Porta

Sagenhafte Weser

Zeugnisse einer vergangenen Glaubens- und Vorstellungswelt

Von Uwe Pernack

Wenn von Wesersagen die Rede ist, wird damit für gewöhnlich die Gesamtheit der Sagen des Weserberglandes benannt. Genau genommen dürfte aber mit diesem Begriff nur die kleine Anzahl jener Sagen bezeichnet werden, denen vor allem die Weser als Stoff für Erzählungen dient. Sie geben Aufschluss über die Glaubens- und Vorstellungswelt der einstigen Bewohner des Oberen Wesertales.

Als Urbild aller Wesersagen ist die Sage über die „Entstehung der Porta Westfalica“ anzusehen. Wie bisweilen einer christlichen Kirche das Fundament eines ehemaligen heidnischen Tempels als Baugrund dient, hat sie als Basis die ältere Sage von der „Entstehung der Weserberge“. Die Sage berichtet davon, dass einst Riesen den Brocken bauten. Die dazu benötigten ungeheuren Felsbrocken seien von ihnen in Schubkarren vom Nordseestrand zum Harz geschafft worden. Während dieser Transporte sei einiges an Geröll durch Ritzen in den Schubkarren nach unten gerieselt. Nach und nach hätten sich daraus die Weserberge aufgetürmt. Eine solche Sage bediente auch C. W. von Sydow das Erklärungsbedürfnis von Menschen zu auffallenden Naturerscheinungen.

Vor der Christianisierung des Weserberglandes wurde die Fantasie der dort lebenden Menschen durch die Kunde von germanischen Grabhügeln und Funden großer fossiler Knochen angeregt. Man wusste diese nicht anders zu deuten, als dass sie das Werk und die Überreste eines riesenhaften Vorzeitgeschlechts wären. Ein Glaube, der, so Leander Petzoldt, heute noch in der volkstümlichen Bezeichnung Hünengräber (Riesengräber) für germanische Hügelgräber erkennbar ist. Mit der Eroberung Sachsens durch Karl den Großen und der ihr nachfolgen Christianisierung wurden die Bilder von mythischen Gestalten wie Riesen in den Köpfen der Menschen umfunktioniert. Die Kirche dämonisierte den Glauben an Riesen und heidnische Götter und implantierte ihn so in die christliche Vorstellung vom Teufel. Wovon die Sage über die „Entstehung der Porta Westfalica“ exemplarisch Zeugnis gibt.

Danach befahl „in uralten Zeiten“ der Teufel den Menschen des Wesertales, ihm zu dienen. Doch sie weigerten sich. Daraufhin dämmte der Teufel den damaligen Durchfluss der Weser durch das östliche Wiehengebirge ab. Die sogenannte Wallücke bei Bergkirchen war geschlossen und das Flusswasser stieg im Wesertal unaufhörlich an. Die Menschen aber weigerten sich, weiterhin den Teufel anzubeten und flüchten auf die Kronen der Berge. Kurz bevor das Hochwasser alles und alle ersäuft hätte, ließ Gott ein urgewaltiges Gewitter aufkommen und ein ungeheurer Blitzstrahl spaltete das Gebirge. Die „Porta Westfalica“ zwischen Wiehen- und Wesergebirge war entstanden. Durch die im Volksmund „Bergscharte“ genannte Öffnung flossen die Wasser der Weser ab. Und die Menschen, die sich trotz aller Not ihren Glauben an Gott bewahrt hatten, waren gerettet.

Inhaltliche Anklänge dieser Sage an biblische Motive wie Sintflut und Prüfung Hiobs verweisen darauf, dass sie im Mittelalter auf der Kanzel als Predigtmärlein zur Einprägung christlicher Glaubensstärke benutzt worden sein könnte. Hauptsächlich spiegelt sie aber das Gefühl von Ohnmacht der damals an der Weser lebenden Menschen gegenüber der Natur wider. Insbesondere bei der hierzulande wohl größten Hochwasserkatastrophe des vergangenen Jahrtausends, dem „Magdalenen-Hochwasser“ vom Juli 1342. Die Weser wuchs damals „ohne Maß“, wie der Chronist Krantzius berichtet. „Bauernhäuser sah man auf den Wellen schwimmen“ und „Männer, Frauen […] kleine Kinder trieben dahin“. Derartige Naturkatastrophen konnten sich die Menschen seinerzeit nur als den Willen und das Walten höherer Mächte erklären. Und verliehen ihrer Erschütterung darüber in Sagen Ausdruck.

Nach strengen Maßstäben zählt die „Rattenfängersage“ nicht zu den Wesersagen. Gleichwohl kann man ihr einiges über das Verhältnis der mittelalterlichen Stadt zur Weser entnehmen. Laut hinlänglich bekannter Überlieferung soll im Jahr 1284 ein Pfeifer die gesamte Rattenpopulation Hamelns mit magischen Tönen aus seiner Flöte in die Weser gelockt haben, um sie dort dem Ertrinken preiszugeben. Je nachdem, wie hoch man die damalige Zahl der Einwohner Hamelns und die Zahl der auf diese kommenden Ratten annimmt, käme man auf 2000 bis 8000 ersäufte Kreaturen. Allerdings ist die von der Sage als wahr beteuerte Schädlingsentsorgung historisch nicht beglaubigt, doch er lässt den historischen Hintergrund kurz aufscheinen: Dass Hamelns Bürger die Weser seinerzeit als Kloake und Transportvehikel für ihre Abfälle nutzten. Wie in anderen mittelalterlichen Städten auch, wurde der Inhalt der Abortanlagen regelmäßig in der Weser entsorgt. Aber auch gewerbliche Abwasser, Schlachtabfälle und noch manche andere Verunreinigung aus Hameln hatte die Weser aufzunehmen. Über die Folgen derartiger Methoden – auch für andere Anrainer der Weser – machte man sich damals keine Gedanken. Die Vorstellung, dass die Natur eines Schutzes vor Umweltbelastung bedarf, wäre einem Hamelner des 13. Jahrhunderts völlig unverständlich gewesen. Da man sich als stets im Kampf mit der Natur befindlich betrachtete, nutzte man sie, wann immer und wie immer es möglich war. Zusammenhänge zwischen chronischen Infektionskrankheiten und Seuchenausbrüchen einerseits und Immissionen in die Weser andererseits wurden nicht erkannt. Das blieb erst dem späten 19. Jahrhundert vorbehalten.

Mit dem Beginn der Neuzeit aber begann sich das traditionelle Verhältnis der Menschen des Oberen Wesertales zu ihrem Fluss allmählich zu wandeln. Der Ausbau des Hochwasserschutzes wie der Ausbau der Weser zur Schifffahrtsstraße begann Raum zu greifen. Wobei eine durch forcierte Eingriffe der Obrigkeit vorgenommene Änderung der Verhältnisse durchaus auf Ablehnung stoßen konnte und sogar Anlass zur Sagenbildung gab. Dies widerfuhr exemplarisch dem schaumburgischen Drosten Jobst von Mengersen (1570 – 1620), der durch sein Eingreifen in die Flusslandschaft wie in alte Besitzstände eine zweifelhafte Berühmtheit als Protagonist einer Frevelsage erlangte. Laut der 1854 von Karl Lyncker veröffentlichten Sage ließ er einen von seinem Weibecker Gut Stau bis Hessisch Oldendorf führenden Arm der Weser abdämmen. Durch die Trockenlegung dieses Flussarms verlor die Stadt Hessisch Oldendorf ihren unmittelbaren Zugang zur Weser. Da ihm der Teufel dabei geholfen haben soll, durfte er im Grab keine Ruhe finden. Im Gewölbe unter der Fischbecker Stiftskirche begraben, streckt er dort aus seinem Sarg immer wieder einen Fuß heraus – auch „wenn der Fuß hundertmal [wieder] hineingelegt wird“. Hingegen gab im 18. Jahrhundert ein derart gewaltiges Unterfangen wie der Bau der Hamelner Schleuse (1732 bis 1734), durch welches das berüchtigte „Hamelner Loch“ von Schiffen umgangen werden konnte, keinen Anlass mehr zu einer Sagenbildung. Was aufzeigt, dass im Oberen Wesertal nicht mehr eine mythisch-religiöse, auch keine indifferente, sondern eine rationale Sicht das Mensch-Umwelt-Verhältnis zu bestimmen begann.