Münchhausen quer

Münchhausen - was bleibt

Eine Spurensuche

Von Cornelia Kurth

Mit der Karriere beim Militär war es nichts geworden für Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen aus Bodenwerder. In den 1740er Jahren saß er in Riga fest, wartete auf eine kleine Beförderung, vertrieb sich die Zeit damit, auf die Jagd zu gehen und abends mit deutsch-baltischen Adligen in gemütlicher Runde zu plaudern. Mit dem "Jägerlatein", das er dort zum Besten gab, begann seine eigentliche Karriere, der Aufstieg zum Lügen-Baron, zum besten Lügengeschichtenerzähler der Welt.

 

Seine Geschichten von der Jagd sind nicht einfach Prahlereien über unverschämtes Jagdglück. Sie handeln fast alle davon, wie ihm Pulver und Blei ausgegangen war und was ihm dann einfiel, um die Situation zu retten. Einem Bären warf er einen Feuerstein ins Maul, und gleich noch einen anderen hinterher, so dass sie im Magen des Tieres Funken schlugen und der Bär explodierte; einem Wolf fuhr er mangels Waffe mit der Faust in Maul, Hals und bis ins Körperinnere, ergriff die Eingeweide, zog sie heraus und krempelte das ganze Tier praktisch um; einmal zielte er mit einer Ladung Kirschkerne auf einen Hirschen, den er so zwar nicht töten konnte, dem er aber Jahre später wieder begegnete, mit einem Kirschbaum im Geweih, praktisch, denn so hatte er zum Hirschbraten gleich das Kirsch-Kompott dabei.

Als der Freiherr im Jahr 1750 auf sein Gut in Bodenwerder zurückkehrte, führte er 40 Jahre lang das gelassene Leben eines verheirateten Landedelmannes, dessen größte Abenteuer darin bestanden, Abenteuergeschichten zu erzählen, vornehmlich von seinen Reisen durch Russland und den Erlebnissen aus dem Türkei-Krieg. Der Ritt auf der Kanonenkugel, die Reise zum Mond oder die Geschichte vom Pferd, das Münchhausen im hohen Schnee an einen vermeintlichen Zaunpfahl band, und dann war es in Wirklichkeit die Kirchturmspitze, an der das arme Tier nach der Schneeschmelze erbärmlich baumelte, sie sind weltberühmt geworden.

 

Das Besondere an gelungenen Lügengeschichten besteht darin, dass sie bei all ihrer Absurdität und obwohl jeder weiß, dass sie gelogen sind, doch seltsam glaubhaft wirken. Das liegt an ihrer typischen Form der Ich-Erzählung, kombiniert mit allerlei historischen Fakten und einer verrückten, traumhaften Logik. Könnte es denn nicht möglich sein, auf eine fliegende Kanonenkugel aufzuspringen? Oder sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen? Die reale Logik mit dieser Traum-Logik scheinbar überlisten zu können, das ist ähnlich reizvoll, wie sich in den unmöglichen und doch so überzeugenden Perspektiven eines M.C. Eschers zu verlieren.

Der Freiherr von Münchhausen, der keinerlei literarische Ambitionen besaß, war sehr unglücklich darüber, dass ihm seine Geschichten geraubt und nach England entführt wurden, wo sie unter seinem Namen erschienen und ihn für immer zum "Lügenbaron" machten. Noch betrübter würde es ihn wohl stimmen, wenn er wüsste, dass zwei seltene psychische Krankheiten nach ihm benannt wurden, die beide mit tragischem Lügen zu tun haben, das Münchhausen- und das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Die davon Betroffenen vermitteln mit drastischer Überzeugungskraft, dass sie selbst schwer erkrankt seien, oder sie machen einen ihnen anvertrauten Menschen krank und holen sich Aufmerksamkeit, indem sie dann aufopferungsvoll für ihn sorgen.

Etwas Spaß aber hätte es Münchhausen vielleicht gemacht, dass es Zahlen gibt, die seinen Namen tragen, nämlich solche, die sich in gewisser Weise auch an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Die Zahl 3435 ist eine von vier solchen Zahlen, die man bisher entdeckt hat. Sie werden gebildet, indem man die einzelnen Ziffern mit sich selbst potenziert und dann addiert. Entspricht das Ergebnis der Ausgangzahl, handelt es sich um eine "Münchhausenzahl".

Selbst die Computerwelt hat sich mit einem ihrer Begriffe auf Münchhausen und seine Sumpfrettungsgeschichte bezogen. In England waren es die "bootstraps", die "Stiefelschlaufen", an denen der Lügenbaron sich aus dem Sumpf zog, und so spricht man vom "booten", wenn man einen PC startet und dafür bereits ein eigenes Programm des PCs einsetzt.

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen hätte man gewünscht, dass er sein letztes Abenteuer im Alter von über 70 Jahren mit Humor hätte betrachten können. Er verliebte sich in seine damals erst 17-jährige Nichte, die er etwas später heiratete. Das ging wegen der (verständlichen) Treulosigkeit der jungen Frau gar nicht gut und endete in einem jahrelangen Scheidungskrieg, im Zuge dessen der Freiherr all sein Vermögen verlor. Das verdarb ihm gewaltig den Lebensabend, und es ist auch keine Geschichte überliefert, wie er sich auch diesmal wenigstens in der Phantasie aus der Schlinge ziehen konnte.

 

 Münchhausen 2

Fotos: Christian Manthey