Teufelskanzel Nordmannturm

Von den Riesen Esegir und Haniel

Liebesdrama am Süntel – der Hülsenfrüchte wegen

Esegir und Haniel waren zwei sagenhafte Riesen, auf deren Streit die Entstehung der "Teufelskanzel" am Hohenstein im Süntel zurückgeht. Es ging um Liebeswerbung und um einen Diebstahl, und zugleich erzählt die Sage von zwei riesenhaften Jungen, die von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen wurden.

 

Von Luisa-Sofia Brockhage

Zwischen Bad Münder und Hamelspringe gab es vor Jahrtausenden ein Dorf, in dem ein fleißiger und ehrlicher Bauer mit seiner Frau und seinen vier Kindern – zwei Jungen und zwei Mädchen – gelebt haben soll. Der Jüngste von ihnen gedieh, wie es heißt, zum Stolz und zur Freude seiner Eltern sehr gut. Deshalb nannten sie ihn „Esegir“, was so viel bedeutet wie: „er kann kräftig zupacken“. Was sie jedoch nicht wussten: Ihre Freude würde sich schnell in Entsetzen wandeln.

Esegir wollte gar nicht aufhören zu wachsen, und mit ihm zugleich wurde auch sein Hunger immer größer, 16 Jahre lang, bis er zu einer hünenhaften Gestalt herangewachsen war. Als nun das Land von einem Unwetter heimgesucht wurde, das wochenlang anhielt, verdarben auf den Feldern die Früchte und die Menschen mussten hungern. Von seinem Hunger getrieben, soll Esegir eines Nachts in die Speisekammer seiner Familie eingedrungen sein, um sich über die wenigen Vorräte herzumachen. Sein Vater versuchte ihn daran zu hindern, doch wütend und auch beschämt darüber, dass er erwischt worden war, schlug Esegir seinen Vater mit einem mächtigen Faustschlag nieder und verletzte ihn tödlich. Voller Entsetzen über seine Tat floh Esegir hinaus in den Wald des Süntelgebirges. Er soll von da an nie wieder gesehen worden sein, obwohl er, der Sage nach, noch immer dort haust

In einem anderen Dorf, wo heute die Gemeinden Eimbeckhausen und Messenkamp liegen, soll damals zur gleichen Zeit ein Junge namens Haniel aufgewachsen sein. Dieser Name bedeutet „von riesenhaftem Wuchs“. Haniel lebte alleine, da er von Durchreisenden zurückgelassen worden war und weder Eltern noch andere Verwandte hatte, die sich um ihn hätten kümmern können. Während der großen Hungersnot, die auch seinen Ort heimsuchte, wurden Haniel alle Türen versperrt. Zu groß war die Angst der Dorfbewohner, er würde ihnen „die Haare vom Kopf fressen“. Also trieb er sich, von Einsamkeit und Hunger getrieben, am nahen Deister, in der Nähe des Süntelgebirges, herum.

Eines Tages, so heißt es, soll ein tobender Sturm aus Westen den Zweig einer wundersamen Pflanze in den Deister geweht haben. Diesen Zweig mit seinen grün glänzenden Blättern und den leuchtend roten Beeren soll Haniel gefunden haben. Er erinnerte sich, dass die Leute aus dem Dorf den Strauch, von dem dieser Zweig stammte, „Hülse“ nannten und dass sie damit gerne ihre Wohnräume während der Winterzeit verschönerten. Um ein Mädchen, das am Deisterrand Ziegen und Rinder hütete, zu beeindrucken, entschloss sich Haniel, in den Süntel zu gehen und sich mit dem hübschen Zweig zu schmücken.

Als er sich auf den Weg zu dem Mädchen machte, hörte er plötzlich lautes Poltern und Grollen, und hinter ihm tauchte der wütende Esegir auf, dem die Hülsenfrüchte angeblich gehörten. Wutentbrannt warf Esegir einen riesigen Felsstein nach Haniel, der entsetzt floh. Esegir folgte ihm jedoch und warf immer mehr Steine nach Haniel. Als sich Haniel von dem Schrecken und seinen Verletzungen ein wenig erholt hatte, ging er zurück, um es dem Süntelriesen heimzuzahlen. Mit Felssteinen warf er nach Esegir, doch dieser wusste sich zu helfen und tat es ihm nach. Die Schlacht ging tagelang und die Nächte hindurch so weiter, und die Menschen in den nahen Dörfern versteckten sich angstvoll in ihren Häusern, unter ihnen auch das Mädchen vom Deisterrand.

Kaum bemerkte Haniel, dass seine Liebe verschwunden war, überkam ihn eine solche Wut, dass er Richtung Süntel lief, um weitere Felsbrocken zu schleudern. Esegir, der nur darauf gewartet hatte, nahm den größten Felsen, den er finden konnte, und warf ihn Haniel bei seiner Flucht in den Rücken, sodass dieser besinnungslos zu Boden fiel und kurz darauf starb.

Noch heute liegt dieser Brocken, der den Namen „Teufelskanzel“ trägt, unterhalb des Nordmannsturms. Um ihn herum findet man viele Steine, die Esegir gegen Haniel geschleudert haben soll. Es heißt, Haniels Klagen könne man heute noch hören.