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Das Halloween der Kelten

Samhain - eine Nacht zwischen den Welten

Von Dorothee Balzereit

The Grateful Dead – manch einer denkt dabei vielleicht an die US-amerikanischen Hippie-Rocker, die im San Francisco der 60er Jahre Teil einer breiten Gegenkultur waren, die sich im LSD-Rausch gern in fantastischen Zwischenwelten bewegte. Der Name ist Zufall, ein Bandmitglied tippte einst auf einen Begriff in der Encyclopedia Britannica, und dennoch scheint er überaus gut zu passen: Denn im Glauben der Kelten waren die dankbaren Toten, so die Übersetzung, die Geister der Ahnen, die in der Samhain-Nacht (Halloween) die Grenze ihres Reichs überschritten, sich für kurze Zeit als Geister in den Maskenträgern verkörperten und die milden Gaben der Lebenden entgegennahmen.

Für die Kelten war die Samhain-Nacht allerdings viel mehr als die wilde Gruselparty, die heute meist zu Halloween gefeiert wird. Und die amerikanische Variante dieses Festes mit Horrorverkleidungen und Fordern oder Erbitten von Gaben hat so gut wie gar nichts mehr mit dem ursprünglichen, hauptsächlich irischen Samhain, zu tun. Dennoch leben in den Gruselpartys von heute einige Bräuche des einst für die gesellschaftliche Existenz wichtigen Jahres- und Naturfestes weiter.
Für die Kelten war Samhain (altirisch: samain, samuin, samfuin oder schottisch-gälisch: samhuinn, „Sommerende“; Aussprache in etwa „saavin“) ähnlich bedeutungsvoll wie für uns heute Silvester, es markierte den Anfang des keltischen Jahreskreises, der nur zwei Jahreszeiten kannte, den Sommer und den Winter. Das Winterhalbjahr begann mit der Jahresnacht zwischen dem 31. Oktober und dem 1. November und galt als magisch besonders aufgeladen.
In dieser Zeit war alles möglich, die Gesetze von Zeit und Raum aufgehoben. Besonders verwurzelt war der Glaube, in dieser Phase mit den Ahnen in Kontakt zu treten und zwischen den Welten wandeln zu können.
Das galt praktischerweise für beide Seiten: Den Verstorbenen war es möglich, den Lebenden einen Besuch abzustatten, und wer mal einen Blick in das Reich werfen wollte, das auch ihn unweigerlich erwartete, hatte an diesem Tag Gelegenheit, im Jenseits zu wandeln. So oder so ähnlich mag es gewesen sein zu Samhain. Ob nur im Glauben der Kelten – wer weiß das schon.
Die Verbindung zu den Ahnen war, wie auch in anderen früheren Kulturen, eine der größten Kraftquellen der Menschen. Sie erlebten sich nicht als getrennt von ihren Vorfahren, deren Präsenz im eigenen Leben galt als Bestandteil des Alltags.

Halloween mit Kürbis        

Die Verstorbenen wurden um Rat und Beistand in allen wichtigen Angelegenheiten befragt, verehrt, geachtet – und einmal im Jahr eben auch besucht. Und wer es mit der Transzendenz am „Tag der offenen Tür“ aus eigener Kraft nicht so hatte, half eben mit Rausch, Ekstase und Trance ein wenig nach. Darin, so heißt es, waren die Kelten ziemlich gut.
Wirklich viel weiß man zugegebenermaßen nicht über dieses Pflichtfest der Kelten, aber immerhin so viel, um sagen zu können, dass es eine hohe gesellschaftliche Relevanz hatte. Das Fest nahm eine Mittlerrolle zwischen der Welt der Götter und der menschlichen ein. Gefeiert wurde an einem zentralen Ort, es gab Festmahle, religiöse Zeremonien mit Tieropfern, Spiele, Wettkämpfe und Handel. Am Fest nahmen alle drei gesellschaftlichen Klassen teil. Auf der untersten Ebene ehrte das Volk seine Götter, auf der Ebene der Krieger fanden Festmahle und Trinkereien statt und auf der Ebene der Priester wurden ein heiliges Feuer entfacht und Opfer dargebracht.
Im Gegensatz zur wilden Party von heute war Samhain nicht auf eine extrovertierte, lüsterne Angelegenheit reduziert. Kontakt zur Anderswelt bedeutete auch – wahrscheinlich in besonderem Maß für die vermittelnden Druiden – in engem Kontakt mit dem eigenen Selbst zu sein.

Und was eignet sich besser zur inneren Einkehr, als die neblig-trübe Zeit des Herbstes, wenn die Natur sich langsam zurückzieht anstatt den Menschen mit ihrem vielfarbigen Geflirre und Getöne nach draußen zu locken? Nur das Laub leuchtet noch einige Zeit in bunten Farben. Dann kehrt auch hier eine tiefe Ruhe ein.
Mythologisch gesehen wird in der dunklen Jahreszeit der Sonnenhirsch (Jahreskreiskönig) vom schwarzen Jäger niedergestreckt. Die Vegetationsgöttin, die „Blumenbraut“, folgt dem „Jäger der schwarzen Sonne“ in die Tiefe, buhlt um ihn und wird zur Göttin der Toten. Sie ist niemand Geringeres als die große Erdmutter selbst.
Die Besinnlichkeit des Winters wird nur von wenigen Elementen durchbrochen. Dazu gehört das Feuer, das die Menschen vor allen negativen Energien schützt und Licht und Wärme in die kalte, dunkle Jahreszeit bringt. Damit die Seelen der Verstorbenen den Weg zu ihren Verwandten finden und ihnen Glück bringen konnten, stellte man auch einzelne Kerzen ins Fenster.
Allerdings existierte durchaus auch Angst vor bösen Geistern. Um nicht erkannt zu werden, verkleideten sich die Menschen. Hier findet sich die Tradition wieder, die heute am häufigsten aufgegriffen wird. Ein anderes Mittel, das helfen sollte, die bösen Geister zu vertreiben, bestand darin, eine ausgehöhlte, beleuchtete Rübe vor die Tür zu stellen. Später wurde sie vom Kürbis abgelöst. Irische Einwanderer brachten diese Tradition im 19. Jahrhundert in die USA. Bei der Geistervertreibung wie auch generell spielten Feuer an Samhain eine große Rolle. So sind aus Irland festliche nächtliche Umzüge mit Laternen oder Fackeln überliefert.
Nach der Christianisierung lebte das Fest in Allerheiligen weiter. Allerheiligen kommt in der Übersetzung Halloween gleich (All Hallows Eve).

Foto: Dana