• Himmel mit Wolken2
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Was Engel so treiben

Himmelsthron in alle Ewigkeit - manchen Märchenfiguren ist das nicht genug

Von Cornelia Kurth

Der Münchener Alois Hingerl weiß wie es im Himmel ist - langweilig. Er sitzt auf einer Wolke, singt zur Harfe Hosianna und von Bier und Schnupftabak hält Petrus ganz und gar nichts. Ludwig Thoma überspitzt mit seiner berühmte Erzählung „Ein Münchener im Himmel“ die volkstümlichen Vorstellungen und märchenhaften Beschreibungen von dem, was die Menschen im Himmel erwartet.

Grob zusammengefasst sieht es so aus: Wer stirbt, wird von einem Engel vor das Himmelstor geleitet. Dort steht Pförtner Petrus und prüft, ob man Zutritt erhalten darf. Wer hineinkommt, ist meist überwältigt. Im Grimm'schen Märchen „Der Schneider im Himmel“ heißt es: „Ringsum standen prächtige Stühle, darauf saßen die Heiligen, und am Ende des Saals stand ein großer goldner Thron, darauf saß Gott der Vater, und die himmlischen Heerscharen standen um ihn her“. Als das kleine „Marienkind“ in den Himmel geholt wird, „ging es ihm wohl, es aß Zuckerbrot und trank süße Milch, und seine Kleider waren von Gold, und die Englein spielten mit ihm“.

Je mehr der Märchen man aber studiert, desto deutlicher wird auch: In den meisten Erzählungen herrscht eine Ahnung davon, dass es für alle Ewigkeit tatsächlich ein wenig eintönig zugehen könnte im Himmelreich. Ludwig Thomas gelangweilter „Münchener“ zettelt schließlich Randale an, bis er zurück auf die Erde geschickt wird. Dieses Motiv der gewissen Langeweile findet sich ähnlich in einigen Märchen: Der „Dreschflegel“, ein notorischer Spieler, kann das Kartenspiel auch im Himmel nicht lassen und wird kurzerhand rausgeschmissen. Das „Marienkind“, dem es doch eigentlich so gut geht, öffnet neugierig die einzige verbotene Tür, und der „Schneider im Himmel“ setzt sich neugierig auf den Gottesthron und wirft gar Gottes eigenen Fußschemel auf die Erde.

Was speziell diesen Schneider betrifft, so ist er ein Paradebeispiel für die menschliche Schwäche der Überheblichkeit. Er sieht, wie es in der Bibel heißt, wohl den Splitter im Auge seines Bruders, den Balken im eigenen Auge aber bemerkt er nicht. Der Schneider nämlich war ein kleiner Dieb gewesen, der Stoff von seinen Kunden stahl. Nur Dank der Gutmütigkeit von Petrus durfte er in den Himmel eintreten. Anscheinend reichte ihm Lobgesang und Engelsglanz ebenso wenig wie dem Münchener Alois, und so schleicht er sich bei Gelegenheit auf Gottes Thron. Von dort aus beobachtet er, wie eine Waschfrau zwei Schleier für sich beiseite legte. Voller Zorn ergreift er Gottes Fußschemel und wirft ihn der Frau an den Kopf.

Das Märchen vom „Schneider im Himmel“ beweist durchaus Humor. Natürlich ist Gott ärgerlich über den Verlust seines Schemels. „Du Schalk“, spricht der Herr. „Wollt ich richten, wie du richtest, ich hätte schon lange keine Stühle, Bänke, Sessel, ja keine Ofengabel mehr hier gehabt, sondern alles nach den Sündern hinabgeworfen.“ Der Schneider muss gehen, denn im Himmel richtet nur Gott allein. Weil er sich anmaßte, zu richten, wo er doch, wie alle Menschen, selbst ein Sünder ist, hat er seine Chance verspielt, wird vor die Tür gesetzt und zieht nach „Warteinweil“. Man kann annehmen, dass „warte ein Weilchen“ bedeutet, bis auf alle Ewigkeit zu warten. Humor zeichnet auch ein anderes Himmel-Märchen der Brüder Grimm aus, das vom „Bürle im Himmel“. Das arme Bäuerlein steht zusammen mit einem reichen Herrn vorm Tor. Der Reiche wird zuerst eingelassen, und der Bauer hört von draußen staunend, mit wie viel Musik und Gesang er empfangen wird. Als die Tür sich dann aber auch für ihn öffnet, ist da nichts mit einem himmlischen Empfangs-Konzert. „Geht es denn im Himmel ebenso parteiisch zu wie auf der Erde?“ fragt der Bauer. Petrus‘ Antwort: „Nein, du bist uns so lieb wie alle anderen. Aber schau, so arme Bäuerlein, wie du eins bist, kommen alle Tage in den Himmel. So ein reicher Herr aber: da kommt alle hundert Jahre nur etwa einer.“

Im Kunstmärchen „Von Himmel und Hölle“, das Richard von Volkmann in seinen „Träumereien an französischen Kaminen“ (1871) erzählt, schlägt ein humoristischer Einstieg nach und nach in Tragik um. Ein reicher Mann, von Petrus gefragt, was er sich für die Ewigkeit wünsche, will ein Schloss, jeden zweiten Tag Kalbsbraten, jede Menge Geld und das Tageblättchen seiner Heimatstadt. Wie zu erwarten, macht ihm das alles nach hundert Jahren keine Freude mehr. Nach tausend Jahren packt ihn wütende Verzweiflung. Da erst erklärt ihm Petrus, dass er sich in der Hölle befinde.
Weitere tausend Jahre vergehen, ein winziger Teil der Ewigkeit. Der Reiche wird demütig und „weint ganz bitterlich“, als Petrus ihn erneut besucht. Der Himmelspförtner zeigt ihm ein Astloch hoch oben im Zimmer, durch das er spähen kann, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellt. „Da saß der liebe Gott auf seinem goldnen Thron zwischen den Wolken und den Sternen in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit und um ihn her alle Engel und Heiligen“. Der Anblick erscheint dem Reichen so wunderschön, dass er weitere tausend Jahre so stehenbleibt. Da endlich wird er erlöst und darf sich für immer zu den Heiligen vor Gottes Thron gesellen.

Auch das „Marienkind“ der Brüder Grimm muss eine lange Leidensgeschichte durchmachen, bevor ihm verziehen werden kann, dass es im Himmelreich die „verbotene Tür“ öffnete und „Gottes Dreieinigkeit“ sah. Es will seinen Fehler nicht eingestehen und wird auf die Erde zurückgesendet, wo es stumm in der Wildnis dahinvegetiert. Zwar wird das Mädchen von einem Prinzen gefunden und geheiratet, doch sterben alle seine Kinder, weil es sich weiter weigert, zuzugeben, dass ihm das Himmelreich anscheinend nicht genügte. Erst, als es wegen der toten Kinder auf dem Scheiterhaufen landet, gibt es dann. Und dann ist zum Glück alles wieder gut.

Ludwig Thomas‘ Erzählung vom „Münchener im Himmel“ dagegen endet recht fröhlich. Der Alois Hingerl, der den Himmel verließ, bleibt im Hofbräuhaus hängen, und „dort sitzt er bis zum heutigen Tag“.
In Mythen und Sagen, die nicht von einer christlichen Himmelvorstellung berührt sind, bleibt das Himmelreich nur den Göttern und einigen wenigen auserwählten Menschen überlassen. Die griechischen Götter leben im Olymp, wo sie sich immer wieder an der Göttertafel versammeln, um „Nektar und Ambrosia“ zu genießen; die germanischen Götter führen ein ähnliches Leben in Walhalla, zusammen mit Kriegern, die sich durch ihren heldenhaften Tod einen Platz an ihrer Seite verdienten. Den normalen Menschen aber erwartet im Jenseits eher Düsteres.

Die gestorbenen Germanen fristen ihr Dasein im Totenreich „Hel“. Die „Edda“ beschreibt es als einen großen Saal, in dem „Hunger“ ihre Schüssel ist, „Abmagerung“ ihr Messer, „Gangschlampe“ ihre Magd und „Blinkendes Übel“ ihr Schlaf. Ein kleiner Trost: Möglicherweise werden alle im endgültigen Weltenuntergang aus „Hel“ befreit.
Auch die alten Griechen hatten nicht viel Grund, dem Jenseits freudig entgegenzugehen. Sie wurden über den Fluss Styx ins Reich des Totengottes Hades gebracht, um dort für ewig im Schattenreich zu wandern, unabhängig davon, ob sie ein gutes oder ein böses Leben geführt hatten. „Lieber wäre ich auf Erden ein Tagelöhner, als Herrscher über alle dahingeschwundenen Toten“, das ruft Griechenlands Superheld Achilles dem Odysseus zu, dem Einzigen, der nur einen kurzen Besuch im Hades machte und zu den Lebenden zurückkehren durfte.