Rotkäppchen quer

Geliebtes „Rotkäppchen“

Eine kleine süße Dirne, die jedermann lieb hatte

 

„Es war einmal...“ - nichts weniger als das berühmte „Sesam-öffne-Dich“ auch für unsere Märchenwelt. Auch wenn es seltener geschrieben steht, als wir erinnern. „Aschenputtel“ beginnt mit „Einem reichen Manne...“, „Das tapfere Schneiderlein“ mit „An einem Sommermorgen...“ und auch „Hänsel und Gretel“ startet ohne das Zauberwort ganz schlicht und bescheiden mit „Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker“. Allerdings: bei unserem „Rotkäppchen“ heißt es traditionell „Es war einmal...“ - und dann „eine kleine, süße Dirne, die hatte jedermann lieb“. Und „am allerliebsten“, wie geschrieben steht, „ihre Großmutter“, die ihr auch ein Käppchen von rotem Sammet schenkte. Und das steht ihr so gut, dass sie für alle künftig nur noch das „Rotkäppchen“ heißt.

 Von Richard Peter

Und das ist, was den Ursprung betrifft, gar nicht so deutsch wie vermutet und hat ihre Wurzeln in Perraults Märchenwelt, die Hugenotten und Albigenser, die nach der berüchtigten Bartholomäusnacht zu Tausenden nach Deutschland flohen und auch ihre Märchen mitbrachten, die viele unserer Erzählungen vorwegnehmen, auch wenn die Gebrüder Grimm beispielsweise den „Gestiefelten Kater“ aus der zweiten Auflage ihrer Hausmärchen-Sammlung entfernten, als sie erfuhren, dass es aus der Perraultschen Feder stammte und nicht aus unseren Spinnstuben und Haushalten, in denen sich Urahne, Großmutter, Mutter und Kind in dumpfer Stube versammelten. Talglichter sorgten für spärliches Geflacker zu dem gesponnen und geschnitzt wurde und die gespenstische Stimmung zu Geschichten animierte, die dabei erzählt wurden. Und die Gelungensten von Haus zu Haus gelangten, sich so mündlich überliefert, auch veränderten. Umgedeutet wurden. Immer wieder neu erfunden.

Geschichten für Erwachsene eigentlich, spannend, grausam auch. Heute sind es die Krimis, die Familien vor den Bildschirm bannen. Die Ängste, gewohnter Alltag ins Typische gesteigert. Immer wieder Stiefmüttter, böse zumeist, aber auch Sehnsuchtsprojektionen von Prinzen und Prinzessinnen, ein Schlaraffenland, in dem einem gebratene Tauben ins Maul flogen oder ein Töpfchen, das endlos Brei erzeugt. Und fast schon wieder sehr heutig: der böse Wolf, der die sieben Geisserlein frisst – und auch Rotkäppchen und ihre kranke Oma. Urängste, die so in Erzählungen bewältigt wurden, weil es im Märchen fast immer ein versöhnliches Happyend gibt und die Bösewichter bestraft werden.

Anfang der Siebziger-Jahre des letzten Jahrhunderts verloren unsere Märchen erstmals ihre Unschuld. Mütter, Pädagogen, Soziologen, Psychologen entdeckten in ihnen das Böse, an dem die zarten Seelen der Kleinen hätten Schaden nehmen können. Gewalt, Grausamkeiten dürften den Nachwuchs nicht mehr begleiten, wie es hieß. Die Welt der Kindheit – eine heile Welt, die vorgegaukelt wurde. Im guten Glauben. Die reale Gewalt durften die Kleinen allerdings via Tagesschau miterleben.

Im Gegenzug zur Beschützer-Attitüde: die Sexualisierung parallel zur sexuellen Revolution. Aus „Dornröschen“ wurde „Dornmöschen“ - „Schneewittchen“ wurde im schmuddeligen Porno-Comic zu „Schneeflittchen“ und benahm sich auch so. Die Filmwelt hatte die Nacktheit entdeckt. Keine ganz neue Geschichte. Die Renaissance-Schinken mit „Susanna im Bade“ mit den beiden alten Spannern, die beim Nacktbaden überraschte Diana, Venus aus dem Aegaeis-Schaum, Leda mit dem Schwan und die sich lüstern räkelnde Europa auf Zeus, der sich diesmal als Stier verkleidet hatte.

Alles dieselbe Chose. Und klar: Ganz ohne Weiber geht die nicht. Das wusste die Operette und ihre Macher allemal. Rotkäppchen mitten drin im Sex-Schlamassel und der böse Wolf als Verführer, der die Kleine vom rechten Weg – wie von der Mutter angemahnt – abbringt. Nicht ganz logisch, denn wenn der Wolf die „süße Dirne“ - ganz weit weg von nuttig - auch immer tiefer in den Wald führt: er nutzt die Situation nicht aus. Geht zum Haus der Großmutter, frisst die Alte auf und legt sich in ihr Bett um auf Rotkäppchen zu warten. „Damit ich Dich besser fressen kann“ - das hätte der alte Schlawiner, der nun wieder durch Rotkäppchens Revier streunt, billiger haben können. Aber wir sind ja im Märchen. Und da steht es zuletzt mindestens 2:1 gegen den Wolf. Und Rotkäppchen, die kleine süße Dirne ist noch immer Jungfrau. Dennoch: genau dieses Märchen gilt auch als Warnung vor Männern, die ja allesamt Wölfe sein können und kleine niedliche Mädchen vernaschen. Es geht um Gefährdung – vor allem von Kindern. Was vor nicht allzulanger Zeit in Heimen, Internaten passierte, erst jetzt ans Licht kam und angeprangert wurde – und auch die Kirchen in ein fatales Licht gestellt – Kinder sind immer gefährdet. Auch Rotkäppchen, gerade weil es so lieb, so niedlich, so unschuldig ist. Was Wunder, wenn gerade hier die Fantasie Kabolz schlägt und im Falle Rotkäppchens auch von einem ungeklärten „Grimminalfall“ die Rede ist. Und hinterhältig fragt: War der Wolf unschuldig? Wurde er gar von dem kleinen Mädchen – so eine Art biedermeierliche „Lolita“ - verführt? Ein Fall, der sich auch Phall schreiben ließe. Auch wenn der Wolf wieder ganz real und leibhaftig unter uns ist – bis auf den einen, der kürzlich in der Pathologie landete - der Urvater unseres besten Freundes auf vier Pfoten, kann nichts dafür.

Was an Märchen seit jeher fasziniert, dass sie auf fantasievolle Umwege allemal ihre Botschaft loswerden. Goldmarie, die Fleißige, Pechmarie, die Faule. Die eine wird mit Gold überschüttet, die andere mit Pech. Wie im richtigen Leben. Manchmal zumindest. Und „Dornröschen“, die einfach nichts dafür kann und doch von einem Prinzen wachgeküsst wird. Weil Männer angeblich immer nur an das Eine denken – und etwas vulär ausgedrückt: einfach schwanzgesteuert sind. Das hat auch die Wissenschaft tausendfach bestätigt. Und Dornröschen in einer Zeit, in der sich in hundert Jahren nicht allzuviel verändert haben dürfte. Es konnte nahtlos weitergehen,

So sehr die Märchen im Volk verankert waren – es dauerte, bis sich die Sammlung der Gebrüder Grimm durchsetzen konnte. Wie fast immer: das Geld war knapp und die Kohlsuppe im Ranking haushoch Büchern überlegen. Dennoch hat die Affäre Rotkäppchen angeblich in Veenedig ein Gericht – ein Richter und je vier Frauen und Männer als Schöffen – beschäftigt. Domenico Carpan Schittar, seines Zeichens Anwalt, wollte dem tierischen Bösewicht und Mädchenverführer – alias Wolf – den Prozess machen. Nach den Ermittlungen von Psychologen, Soziologen und Sexualwisseenschaftlern. Es ging immerhin um Morde, versuchte und Vergewaltigung. Allerdings nicht bewiesen. Die Kleine war immer noch Jungfrau. Beschrieben wurde der angebliche Kriminalfall von Charles Perraut in „Le Petit Chapeau Rouge“. Im Englischen – dank Disney vor allem in Amerika auch unter „Little Red Riding Hood“ bekannt und dem „Big Bad Wolf“ samt den drei kleinen Schweinchen entsexualisiert. Der Verteidiger des Wolfs bemühte Mythen aus der ganzen Welt und spielte die ganze, dubiose Geschichte auf einen Initiationsritus herunter – und das sei schließlich eine „sozial angemessene Handlung“. Da wollte kein Soziologe widersprechen. Freispruch für den Wolf – stellvertretend für alle Männer. Vorsicht: Kein Freibrief.

Was bleibt: die Hoffnung, dass unsere Märchen weiter erzählt – zumindest: vorgelesen werden. Denn eines ist sicher. In ihnen wird Fantasie lebendig. Und wenn wir unsere Märchen kennen, sie als Gemeingut begreifen, das uns allen gehört – allen verfügbar ist: bei aller Verunsicherung, die uns umtreibt – hier ist ein Hafen der Sicherheit. Und Freude. Sie sind einfach wunderschön unsere Märchen – und das von „Rotkäppchen“ ganz besonders. Auch, weil es gut ausgeht. Und der Wolf samt „Wackersteine“ in er Pathologie landet.

 

Foto: Christian Manthey