Till Eulenspiegel quer

Nichts als Eulenspiegeleien

Die Geschichte eines Narren, der den Leuten den Spiegel vorhält, war schon vor 500 Jahren ein Weltbestseller

Von Richard Peter

So viel Eulenspiegel, dass man gar nicht weiß, wo anfangen bei diesem klugen Narren Till. Allein der Name kennt eine ganze Reihe von Abweichungen und unterschiedlichen Schreibweisen. Von unserem heute bevorzugten Till Eulenspiegel über Dil Ulenspiegel und Dyl Ulenspegel, der in de Costers berühmten Roman zu Tyll Ulenspiegel mutiert.

Auch die Bedeutung des Namens kennt unterschiedliche Interpretationen. Als wahrscheinlichste gilt das Titelblatt des Straßburger Drucks von 1515 unter dem Titel „Ein kurtzweilig lesen von Dyl“ einen Mann auf einem Pferd zeigt, der in der linken Hand einen Spiegel, in der rechten eine Eule hält. Und Spiegel, altes Narrenattribut um den Spiegel vorzuhalten zum Zwecke der Selbsterkenntnis. Als Pendant die Eule, Symbol der Weisheit. Pallas Athene, griechische Göttin der Weisheit, wird gerne die Eule zugeordnet. Noch heute sagt man sprichwörtlich „Eulen nach Athen tragen“, wenn man etwas für sinnlos hält, wie es ja auch in mit „der Butter nach der Speckschwarte schlagen“ zum Ausdruck kommt. Im Mittelalter galt das nachtaktive Model, das man als einziges positives Zeichen des griechischen Euros bezeichnen könnte, auch als Vogel des Teufels. Was auch mit Wissen und Weisheit zu tun hat. In der Genesis heißt es in der berühmten Apfelszene mit Eva, Adam und der Schlange „Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum“– was übrigens Mephisto in Goethes „Faust“ dem Schüler ins Stammbuch schreibt und nichts anderes heißt als „Ihr werdet sein wie Gott, unterscheiden zwischen Gut und Böse“. Also weg vom paradiesischen instinktgesteuerten zu eigenverantwortlichen Leben. Stichwort: Baum der Erkenntnis – schlicht Menschwerdung und das einzige, was uns vom Tier unterscheidet.

Till Eulenspiegel1

Besonders reizvoll die niederdeutsche Version als Wortspiel von „ulen“, was so viel wie fegen oder auch wischen bedeutet und Spegel, der für das Gesäß steht – noch heute waidmännisch als Spiegel beim Wild. Also: „Wisch mir’n Hintern“ und „Ul’n Spegel“ schlicht für „Leck mich am Arsch“, durch Goethes „Goetz“ durchaus salonfähig geworden. Und allemal, wie es schon im Ulenspiegel heißt: „Ick bin ulen pegel“. Ich bin euer Spiegel, ich halte euch den Spiegel vor.

Verwirrung besteht auch bei der Autorenschaft dieses so lange Zeit berühmtesten Volksbuchs, das zuletzt, anders als die „Doktor Faust“-Geschichte oder „Die Schildbürger“, „Die schöne Melusine“ und noch einmal „schön“ bei „Die schöne Magelone“ zuletzt ausgemustert wurde. Dabei war sie im 16. Jahrhundert so etwas wie ein Weltbestseller, der in viele Sprachen übersetzt wurde und wie kein anderes Sujet immer wieder Bearbeitungen erfuhr. Seit seiner Veröffentlichung mehr als 500 Mal. Vor allem auch als Jugendbuch in mehr als 250 Versionen, die sich auf die Komik der Wortspiele reduzierten und den heiteren, fröhlichen Narren und Schelm vorführen. Angeblich wurde er 1300 in Kneitlingen am Elm bei Braunschweig geboren, was allerdings nie bewiesen werden konnte, genau so wenig wie sein Tod 1350 in Mölln im Herzogtum Lauenburg. Ob es ihn überhaupt gegeben hat, darüber rätseln nicht nur Germanisten noch heute. Was sich durchgesetzt hat seit Anfang der 1980er-Jahre: der Autor. Heute gilt Hermann Bote, der zuvor nur als Bearbeiter galt und unter anderem Zollschreiber und Verwalter des Braunschweiger Ratskellers war, aber als „Humpler“ und „Umpenplump“ verspottet wurde, weil er vermutlich „verwachsen“ war – als Urheber dieses Prototyps des hemmungslosen Schalks, dessen Schwänke die menschlichen Schwächen gnadenlos vorführen. Seinen Mitbürgern offensichtlich geistig überlegen, spielt er den Menschen auf seinen Reisen durch ganz Europa Streiche. Sein Trick: Er nimmt alles wörtlich und stellt so seine Opfer bloß. Einer seiner Streiche: Auf der Burg des Grafen von Anhalt sollte er als Turmbläser rechtzeitig das Horn blasen, wenn ein Feind anrückte. Als die Burg tatsächlich angegriffen wurde, blieb das Horn stumm. Tills Begründung: „Ohne Essen kann man nicht ins Horn blasen“. Man hatte ihn auf seinem Turm einfach vergessen. Als vermeintlicher Bäcker fragte er den Meister, was er denn backen solle, was der ironisch mit „Meerkatzen und Eulen“ abtat und von Till natürlich wörtlich genommen wurde. Einer der berühmtesten Streiche, wie Till einem Esel das Lesen beibringt und dafür zwischen die Seiten eines Buches Hafer streut. Prompt blättert der Esel die Seiten mit dem Huf um und kommt so an die begehrten Körner. Bei seiner Demonstration vor Publikum verzichtet Till auf den Hafer, sodass der Esel zwar umblättert, aber dann, weil der Lohn ausbleibt, sein wütendes „Iah, Iah“ ertönen lässt, was Eulenspiegel cool mit „Die ersten beiden Buchstaben hat er schon gelernt“ kommentiert.

Dieser Schalk aus Norddeutschland, der als schlau, gerissen, witzig und intelligent beschrieben wird und nur vorgibt ein Narr zu sein, den er allerdings virtuos spielt, hat nicht nur Schabernack getrieben. Eulenspiegels Witz lebt vor allem von der Schadenfreude. Neben der Satire, hinter der sich manchmal auch Weisheit verbirgt, treibt er böse Späße, betrügt, vor allem Wirte und Handwerker, um ihren Lohn. So oft er Ungerechtigkeiten entlarvt, ist er selbst ungerecht, zahlt es den Bösen heim und nutzt die Guten aus. Kein Robin Hood also. Die Reichen haben unter seinem Spott genauso zu leiden wie die Armen. Vermutlich geht es Eulenspiegel immer nur um Eulenspiegel.

Till Eulenspiegel3

Als früher „Weltbestseller“ und in 280 Sprachen übersetzt, wurde die Geschichte von Dichtern und Schriftstellern immer wieder bearbeitet und umgeschrieben – von Hans Sachs über Kotzebue, de Coster, unserem Detmolder Grabbe, Nestroy, Wedekind, Klabund, Hauptmann sowie Kästner und Christa Wolf und vielen, vielen anderen.
Auch wenn er heute das Narrenkostüm trägt, so, wie er beispielsweise in Mölln dargestellt wird – Eulenspiegel war kein Hofnarr. Erst im Laufe der Zeit wurde er mit Narrenattributen ausstaffiert, wurde ihm die Narrenkappe mit Schellen übergestülpt. Selbst in der Musik wurde ihm von Richard Strauss mit seiner sinfonischen Dichtung „Eulenspiegels lustige Streiche“ ein Denkmal gesetzt.
Unvergänglich auch de Costers „Tyll Ulenspiegel“, das die Geschichte so ganz anders erzählt als „Légende d’Ulenspiegel“ in fünf Büchern im Gegensatz zu den 95 kurzen Kapiteln der Urfassung. Wird Eulenspiegel bei Bote bereits drei Mal getauft, weil immer was dazwischen kommt und schief läuft, steigert de Coster die Zeremonie auf sechs Mal, weil unter anderem die Patin einmal sturztrunken in das Taufbecken fällt. Ein besonderes Schmankerl, das de Coster der zweiten Auflage seines Romans beifügte, wurde berühmt als „Vorrede der Eule“. Nach einer Anrede an Künstler, Herausgeber und Poeten heißt es: „Wie! In diesem dicken Buche, diesem Elefanten, den Sie, achtzehn an der Zahl, versuchen zum Ruhme zu führen, haben Sie nicht den kleinsten Platz für den Vogel Minervas, die weise, die verständige Eule gefunden!“ Und betont, dass sie in Deutschland und Flandern beständig auf Ulenspiegels Schulter reise, der nur darum so heißt, weil sein Name Eule und Spiegel bedeutet, Weisheit und Gaukelspiel, Ulen Spiegel. Etwas weiter im Text wird sie geradezu bitter und grundsätzlich: „Wovon lebt Eure Politik, seitdem ihr die Welt regiert? Vom Erwürgen und Morden“. Und rechtfertigt sich: „Ich, die Eule, die häßliche Eule, ich töte, um mich zu ernähren, um meine Jungen zu ernähren – ich töte nicht, um zu töten“.
Eine Menschheitsfigur dieser Eulenspiegel, wie auch unser Rattenfänger, der ebenfalls Ableger in Südfrankreich und auch in Österreich vorweisen kann. In der Türkei tritt Eulenspiegel als Hodscha Nasreddin auf, in der jiddischen Literatur heißt er Hersch Ostropoler. Fast alle Völker haben ihren Eulenspiegel.
Was die Figur so lebendig am Leben erhält: weil sie immer wieder neu erfunden wird. Wie auch unser Rattenfänger.

Fotos: Christian Manthey