Bremer Stadmusikanten

Rebellen auf dem Weg zur Alters-WG

Die Bremer Stadtmusikanten: Aufstand einer Rentner-Gang

Von Richard Peter

„Die Bremer Stadtmusikanten“– eines der traurigsten, gleichzeitig aber auch hoffnungsfrohsten Märchen der Brüder Grimm – ein Paradoxon ähnlich wie Kleists Formulierung im „Michael Kohlhaas“ von dem es heißt „...einem der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“. Vier Alte, die ausgemustert werden, ihr Leben verlieren sollen, weil sie nichts mehr einbringen, nur noch nutzlose Fresser sind, schließen sich zusammen, weil sie „etwas Besseres als den Tod“, wie es heißt, „allemal finden“. Das gibt Mut, dieser Aufstand der Alten – so eine Art frühe „Graue Panther“, die sich nicht abfinden mit ihrem Schicksal. Aufbegehren. Rebellen auf dem Weg zur Alters-WG.

Ein Leben lang hat er geschuftet, „unverdrossen“, wie es heißt, Säcke zur Mühle geschleppt. Jetzt ist er alt, verbraucht, müde der Plackerei. Die Kräfte gehen zu Ende. Zur Arbeit untauglich geworden, wollte ihn sein Herr loswerden – ihn „aus dem Futter schaffen“. Nun war unser Esel aber nicht dumm – und dass es sprichwörtlich so heißt: nur weil er gutmütig ist und sich gnadenlos ausnutzen lässt – und hier schnell merkte, „dass kein guter Wind wehte“. Da nahm er sein Schicksal in die Hand und kratzte gerade noch die Kurve, wie man salopp sagen könnte. Und er hatte einen Plan – und ein Ziel: Er wollte nach Bremen um dort als Stadtmusikant seinen Lebensabend zu gestalten. Ein kleiner, boshafter Seitenhieb gegen die Hansestadt, denn es gab sie wirklich die Bremer Stadtmusikanten, deren Ruf unseren Esel allerdings bestärkte, dass selbst er dort als Musiker noch für sein Auskommen sorgen könnte.
Im Übrigen handelt es sich bei den Bremer Stadtmusikanten um das einzige Märchen der Brüder Grimm, die einen Stadtnamen im Titel führt. Es gibt noch eines, da heißt es „Det Mäken von Bräkel“, aber das ist eher eine Anekdote in Platt als ein ausgewachsenes Märchen. Die Geschichte, die von den Grimms stark überarbeitet wurde, stammt übrigens aus dem Paderborner Land. Als Quelle wird die Familie von Haxthausen genannt. Was erstaunt, wie viele Redewendungen hier eingearbeitet wurden, wie „dass kein guter Wind wehte“, „wenn’s einem an den Kragen geht“ , „Nun ist guter Rat teuer“, „durch Mark und Bein“ oder „ins Bockshorn jagen lassen“.
Überraschend: Bremen als satirischer Aufhänger – wo die vier Rebellen in Fell und Feder und schließlich tierischer Rentner-WG, niemals ankommen.
Zum Esel, der sich als erster auf den Weg gemacht hat, um nicht zum Dank verwurstet zu werden, gesellt sich auch „Packan“, der alte Jagdhund, der „japste wie einer, der sich müde gelaufen hat“. Sein Herr, dem er, von Tag zu Tag schwächer geworden, auf der Jagd nicht mehr dienen konnte, wollte ihn totschlagen.
Und auch die Katze konnte von keinem geruhsamen Lebensabend am warmen Ofen träumen. Sie sollte ertränkt werden. Kein Wunder, dass sie am Wegrand saß und ein Gesicht machte wie „drei Tage Regenwetter“. Und auch der Vierte, den sie auf ihrer Wanderung aufnahmen, sollte zuletzt nur noch für eine gehaltvolle Suppe sorgen. „Ei was, du Rotschapf“, sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas besseres als den Tod findest du überall“. Ein Satz, der auch heute noch seltsam anrührt, geradezu sprichwörtlich wurde.
Ein tieftrauriges Märchen, weil es davon erzählt, dass unser Leben offenbar nur berechtigt ist, solange wir etwas leisten, produktiv sind. So lange wir uns rechnen. Als überflüssige Esser haben wir keine Daseinsberechtigung. Eine Tierfabel, die zu ihrer Zeit vor allem auch als Gesindeerzählung Bedeutung hatte. Denn gemeint sind Knechte und Mägde, die hier märchenhaft als deren sozialutopische Wünsche transportiert werden. Lösungswege aus einer prekären Situation aufzeigen.
Aber so traurig der Anlass – so ermutigend, wie die Vier ihr Leben, ihren Lebensabend selbst in die Hand nehmen. Denn natürlich stehen Esel, Hund, Katze und Hahn für Menschen – nicht nur, weil Esel keine Laute und Hunde keine Pauken schlagen. Während die Katze sich ganz real auf „Nachtmusik“ versteht und dem Hahn eine „gute Stimme“ bescheinigt wird.
Vier Rebellen, die Freund Hein gerade noch von der Hippe gesprungen waren. Es braucht nicht all zu viel Fantasie sich vorzustellen, wie es den Alten früher ging. Nicht dass Oma und Opa und natürlich auch nicht Knechte und Mägde erschossen, erschlagen oder ersäuft worden wären, aber als nutzlose, unproduktive Esser standen sie nicht gerade hoch im Kurs. Rentner ohne Rente und jede Missernte bedeutete zusätzlich Elend und Hunger. Sie war lange nicht so gut, die gute alte Zeit.
Auf dem Weg nach Bremen wurden die so seltsamen Wanderer von der Nacht überrascht und machten es sich in einem Wald bequem. Esel und Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze kletterte ins Geäst, während der Hahn bis in die Spitze flog. Da sah er sich, bevor er einschlief, noch einmal nach allen vier Winden um und entdeckte in der Ferne „ein Fünkchen brennen“. Und genau das verkündete er seinen Kumpanen, die sofort einverstanden waren, diese Strecke noch hinter sich zu bringen, denn wie der Esel meinte: „So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht“. Auch Packan meinte, dass ein „paar Knochen und etwas Fleisch dran“ ihm guttäten.
So kamen sie zu einem hell erleuchteten Räuberhaus. Und drinnen sahen sie durchs Fenster „einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken und Räuber saßen daran und lassen’s sich wohl sein“. Was Wunder, wenn unseren hungrigen Wanderern, ohne dass das da explizit so stünde, der Sabber aus dem Maule lief. „Das wäre was für uns“ fand der Hahn, und der Esel doppelte nach: „Ja, ja, ach wären wir da!“ Und so überlegten sie fieberhaft, wie sie die Räuber vertreiben und sich selbst ins so lecker gemachte Nest setzen könnten.
Was dabei herauskam: das berühmte Bild, mit dem das Märchen hundertfach illustriert wurde. Der Esel mit den Vorderfüßen auf dem Fensterbrett, darauf der Hund auf Esels Rücken, die Katze auf dem Hund und über allen der Hahn auf dem Kopf der Katze. Und dann begannen sie ihre Musik zu machen. „Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte“. Dann klirrten die Scheiben und der Viererturm stürzte in die gute Stube der Räuber. Und die flohen in Panik aus dem Haus in den Wald, weil sie dachten, ein Gespenst gesehen zu haben. Umgekehrt setzten sich unsere vier Gesellen nach der gelungenen Eroberung an den nicht mehr ganz so gefüllten Tisch und „aßen, als wenn sie vier Wochen hungern sollten“.
Dann bezogen sie ihre Schlafstätten, „jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit“. Der Esel landete auf dem Mist, der Hund machte es sich hinter der Tür bequem, die Katze sucht die Wärme auf dem Herd und der Hahn setzte sich auf den Hahnenballen. Die reinste Idylle.
Nicht ganz so idyllisch ging es den verjagten Räubern, die einen ihrer Leute in das jetzt dunkle Haus schickte um die Lage zu erkunden. Der Mann ging in die Küche, wo er glühende Kohlen sah, an denen er seine Schwefelhölzer entzünden wollte. Es waren aber die Augen der Katze, die keinen Spaß verstand und ihm ins Gesicht sprang, „spie und kratzte“. Da wollte er schnell zur Hintertür hinaus, aber Packan, der da lag, packte ihn und biss ihn ins Bein, im Hof gab ihm der Esel noch einen „tüchtigen Schlag“ mit dem Hinterfuß mit auf den Weg und der Hahn gab ihm mit seinem Kikeriki den Rest. Der Bericht des Räubers: „Ach, in dem Haus sitzt eine gräuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt und vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen, und auf dem Hof liegt ein Ungetüm, das hat mit einer Holzlatte auf mich losgeschlagen, und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief, bringt mir den Schelm her.“
So konnten die vier Möchtegern-Musikanten ihr neues Domizil behalten - und es gefiel ihnen so, dass sie nicht wieder heraus wollten. Und als Schlusssatz heißt es: „Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm“.
Ganz so wörtlich darf man das alles nicht nehmen – denn bei aller Begeisterung für ihr neues Leben, die Futterfrage bleibt, beispielsweise, ungelöst. Macht aber nichts. Was bleibt: Die Alten haben sich gewehrt. Ein Thema, das auch heute noch im Fernsehen zelebriert wird. Nur, dass es nicht mehr um Futter geht. Man will nur nicht mehr alleine sein und einsam. Seelisches Futter hat schließlich auch seinen Stellenwert. Und ein Glück, dass die Alters-WG nicht auch noch als Musiker auftreten musste. Auch wenn das in Bremen vermutlich niemanden gestört hätte.