Köterberg quer

Schätze im Köterberg?

Von Gold und Silber tief im Inneren

Von Joachim Zieseniss

Der Köterberg gilt mit seinen 500 Metern über dem Meeresspiegel volkstümlich als der „Brocken“ im Weserbergland und wird als höchsten Berg im Weserbergland beworben. Was aber genau genommen nicht so stimmt. Ist doch der Solling auf der anderen Weserseite mit seiner höchsten Erhebung 527,8 Meter hoch. Als freistehender Berg und mit seinen heutigen Sendemasten ein markanter Orientierungspunkt, hat der Köterberg jedoch immer eine besondere Bedeutung für das Weserbergland gehabt.

Dabei hat der Name „Köterberg“ mit dem aus dem Niederdeutschen stammenden verächtlichen Ausdruck für „Hund“ nichts zu tun. Nach älteren Interpretationen wurde „Köterberg“ von Sprachforschern und Historikern als „Götterberg“ gedeutet. Wurde er doch auch der „Götzenberg“ genannt, weil in heidnischen Zeiten die Bevölkerung aus den umliegenden Landen dort ihre Götter angebetet haben sollen. Er wird als Kultstätte der Mondgöttin gedeutet. Dabei wird ein Zusammenhang mit den beiden „Lunabächen“ (im Platt der Einwohner „Lunebike“ genannt), die am nordöstlichen Fuße des Köterbergs entspringen, hergestellt.
Andere Namensdeutungen zufolge geht der Name des Berges auf den Begriff „Kute„ oder „Kott“ zurück, ein alter Begriff für Grenze. Denn die Schreibweise in alten Urkunden und Karten wechselt häufig zwischen „Kottersberg“, „Keterberg“und „Küterberg“. Im Laufe der Geschichte war der Berg wegen seiner markanten Lage jedenfalls von allen Seiten begehrt, und seit je ist er ein Grenzberg par excellence: Ob hier nun die Grenzen von den vier Territorien Lippe-Detmold, Braunschweig/Lüneburg beziehungsweise Hannover, Paderborn und Corvey sich trafen oder hier heute zwei Bundesländer aufeinanderstoßen: Zum Stadtgebiet von Lüdge gehört der Berggipfel, der südwestliche Berghang ist Höxtersches Gebiet, und ein schmaler, aber sich bis auf den Südwestteil der Gipfelregion erstreckender Zipfel gehört zum Gebiet des Fleckens Polle. An der Spitze dieses Zipfels stoßen die nordrhein-westfälischen Kreise Lippe im Norden und Höxter im Süden mit dem niedersächsischen Landkreis Holzminden im Osten zusammen.

Verknüpft ist der Köterberg auch mit der Märchentour der Brüder Grimm, die ihn 1814 in Begleitung des Freiherrn von Haxthausen bestiegen. In einem Brief an Joseph Görres berichtet Wilhelm Grimm später von diesem Besuch und erzählt auch von der Sage von den beiden Riesen: Südlich auf einem waldbewachsenen Hügel am Fuße des Berges stand die Harzburg, wovon nur noch die Grundmauern zeugen. Darin wohnten Hünen. Gegenüber, auf dem zwei Stunden fernen Zierenberg, stand eine andere Hünenburg. Und der Sage nach warfen sich die Riesen von diesen Burgen von Berg zu Berg Hämmer herüber und hinüber; was man als Mensch dann gut bei Gewittern beobachten konnte.

Über den Köterberg selbst existiert die Sage, dass er in seinem Inneren voll ist mit Gold und Schätzen. Die bei Hummersen und Falkenhagen in der Umgebung des Köterberges vorkommenden Schwefelkiesadern mögen infolge des goldähnlichen Aussehens des Schwefelkieses – auch Katzengold oder Narrengold genannt – einst zu dem Glauben geführt haben. Auf der nördlichen Seite des Köterberges sind Höhlen. Da fand einmal der Volksüberlieferung zufolge ein Schäfer den Eingang und die Türe zu den Schätzen. Aber wie er in den Berg hineingehen wollte, kam ein ganz blutiger, entsetzlicher Mann übers Feld dahergelaufen. Der erschreckte und verscheuchte als Hüter des Schatzes den Schäfer. Besser geht da schon die Lokalsage von der Springwurzel aus, obwohl auch hier der Ausgang enttäuschend ist: Einst hütete ein Schäfer auf dem Köterberg seine Herde. Als er sich einmal umdrehte, stand plötzlich eine wunderschöne Jungfrau vor ihm und redete ihn an: „Nimm die Springwurzel und folge mir nach!“ Die Springwurzel erhält man dadurch, dass man einem Grünspecht sein Nest mit einem Holz zukeilt; sobald der Vogel das bemerkt, fliegt fort und weiß die wunderbare Wurzel zu finden, die ein Mensch noch immer vergeblich gesucht hat. Er bringt sie im Schnabel und hält sie vor den Holzkeil, der dann herausspringt, wie vom stärksten Schlag getrieben. Hat man sich versteckt und macht nun, wie er herankommt, einen großen Lärm, so lässt er sie erschreckt fallen (man kann aber auch nur ein weißes oder rotes Tuch unter das Nest breiten, so wirft er sie darauf, sobald er sie gebraucht hat. Mit einer solchen Springwurzel vermag man dann alles zu öffnen, auch wenn es noch so stark verschlossen ist.

Katzengold

Diese Wurzel ergriff sogleich der Schäfer. Er ließ nun seine Tiere frei umherlaufen und folgte dem Fräulein. Dieses führte ihn durch ein Höhlensystem in den Berg hinein. Sooft sie zu einer Tür oder einem verschlossenen Gang kamen, musste der Hirt seine Wurzel vorhalten, und sogleich wurde geöffnet. Beide schritten immer weiter fort, bis sie etwa in die Mitte des Berges gelangten. Dort saßen zwei weitere Jungfrauen und spannen eifrig. Der Satan befand sich auch in dem Saal, aber er war machtlos; man hatte ihn unten am Tisch, vor dem die beiden Jungfrauen saßen, festgebunden. Ringsum sah man in Körben gewaltige Mengen von Gold und glitzernden Edelsteinen aufgehäuft liegen.
Der Schäfer staunte die ungeheuren Reichtümer an, seine Führerin aber forderte ihn lächelnd auf: „Nimm dir, soviel du willst.“ Ohne Zaudern griff der Mann sofort in den glänzenden Haufen und füllte in seine Taschen, was sie fassen konnten. Als er dann, reich beladen, wieder ins Freie treten wollte, ermahnte ihn die Jungfrau: „Aber vergiss das Beste nicht.“ Der Hirt dachte, sie rede von den Schätzen und glaubte, sich ausreichend mit allem versorgt zu haben. Aber das Fräulein meinte die Springwurzel. Als er nun ohne die Wurzel, die er im Inneren des Köterberges auf den Tisch der spinnenden Jungfrauen gelegt hatte, aus dem Berg geschritten war, schlug das Tor krachend hinter ihm zu. Die großen Reichtümer brachte der Mann glücklich nach Hause, aber den Eingang zur Schatzkammer konnte er niemals wiederfinden; und auch die Jungfrau zeigte sich ihm nie mehr.

Wie sehr sich Märchen in der Vorstellung der Menschen festsetzen und Begehrlichkeiten auch in der Realität annehmen können, zeigte sich im 16. Jahrhundert: Denn der Köterberg sollte seinen Ruf als Hort von Gold- und Silberschätzen auch zu Beginn der Neuzeit nicht so schnell loswerden. Doch sollten diese alten Gerüchte nur teilweise bestätigt werden. 1536 war es zu einem Vertrag über gemeinschaftliche Schürfrechte am Köterberg zwischen dem Kölner Erzbischof Hermann von Wied für Paderborn, den Herzögen von Braunschweig und dem Grafen Simon von Lippe gekommen. Schon zuvor – im Jahre 1520 – hatten zwei Bergleute Schürfarbeiten am Köterberg aufgenommen. Alle Anstrengungen blieben damals ohne sichtbaren Erfolg. Im 17. Jahrhundert kam es dann aber trotzdem wieder zu einer Neubelebung des Bergbaus. In Falkenhagen wurde ein Bergwerk angelegt, und 1865 wurden sogar 7290 Zentner Schwefelkies gewonnen und von Polle aus verschifft. Doch mehr als goldglänzenden Schwefel sollte der Schatzberg hoch über der Weser nicht hergeben.

 

Foto Köterberg: Thomas Fietzek