Frau Holle

Frau Holle - Zwischen Sage und Märchen

Im Reich der Erdgöttin

Von Dorothee Balzereit

Es ist das Märchen der Brüder Grimm, das der Welt der Mythen und Sagen wohl am nächsten kommt: Frau Holle, die in der Lage ist, es auf der Erde schneien zu lassen. Aber der Wirkungskreis der archaischen Erdgöttin, denn nichts anderes ist Frau Holle in der Mythologie, war nach Ansicht unserer Vorfahren viel größer. Je nach Jahreszeit ist ihr Platz demnach im Himmel, auf dem Berg oder unter der Erde. Bei Frau Holle ballt sich die Macht: Im Frühling ist sie für neues Leben zuständig, im Sommer für die Sicherung des  Weiterlebens und im Herbst ist sie auch noch die schwarze Göttin des Todes.

Wer in ihr Reich kommt, hat die Möglichkeit, sein Schicksal zu formen. So wie die Gold- und die Pechmarie. Von den Schwestern ist die eine im Märchen hübsch und fleißig, die andere hässlich und faul, wird aber von der Mutter vorgezogen, weil sie das leibliche Kind ist. Doch schon die Namen verweisen darauf, wie die Geschichte der beiden ausgehen wird. Die Arbeit im Haus der Göttin ist natürlich nicht einfach Arbeit, es ist die Einweihung in machtvolle Tätigkeiten wie zum Beispiel das Wettermachen beim Schütteln der Betten. Das Spinnen gehört ebenfalls in Frau Holles Bereich und ist gleichzusetzen mit dem Spinnen der Lebensfäden. Es ist auch eine weibliche Tüchtigkeitsprobe, Spinnerinnen liegen Frau Holle am Herzen.

Die Goldmarie hat den Faden des Lebens verloren, als sie der Spindel in den Brunnen hinterherspringt. Symbolisch steht er für den Tod. Das Auftauchen des Mädchens in einer anderen Welt ist nichts anderes als das Jenseits, das Reich der Ahnen oder eben das Reich von Frau Holle, das die Germanen groni godes wang (grüne Gotteswiese) nannten.

Doch bevor Gold- und Pechmarie  bei Frau Holle ankommen, müssen sie einige Aufgaben erledigen: Eine Kuh mit übervollem Euter melken, Äpfel vom übervollen Baum schütteln, das Brot vorm Verbrennen aus dem Ofen holen. Alles, was die Mädchen tun sollen, ist voll von mythologischer Symbolik, es sind Prüfungen der Göttin und insofern sind Äpfel, Brot und Kuh so etwas wie eine Zwischenstationen im ewigen Kreislauf des Lebens. Von manchen werden die Äpfel als Seelen kurz vor der Wiedergeburt gedeutet und der Backofen als weiblicher Schoß. Wenn die Goldmarie das Brot aus dem Ofen holt, ist sie im übertragenen Sinn eine Hebamme: Früher glaubte man, dass die Verstorbenen oder die „seligen Frauen“ den Gebärenden beistehen. Mit ein bisschen Fantasie lässt sich in das frische Brot auch die Gestalt eines Neugeborenen interpretieren – warum sonst hätten die Bäckerinnen früher – und das taten sie häufig - das Brot mit einem Bauchnabel ausstatten sollen? Und noch eine Parallele: Beide riechen gut.

Auch die Äpfel stecken voller Symbolik: Sie stehen für Leben und auch sie werden als Seelen gedeutet, die ins Diesseits wollen. Selbst Götter konnten nicht ohne Äpfel leben: bei den Germanen war es Idun, die den Göttern ihre Äpfel brachte.

Und die Kuh? In germanischen Mythen war sie schon vor der Welt da, heißt es. Sie prüft als Göttin in Tiergestalt die Seelen.

Wenn die Mädchen bei Frau Holle ankommen, sind sie bereits einen langen gegangen, den Totenweg. Im keltisch-germanischen Kulturraum hat man die Toten deshalb mit gutem Schuhwerk beigesetzt und im amerikanischen Westen heißt es, werden Cowboys bis heute mit ihren Stiefeln bestattet.

Bei Frau Holle, die auch als Freya, Göttin der Schönheit und Liebe, interpretiert wird, geht es der Goldmarie viel besser als zuhause. Wenn sie die Betten gründlich schüttelt, schneit es ordentlich. Früher glaubte man, das würde eine gute Ernte zur Folge haben und auch weniger Mäuse und Ungeziefer. Sind die Verstorbenen faul, geht es Natur und Menschen schlecht – das war eine einst eine nahezu universale Vorstellung. Deswegen war es wichtig, die Toten gut zu behandeln. Sonst sterben die Sippen sterben aus, das Wetter wird instabil und die  Ernte schlecht. In China, Mexiko und Afrika sorgen die Lebenden bis heute mit Opfergaben dafür, dass die Toten glücklich sind.

Doch das Märchen ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende, denn es ist eine Geschichte von Tod und Wiedergeburt. Nachdem sich Goldmarie ein gutes Karma geschaffen hat will sie zurück – sie hat Heimweh, eine unbestimmte Sehnsucht. Sie geht ins Leben zurück – von Frau Holle reich beschenkt.  Ein Schicksal, das sie sich selbst gesponnen hat, denn dass das Leben vorbestimmt ist, stand für unsere Ahnen fest. Dass das Märchen eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leidens geben will, glaubte der Priester, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann.

Die Geschichten um Frau Holle sind uralt, vermuten Historiker. Darauf deuten unter anderem viele archaische Sagenmotive. Dass man nur noch den Beinamen Holle (die Huldvolle) der Göttin Freya verwendete, mag darauf zurückzuführen sein, dass es während der Christianisierung nicht mehr ratsam war, eine heidnische Göttin ins Spiel zu bringen, das galt als Götzendienst. Die Geschichte in ein Märchen über artige und unartige Mädchen zu packen, war somit ein schlauer Zug.

Anders als bei anderen Märchen wird Frau Holle sogar eine Heimat zugeordnet. Allerdings gibt es gleich mehrere in welchen die Bewohner behaupten, Frau Holle sei in einem ihrer Berge zu Hause. So werden der Hohe Meissner zwischen Kassel und Eschwege die Hörselberge bei Eisenach und die Orte Hörselberg und Hollerich  genannt.

Auf dem Hohen Meissner gibt es den Holleteich, der als Eingang in die Unterwelt gilt.

Früher sollen insbesondere junge Frauen im Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meissner gebadet haben, wenn sie fruchtbar werden wollten. Dem Wasser dieses Teiches wurden auch Heilkräfte zugeschrieben. Wenn Schulmädchen aus der Umgebung in den Teich schauten und ihr Spiegelbild sahen, dann riefen sie: „Das sind die Kinder der Frau Holle.“ Auch wollten sie im Schilf die Haarspitzen der Ungeborenen erkannt haben. Dieser Brauch war noch in den 1930er Jahren verbreitet.

 

Foto: Christian Manthey