Rattenfänger bunt quer

Kam der Rattenfänger am Sonntag?

Der heutige Rattenfänger hat sich Gedanken gemacht

Von Michael Boyer

Busunternehmen, Touristen und Hamelenser wissen es sicher: der Rattenfänger kommt am Sonntag - und zwar genau um 12 Uhr Mittags den ganzen Sommer lang. Wie historisch mag das sein? Überlieferungen erwähnen den 26. Juni 1284 als Tag des Auszugs der Hämelschen  Kinder. Die Legende besagt, dass die Bürger in der Marktkirche waren, als der Pfeifer seinen Zug begann. So könnte es rückblickend logisch sein, dass die Entführung an einem Sonntag war.

 

Das muss aber nicht der mittelalterlichen  Wahrheit entsprechen! Der Sabbat, oder Sonntag, war ein Kirchenbesuchs-Tag -  fürwahr, aber Anno 1284 war mehr los in der Kirche. Jeden Monat gab es regelmäßig Feiertage, und bei der abendlichen Vesperglocke  kam das Volk auch zur Messe. Deshalb ist es mit dem Sonntag, historisch gesehen, keine sichere Sache.

Erst eine Frage von einem amerikanischen Schriftsteller löste die Neugier aus: Er schreibt an einem Roman über den Rattenfänger, und wollte wissen ob der 26. Juni 1284 tatsächlich ein Sonntag gewesen ist?  Für gewöhnlich geht kein Kalendarium so weit zurück. Computergestützte Modelle zum Zwecke der Ahnenforschung reichen nur zurück bis 1753. Schauen wir uns den 26. Juni in 1753 an (einen Dienstag) und addieren 721  Jahre und Tage hinzu, dann kommen wir auf 2474 Tage, dass wäre  am 26. Juni auch ein Dienstag.  Weil beide Jahre keine Schaltjahre sind, ist die Kalender-Struktur 721 Jahre später völlig gleich. Dieser Annahme nach, kann man 2015 ins Verhältnis setzen mit 1284 und der 26. Juni fällt damit dann auf einen Sonntag.Wenn's nur so einfach wäre, denn „Der Gregor“ funkt nämlich dazwischen: im Jahr 1582 reformierte Papst Gregor XIII den Kalender. Der alte Julianische Kalender, der von „Caesar“ im Jahr 46 v.C. auf Ägyptischer Basis eingeführt wurde, trug einen Minimalfehler von 0,0078 Tage pro Jahr mit sich. Anfänglich war es unauffällig. Doch  die Umstellung hat bis 1500 eine Verschiebung von mehreren Tagen verursacht.

 Für die Kirche wichtige Termine,  wie Ostern, an der Frühjahrs Equinox kalkuliert, waren mit der Zeit verschoben. Dann kam die Reform: Der deutsche Gelehrte Christoph Clavius aus Bamberg ersann eine Lösung: Alle durch vier teilbare Jahre sind Schaltjahre – aber solche die auf 00 enden sind nur Schaltjahre wenn sie durch 400 teilbar sind. So verringerte sich die Diskrepanz auf ein Minimum, bloß alle 3333 Jahren müsste ein weiterer „Extra Schalttag“  gesetzt werden, dumm nur,  die 10 Tage  Differenz, die bis zur Renaissance angehäuft waren, mussten noch weg.

Per Dekret Gregors „Inter gravissimas“ wurden im Jahr 1582 die Tage 5. – 14. Oktober aus dem Kalender einfach gestrichen. Auf den 4. Oktober folgte dann nahtlos der 15. Oktober! Die Wochentage aber, blieben völlig unverändert. Welcher Shock, diejenigen die in diesem Zeitraum Geburtstag hatten klagten ihr Leid und wollten die 10 vermeintlich geraubten Tage zurück, aber Beharrlichkeit überwog, und bis etwa 1700 schlossen sich nach und nach die meisten Länder dem System an.

Legen wir unser 721-Jahre-System zu Grunde, finden wir den 15.10.1582 (der Erste Gregorianisch gerechnete Tag) als einen Donnerstag. So errechnet sich, dass der 4.10.1582 (Letzter Julianischer Tag) ein Mittwoch gewesen sein muss. Gregorianisch gesehen aber, als ob alle verlorene Tage da gewesen wären, sollte es auf einen Sonntag gefallen sein. Da aber 10 Tage fehlen, 10-7=3 Wochentage Unterschied ist korrekt. (Sonntag plus 3 Tage ist Mittwoch.) Da der 26. Juni 1284 noch Julianisch gerechnet wurde, verschiebt sich unser Gregorianisch errechneter Sonntag ein wenig vor auf den Mittwoch!

Eine Tücke wäre noch. SO einfach darf es dann letztendlich auch nicht sein: was ist mit den Jahren 1400 und 1500? Sie waren im Julianischen System Schaltjahre, dass heißt zwei extra Wochentage waren zwischen dem Rattenfänger und der Kalenderumstellung drin, die aber mit unserem „Gregorianischen“ Rechner herausgerechnet worden sind. Deshalb ist Mittwoch ebenso falsch und wir müssen noch zwei Wochentage zurück auf Montag!

Montags und Mittwochs spielte Magda Fischer den Rattenfänger in den 30er Jahren. Wusste Sie schon damals mehr? Was ist mit „blauer“ Montag? „I don’t like Mondays“ sangen die „Boomtown Rats“. Aber bevor wir neue Legendenbildung treiben: heute ist es nicht so wichtig warum und wann der Rattenfänger die Kinder entführte, sondern dass seine Pfeife Leute aus aller Welt nach Hameln zieht. Jeden Sonntag im Sommer, wenn es auf der Freilichtbühne heißt "Das Spiel beginnt!".

Foto: Hamelner Tourismus- und Marketing GmbH