zu überzeugen, dass seine Schwester leben sollte. Hildur ließ nicht nach. Tief seufzend stimmte Hans zu. Er liebte Hildur zu sehr, um einer einzigen ihrer Bitten nicht stattzugeben. Er würde also seine Schwester töten. Gott verzeihe ihm!

Als Hans aber in der Nacht mit einem scharfen Dolch vor seiner schlafenden Schwester stand, sah er, dass er sie niemals würde töten können. Er weckte sie und erklärte ihr die Lage. Sie müsse das Land verlassen und nie wieder zurückkehren. Lieschen zweifelte nicht an seinen Gründen. Sie packte in aller Eile, umarmte Hans zum Gruß und verließ das Haus ihres Ziehvaters. Sie würde wahrscheinlich nach Hameln zurückkehren. Hans vermutete, dass er sie nie wieder sehen würde und das brach ihm das Herz. Er aber liebte die Elfenkönigin zu sehr, um seine Taten zu bereuen.

Um Hildur zu befriedigen tötete Hans einen Nachttroll und entnahm ihm das Herz. Er kam in derselben Nacht zum Elfenreich und gab Hildur das noch warme Herz. Sie jauchzte und sagte zu Hans, dass sie ihn nun heiraten könnte, weil er nun ein Held wäre, der das gesamte Elfenreich gerettet hätte. Hans würde sie ein ewiges Leben schenken und er würde für immer an ihrer Seite bleiben und mit ihr das Reich der Elfen regieren. Hans war so erfreut, dass er kaum reden konnte. Hildur entschloss sich, schon am nächsten Morgen Hochzeit zu halten. Als aber der Morgen kam und die Strahlen der Sonne das Nachttrollherz berührten, wurde es zu Stein, und die Elfenkönigin sah, dass Hans sie betrogen hatte. Wütend verhexte sie ihren Liebhaber. Hans ward zu einem Raben, der trotz aller Magie der Welt nicht mit Menschen kommunizieren konnte, und er würde ein Rabe bleiben, bis er der Elfenkönigin das echte Herz seiner Schwester bringen würde.

Verzweifelt suchte Hans seine Schwester auf und fand sie in Hameln. Trotz all seiner Versuche erkannte sie ihn nicht.

Sie streichelte aber seine Federn und sagte: „Du erinnerst mich an meinen Bruder. Du sollst Hans heißen, wie er. Du kannst hier bleiben, wenn du möchtest."

DAAD Rabe

Hans blieb. Er blieb sein ganzes Leben ein unheimlich kluger Rabe, der lesen konnte und die menschliche Sprache verstand, an der Seite seiner Schwester, ohne dass sie wusste, dass er ihr Bruder war. Er half ihr, die klügste und mächtigste Hexe in Europa zu werden und begleitete sie auf ihrer Suche nach den anderen Kindern aus Hameln, die als Zauberlehrlinge in der ganzen Welt verstreut waren. Als Lieschen und der Rabe Hans alle Kinder gefunden hatten, zogen sie in den Berg ein, in den der Rattenfänger sie geführt hatte, und gründeten dort den Zauberbund, der allen Zauberern und Hexen ein gerechtes und freies Leben sichern sollte.

Sæmundur erfuhr nie, was seinen Lehrlingen passiert war, und traf sie auch nicht wieder. Er bekam neue Lehrlinge und wurde einer der mächtigsten Zauberer in Island. Mitzi, Lieschens Skuggabaldur, blieb in Island zurück und wurde von einer Trollfamilie adoptiert. Als diese Familie ihren Familienbetrieb als Weihnachtslegende startete, wurde Mitzi in Weihnachtskatze umbenannt und bleibt bis heute der einzige zahme Skuggabaldur der Welt.

 So endet die Geschichte über die Zauberlehrlinge und die Elfenkönigin. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Sæmundur der Gelehrte war ein mittelalterlicher Priester, der schwarze Magie in der Schwarzen Schule im Schwarzwald gelernt haben soll. Es gibt viele Volkssagen in Island über Sæmundur, in denen er den Teufel zum Narren hält, und er wird oft der isländische Faust genannt.

Arny Stella Gunnarsdottir

Arny Stella Gunnarsdottir aus Island

 

Illustration: © Christian Padberg

Die Geschichten der DAAD-Studenten wurden in dem Buch "Ein Märchen geht um die Welt - Neues vom Rattenfänger" veröffentlich, das leider vergriffen ist.