Degen

Mord vor dem Neuen Tor

Starb 1761 ein Bauer durch die Hand eines Soldaten? / Erkenntnisse über eine fast vergessene Geschichte

Von Ulrich Behmann

Es gibt frei erfundene Geschichten und archivalisch belegte Geschichte, Sagen, die immer ein Fünkchen Wahrheit enthalten, und mündlich weitergegebene Erzählungen oder Märchen. Wird heute von einer Begebenheit aus früherer Zeit berichtet, ist häufig unklar, was davon stimmt und was im Laufe der Jahrhunderte hinzugedichtet wurde. Die Dewezet ist einem Text über ein mutmaßliches Verbrechen nachgegangen, der sich in dem bei CW Niemeyer erschienenen Buch „Sagen und Erzählungen“ befindet. Es geht um einen „Mord im Siebenjährigen Krieg“, der sich am 20. Dezember 1761 vor dem Neuen Tor in Hameln ereignet haben soll.

Autor Georg Kollmann schreibt, ein Bückeburger Stückjunker (Stück = Geschütz) und ein Adjutant von der gleichen Truppe wären damals so betrunken gewesen, „dass sie ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig waren“ und auch wohl nicht wussten, wie sie in diesem Zustand zu Fuß zu ihrer Truppe zurückkommen konnten. Sie trafen auf einen Trupp Bauern, denen befohlen worden war, Fuhrdienst zu leisten und die nun mit Pferden und Wagen auf den Befehl zum Abmarsch warteten. „Kurzerhand begannen die beiden Soldaten damit, für jeden von ihnen ein Pferd auszuspannen.“ Die Bauern protestierten heftig. Es gab eine Schlägerei, bei der ein Bauer den Stückjunker am Auge verletzte. Dieser soll deshalb so wütend geworden sein, dass er seinen Degen zog und damit den Landwirt schwer verwundete. „Die anderen Bauern nahmen dem Adjutanten den Hut und seinen Degen weg und eilten damit fort, der Stadt zu. Der Stückjunker und der Adjutant nahmen die Verfolgung auf, um ihr Eigentum zurückzuerlangen. Als sie das Stadttor erreicht hatten, wurden sie jedoch von der Wache verhaftet. Zu ihrem Unglück verstarb der verletzte Bauer zwei Tage später. So kam es, dass die Soldaten vor Gericht gestellt und wegen Mordes angeklagt wurden.“ Ende März 1762 folgte das Urteil: „Der Adjutant wurde degradiert und wie es damals hieß, ,cum infame cassieret‘, was so viel bedeutet wie „in Unehre entlassen“. Dazu kam er für sechs Jahre ins Karrengefängnis. Der Stückjunker aber, der den Tod des Bauern verschuldet hatte, hat nur bis zum Jahre 1763 im Gefängnis gesessen. Dann gelang es ihm, zu entfliehen.“

Wahrheit oder Dichtung? Recherchen haben ergeben: Die geschilderte Tat hat sich tatsächlich so ereignet. Archivar Olaf Piontek vom Hamelner Stadtarchiv ist bei seinen Nachforschungen in den tagebuchähnlichen Aufzeichnungen des Johann Daniel Gottlieb Herr (geb. 1728, gest. 1765) fündig geworden. Der damalige Pastor primarius der Münsterkirche hielt in seiner Abhandlung mit dem Titel „Wohl und Wehe der Stadt Hameln während des Krieges von 1757 bis 1763“ folgendes fest: „d.20ten wurde vor dem neuen Thor auf den Wiesen ein Bauer erstochen von einem Bückeburgischen Stük Jungherr. Dieser kam nebst den Bückeburgischen adiutanten besoffen aus der Stadt, fiel die daselbst zum fahren beorderte und in Bereitschaft stehende Bauren an, und wolten ihnen die Pferde ausspannen, um nach ihren Quartieren zu reiten. Die Bauren wiedersetzten sich. Sie bekamen Schläge, erwiederten aber dieselbe mit hertzhaften Prügeln und schlugen den Stükiunker fast das Auge aus. Dieser stach einen Bauren durch. Deßen Cameraden nahmen den adiutanten Hut und Degen weg und eilten damit zur Stadt. Der Stükiunker und adiutant folgten sie bis unter das Thor, um die Leute wieder zu haben, und da wurden sie von der Wache am Neuen Thor arretiret. Der Bauer starb den 22ten und wurde den 23ten seciret. Zu Ende Monats Martii 1762 wurde der adjutant degradiret, cum infamia cassirt und auf 6 Jahr nach Hameln in die Karre condemniret. Der Stük Junker hat bis 1763 geseßen und ist endlich echarpirt.“

Damit ist bewiesen: Der Bauer ist tatsächlich von dem Junker getötet worden. Und auch die Verurteilung der beiden Soldaten ist belegt. Dennoch bleiben zwei wichtige Fragen unbeantwortet. Warum wurde der Adjutant härter bestraft als der eigentliche Täter? Der Stückjunker hat nicht einmal ein Jahr in Haft gesessen. Und: Ist ihm wirklich – wie Kollmann schreibt – nach kurzer Zeit die Flucht gelungen?

Der Jurist und Militärhistoriker Michael-Andreas Tänzer glaubt zu wissen, warum. Der Stückjunker war ein Artillerieoffizier von niedrigem Rang. Eigentlich war er noch kein richtiger Offizier, eher ein angehender. „Der Junker war ganz sicher minderjährig und stammte möglicherweise aus einer adeligen Familie. Beides dürfte sich auf das Strafmaß ausgewirkt haben, das zu damaliger Zeit ein Kriegsgericht gefällt hat“, sagt der Experte. „Es gab bereits so etwas wie ein Jugendstrafrecht.“ Möglicherweise wurde dem Jungen zugutegehalten, dass er mit dem Stich sein Leben verteidigen wollte. Immerhin war er bei der Schlägerei am Auge verletzt worden. Belegt ist nicht, dass der Täter wegen Mordes verurteilt wurde. Mit „echarpirt“, wie Magister Herr schrieb, ist nicht etwa eine Flucht aus dem Gefängnis gemeint. „Echarpirt“ bedeutet, dass ihm die Schärpe, also das äußere Zeichen eines Offiziers, abgenommen wurde. Der Adjutant, vermutlich ein Leutnant oder Oberleutnant, war als Vorgesetzter verantwortlich für den Junker. „Pferde zu stehlen, war eines Offiziers unwürdig“, erklärt Tänzer. „So etwas wurde in Offizierskreisen nicht geduldet. Eher hätte man in Kriegszeiten das Töten eines Bauern als Lappalie verstanden.“ Der Adjutant war dem Junker also ein schlechtes Vorbild. Das hat sich nach Meinung des Juristen und Militärhistorikers strafverschärfend ausgewirkt.

Genauer lässt sich das Urteil nicht nachvollziehen, da nach Angaben von Tänzer die „Prozessakten der Kriegsgerichte aus dem Siebenjährigen Krieg nicht erhalten“ sind.

Magister Herr berichtet, dass der getötete Bauer „seciret“ wurde. Das bedeutet: Die Leiche wurde obduziert. „In jener Zeit war es für Mediziner nicht einfach, legal an einen Toten für Forschungs- oder Ausbildungszwecke heranzukommen. Deshalb nutzte man jede öffentlich-rechtliche Gelegenheit, um eine Autopsie durchführen zu können“, erklärt Tänzer.