Dornröschen quer

Hinter Dornen verschanzt

„Dornröschen“: Ein Pubertätsmärchen aus der Grimmschen Schatztruhe

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Von Richard Peter

Sie war gerade 15 Jahre alt geworden, mitten in der Pubertät also, dazu so „schön, sittsam, freundlich und verständig“ wie es heißt, „dass es jedermann liebhaben musste“: Unser Dornröschen, noch ohne Dornen und auch ohne Röschen - aber neugierig.

Als die Eltern unterwegs waren, blieb Dornröschen ganz allein zurück und wollte ihr Zuhause entdecken, das riesige Schloss. „Da ging es herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte und kam endlich auch an einen alten Turm.“ Und dort „saß eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs“. Mit der Spindel stach sich das Mädchen in den Finger, „fiel auf das Bett nieder, das dastand und lag in einem tiefen Schlaf“.

Natürlich gibt es dazu eine Vorgeschichte. Da heißt es: „Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: ‚Ach, wenn wir doch ein Kind hätten! – und kriegten keins.‘ Das Königspaar litt unter seiner Kinderlosigkeit. Bis eines Tages – die Königin saß gerade im Bade – ein Frosch aus dem Wasser an Land kroch und eine Tochter prophezeite. So geschah es. Das Mädchen war so schön und der König so glücklich, „dass er ein großes Fest anstellte.“ Dazu waren auch die weisen Frauen geladen. Davon gab es 13 im Königreich – aber nur zwölf goldene Teller. Deshalb wurden nur zwölf von ihnen geladen, die das Kind mit Wundergaben wie Tugend, Schönheit, Reichtum und allem, was auf der Welt zu wünschen, beglückten. Aber dann stand plötzlich die dreizehnte Fee im Saal. Originalton: „Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.“ Doch die zwölfte Fee, die ihren Wunsch noch übrig hatte, konnte den Tod in einen hundertjährigen Schlaf mildern.

Schon diese so märchenhafte Einleitung beschäftigte unzählige Psychologen, Philosophen und Soziologen, die daraus ein ausgeklügeltes System entwickelten, in dem jedes noch so kleine Detail wissenschaftlich untersucht, gedreht, gewendet und interpretiert wurde. Auch wenn sich Märchen rationalistischer Erklärungen konsequent entziehen.
Natürlich wimmelt es nur so von Symbolen und archetypischen Kräften, um zu vermuten, dass bei Königs etwas nicht in Ordnung war und sie deshalb so lange kinderlos blieben. Der Frosch, der da an Land kriecht, als die Königin im Bade sitzt, Symbol für das Unbewusste, steht für Bewusstwerdung. Wasser ist nichts anderes als das „empfangende Prinzip“. Schon die alten Griechen vermuteten, dass das Leben aus dem Wasser kam. Aphrodite alias Venus ist die schaumgeborene Göttin der Liebe, die aus dem Wasser steigt.
Vom Frosch heißt es zudem sprichwörtlich: „Sei kein Frosch“, also: "Hab keine Angst". Für Psychologen außerdem ein gefundenes Fressen: die übergroße Freude des Königs über die Schönheit des Kindes. Schönheit als Ausdruck von Weiblichkeit und Harmonie, die der König bislang offenbar vermisste. Man könnte über eine Zwangsehe spekulieren, eine Vernunftehe, wie sie früher nicht nur beim Adel üblich war.

Dornröschen


Spannend ist die Zahlensymbolik. Es beginnt mit der Zwölf. Auch Jesus scharte zwölf Jünger um sich. Die Uhr kreist zweimal zwölf Stunden pro Tag. Die Zahl galt als männliches Prinzip, das sich auf zwölf Sonnenmonate bezog, die auch die zwölf Goldteller symbolisieren, zumindest aus emanzipatorischer Sicht tun sie das, während die dreizehn Mondzyklen für das archetypisch Weibliche stehen. Zwölf Teller bedeuten also in diesem Fall auch: Alles Weibliche ist überflüssig.

Fragt sich dann nur, warum – wenn die Goldteller natürlich die Sonne symbolisieren – unser Zentralgestirn bei uns weiblich, also „die Sonne“ ist, während sie in Frankreich, wo Charles Perrault seine Dornröschen-Version vorwegnahm, als männlich gilt. Und unser Mond, mit seinen 13 Mondzyklen, männlich ist, dagegen im Französischen „la lune“, also klar weiblich. Da kommen unsere Wissenschaft und ihre „Schaffler“ ins Trudeln. Auch die Zahlensymbolik ist jeweils eine andere. In dem Land, in dem man angeblich wie Gott lebt, brauchte es nur sieben Goldteller, weil nur sieben weise Frauen zu bewirten sind. Chacun à son gout - jedem nach seinem Geschmack und Märchen, denen man wissenschaftlich eben nicht gewachsen ist. Nach Auftritt und Menetekel der dreizehnten Fee, dass sich die Königstocher mit einer Spindel stechen wird, um in einen hundertjährigen Schlaf zu sinken, lässt der König alle Spindeln in seinem Reich vernichten. Auch da könnte man spekulieren, ob der übervorsichtige Herrscher und besorgte Herr Papa nicht gerade damit das Unheil heraufbeschwor. Seine Tochter kannte keine Spindel, weil es offiziell keine mehr gab, also nahm sie neugierig das Ding, „das so lustig herumspringt“ in die Hand – und sticht sich. Damit ist die Prophezeiung erfüllt. Hätte sie eine Spindel gekannt und von der Gefahr für sich gewusst, hätte sie das Ding vermutlich gar nicht erst in die Hand genommen. Und natürlich lässt die Vokabel „stach“, reichlich verklausuliert, einen ganz anderen Stich vermuten. So manches Kind kam auch deshalb zur Welt, weil Aufklärung ein Fremdwort war. Unabhängig von psychologischen Erkenntnissen verstanden die Zuhörer, wenn auch unbewusst, ganz genau, was gemeint war. Und das waren meist sexuelle Andeutungen. Die Welt und unsere Märchen leben davon.

Was uns die Geschichte erzählen will: Dass hier ein Mädchen in der Pubertät ist, neugierig, ahnungslos – und genau deshalb gefährdet, „gestochen“ zu werden. Die hundert Jahre, die sie in den Schlaf versinkt, sind eine poetische Übertreibung. Es könnten auch die hundert Tage des Winters sein, in denen alles schläft. Stillstand, bis mit dem Frühling die Natur, die Welt, wieder erwacht, wie Dornröschen, das sich quasi verpuppt hat, um vom Kind zur Frau zu werden. Und in dieser Zeit „dornig“ ist, sich zur Abschirmung mit einer undurchdringlichen Dornenhecke umgibt. Wer Kinder hat, weiß, dass in dieser Zeit manchmal über den Sinn, Kinder aufzuziehen, gegrübelt wird.
Dornröschen hat sich zurückgezogen. So steht die Dornenhecke als unbewusster Aspekt des Weiblichen, den C.G. Jung „Schatten“ nennt, der alles überwuchert. Dornen stehen auch für das Mangelhafte, während die Rose als Symbol der Liebe gilt. Dornröschen in ihrem Zwischenreich ist nichts weniger als eine fantasievoll stilisierte Liebesgeschichte, sondern vielmehr eine bezaubernde Biografie. Die Feen an der Wiege sind gleichermaßen Segen und Fluch. Statt "Feen" könnte man auch "Familie" sagen. Das Schloss, das Zuhause, ist Paradies und Gefängnis zugleich, nicht nur bei Königs, auch bei den Bürgern und selbst bei den Armenhäuslern: Märchen als Universum im Kleinen.
Nach dem Kuss heißt es bei den Grimms in der ersten Fassung: „...und die zwei heirateten sich und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch“. Später hieß es: „... und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende“. Bei Perrault, in seiner Märchensammlung von 1697 mit Dornröschen als Einstieg – „Die schlafende Schöne im Walde“ („La belle au bois dormant“) – heißt es zum Schluss etwas süffisant: „Sie schliefen wenig.“ Franzosen halt und die Ironie des galanten Salons.
Es gibt noch einen weiteren Dornröschenstoff, bei den Italienern von Giambattista Basile, eine Geschichte, die vom Barock geprägt ist, „Sonne, Mond und Talia“. Da wird das schlafende Mädchen, ohne es zu merken, vergewaltigt, bringt ein Zwillingspärchen zur Welt, einen Jungen und ein Mädchen. Was die Grimm’sche Version auszeichnet, das Gemütvolle, ist bei Perrault elegant und strotzt bei Basile vor Kraft und Verve.

Das Märchen, könnte man sagen, ist jeweils auf einem Mutterboden gewachsen. Jacob Grimm bescheinigte seinem Bruder Wilhelm, der die Märchen sorgfältig bearbeitet, manchmal vereinfacht, aber auch ausgeschmückt hat, „prunklose Genialität“. Und allemal gelten die Brüder Grimm als Entdecker der vergessenen Volkssage. Den Anstoß erhielten sie von Achim von Armin. 1806 begannen sie, Ausschau nach Märchenerzählern zu halten. Die „alte Marie“, 62-jährige Schaffnerin in der Wildschen Apotheke zu Kassel, wurde zu ihrer wichtigsten Quelle. Allein ein Viertel aller Märchen der ersten Ausgabe gehen auf ihr Konto. Ein Beispiel dafür, wie sehr Wilhelm Grimm den Märchenton traf: Nachdem mit Dornröschen das gesamte Schloss in Tiefschlaf versunken war, „da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand“, und auch alles andere erstarrte. Der Prinz hatte, nachdem so viele königliche Nachkommen am Dornengestrüpp gescheitert und elend zu Tode gekommen waren, den genau richtigen Zeitpunkt erwischt. Die Dornenhecke verwandelte sich in „lauter große schöne Blumen, die taten sich von selber auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch“. Endlich kam er zur Kammer, in der Dornröschen schlief. „Es war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuss.“ Und alles Leben erwachte: „Die Fliegen an den Wänden krochen weiter, der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige und die Magd rupfte das Huhn fertig“.

 

„Die Sababurg im Reinhardswald – mittlerweile Weltkulturerbe – gilt heute als Dornröschenschloss, weil es dort einst gewaltige Dornenhecke zum Schutz des Viehs gab.

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Fotos: Christian Manthey / Sababurg