Rattenfänger vor Feuer quer

Ist die Kirche der Rattenfänger?

Psychiater untersucht die Sage aus ganz neuer Perspektive – und rückt Inquisition als Motiv in den Blick

Von Dorothee Balzereit

War es möglich, 130 Menschen einfach so verschwinden zu lassen? „Ja“, sagt Stefan Joost. Die Möglichkeit einer Massenbeseitigung hat der Gießener Psychiater und Psychotherapeut sowohl in Bezug auf das Verschwinden der Hamelner Kinder im Jahr 1284 als auch auf die Rattenplage in der Hamelner Sage untersucht. Und zwar in einer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit aus psychologischer Sicht, an der Joost seit etwa vier Jahren arbeitet. Es ist eine Perspektive, die es in Forschungen zur Sage so noch nie gab. Letztes Wochenende hat er seine Ergebnisse einem wissenschaftlichen Zirkel der Grimm-Gesellschaft vorgestellt.

In seiner Forschungsarbeit mit dem Titel „Der Rattenfänger – Fälschung, Allegorie oder Gleichnis?“ hat Joost den Wahrheitsgehalt von 15 Quellen in der Zeit vom 13. bis zum 17. Jahrhundert überprüft. Und er kommt auch hier zu einem erstaunlichen Ergebnis: Je weiter weg sich die Quelle von Hameln, dem Ort des Geschehens, befindet, desto höher sei ihre Glaubhaftigkeit, sagt er. Joosts Spezialgebiet in der Psychologie ist die Forensik, ein Bereich, der sich unter anderem mit der Schuldfähigkeit und Einschätzung des Gefährlichkeitsgrades von Straftätern befasst.
Doch zurück zu der Frage, wie wahrscheinlich es ist, das