Siebenlinge quer

Sieben Kinder zur gleichen Zeit

Der Hamelner Siebenlinge-Stein und seine Deutungen

Geburt und Tod liegen in der Frühen Neuzeit dicht beieinander. Die Kindersterblichkeit ist hoch. Die am Morgen des 9. Januar 1600 geborenen Mehrlinge von Thiele Römer und seiner Frau Anna Breyer sterben noch am Mittag desselben Tags. Die ursprüngliche Grabinschrift spricht von „zwey Knäbelein und zwey Mägdlein“, die immerhin noch die Nottaufe erhalten.

Die Geburt von Vierlingen ist auch für diese Zeit sehr ungewöhnlich. Im Lauf der Jahrhunderte entsteht aber die Legende, es habe sich sogar um Siebenlinge gehandelt. Zu sehen sind nämlich sieben tote Kinder. Üblicherweise werden alle Nachkommen einer Familie – lebende und schon verstorbene – auf einem solchen Epitaph dargestellt. Vermutlich sind also schon vor der Mehrlingsgeburt drei Kleinkinder verstorben. Die Legende wirkt jedoch so stark, dass man Anfang des 19. Jahrhunderts die Grabinschrift ändert: Aus zwei Mädchen werden fünf.

Dieser Artikel stammt aus dem historischen Archiv der Dewezet

Dr. A. Ostermeyer

Fast ebenso bekannt und berühmt wie die Rattenfängersage ist der Hamelner „Siebenlinge-Stein", der jetzt in derr Diele des Heimatmuseums aufgestellt, während eine gleichartige Kopie an der Apsis der Marktkirche zu sehen ist. Dieses Renaissance-Grabmal ist schon als Kunstwerk bemerkenswert. Es zeigt den gekreuzigten Christus und darunter knieend ein Ehepaar mit zwei Söhnen, drei Töchtern und sieben Wickelkindern.

Siebenlinge Stein

Gedenkstein Familie Thiele Römer (Siebenlinge-Stein) 1600

Wie üblich, sind die männlichen Mitglieder auf der linken Seite heraldisch dargestellt und die weiblichen, die Mutter und die drei Töchter auf der rechten Seite. Auf einem Kissen liegen zwischen den Eltern sechs Wickelkinder und ein siebentes, auf einem Kissen etwas höher für sich. Ganz oben ist links die Hausmarke des Tile Römer zu sehen und rechts das Wappen seiner Ehefrau Anna, geb. Breyer. Diese Namen sind der Inschrift unter dem Stein zu entnehmen, nach der diesem Ehepaar „als man zählte 1600 Jahr, den 9. Janarius des Morgens 3 Uhr zwey Knäbelein und fünf Mägdelein auf eine Zeit geboren seyn - Haben auch die heiligen Tauf erworben, folgends den 20., 12 Uhr, seelig gestorben". Wie aus der Inschrift weiter hervorgeht, ist diese im Jahre 1818 neuverfasst worden, als der Stein nach der Auflösung des Münsterkirchhofs durch die Vermittlung des damaligen Bürgermeisters Domeier und des Gerichtsschreiber Hoppe an dessen dem Hochzeitshause gegenüberliegenden Eckhaus Emmernstraße / Osterstraße (jetzt Geschäftshaus Warnecke) gesetzt wurde. Dieses Haus hatte der Kaufmann Tile Römer, der 1589 das Bürger- und Braurecht erwarb, 1599 erbaut. Es gilt daher als das Geburtshaus der Siebenlinge. Deren angebliche Geburt am 9. 1. 1600 und ihr gleichzeitiger Tod elf Tage danach ist leider nirgends nachzuprüfen. Die ältesten Kirchenbücher datieren in Hameln erst von 1623 an. Hinsichtlich der Siebenlinge sind daher schon Zweifel geäußert worden. Darum suchte der verstorbene Archivar Dr. Berger nach Parallelfällen. Die ältesten Berichte von Mehrlingsgeburten sind augenscheinlich sagenhaft. In neuerer Zeit soll eine Schwarze einmal Siebenlinge bekommen haben, aber es waren Totgeburten. Hameln hätte demnach die bisher einzigen lebendgeborenen Siebenlinge aufzuweisen. Ärzte und Naturforscher haben sich verschieden zu der Möglichkeit einer solchen Mehrlingsgeburt geäußert. Verglichen mit der Häufigkeit von Zwillings-, Drillings-, Vierlings-, Fünflings- und Sechslingsgeburten könnten nach statistischen Berechnungen Siebenlinge höchstens alle tausend Jahre einmal vorkommen, was aber nicht heisst, daß der Fall unbedingt eintreten muss. Es ist nur eine Wahrscheinlichkeitsberechnung.

Besonders ins Rollen kam die Erörterung um die Hamelner Siebenlinge, als der Hamburger Volkskundler Professor Dr. Otto Lauffer sie den „Denkmalssagen zurechnete". Es sei eine Ortssage, die im Anschluss an das mißverstandene Bild des Gedenksteins entstanden sei. Nach Professor Lauffer stellen die sieben dargestellten Wickelkinder in Wahrheit die dem Ehepaar Römer im Verlauf ihrer Ehe nach und nach geborenen, aber früh verstorbenen Kinder dar. Der inzwischen ebenfalls verstorbene Hamelner Heimatforscher Dr. Spanuth hat sich seitdem in mehreren Artikeln für die Richtigkeit der Hamelner Überlieferung eingesetzt, unter anderem im Klütkalender von 1951. Die Wahrheit wird wohl in der Mitte liegen. In den alten Überlieferungen steckt meist ein wahrer Kern, aber mit Zahlen und Daten kommt man allmählich durcheinander. Audi bei anderen Grabmälern und Gedenksteinen aus der Renaissancezeit wurden mit der Zeit in der Erinnerung Ereignisse zusammengewürfelt, die zeitlich weit auseinanderliegen, wie es mir beim sogenannten Junkerstein im Deister bei Nettelrede auffiel. Sicher hat es bei den Römers Mehrlingsgeburten gegeben; aber waren es wirklich Siebenlinge?

Dr. Spanuth teilt in dem Klütaufsatz mit, (hält es jedoch für einen Irrtum des Copisten), daß im Original der Hamelner Chronik von Magister Herr von 1764, die in Hannover leider verbrannte, in der ursprünglichen Inschrift des Steins von „zwey knäbelein und zwei mägdelein", also nur von Vierlingen des Tile Römer die Rede gewesen sei. Auch fehle darin der 20. Januar als das gemeinsame Todesdatum; sondern die Kinder seien, was auch wahrscheinlicher sei, schon bald nach der Geburt gestorben. Das letztere wird sicher stimmen, denn noch seltsamer als das gemeinsame Erscheinen der Sieben kam uns schon immer ihr gemeinsames Alter von elf Tagen vor. Aber mit den Vierlingen könnte es seine Richtigkeit haben. Auf dem Epitaph sind nur vier Wickelkinder gleich groß dargestellt. Die zwei links davon sind kleiner und als zusammengehörig gekennzeichnet. Es könnten Zwillinge sein, die den Vierlingen schon vorausgegangen sind. Daß sich Mehrlingsgeburten in einer Familie wiederholen, ist ja auch eine bekannte Erscheinung.

Das siebente einzeln dargestellte Kleinstkind ist anscheinend ohne Partner erschienen, aber auch bald verstorben.Das Grabmal ist sicher nicht, wie immer angenommen wurde, dem Andenken der „Siebenlinge" gesetzt. Eine Darstellung der gesamten Familie, vor dem Kruzifix knieend, war erst üblich, wenn das Familienoberhaupt gestorben und kein weiterer Familienzuwachs mehr zu erwarten
war. Die früh verstorbenen Kinder wurden dann als solche in der Mitte dargestellt. Eine Anhäufung vieler, schon getaufter, aber noch in den Windeln verstorbener Kinder war jedoch eine Seltenheit. Auch die Geburt von Vierlingen ist ein seltenes und Aufsehen erregendes Ereignis, kein Wunder, daß es in einer Unterschrift festgehalten wurde. Bei der Erneuerung der Unterschrift mag sich
die Vorstellung von Siebenlingen schon festgesetzt haben, die alte Inschrift schon unleserlich geworden sein. Der Stein bekam jedenfalls nach allen Sieben seinen Namen und wird ihn auch
behalten, ganz gleich wie die Sache sich in Wirklichkeit verhalten haben mag.

 

Hintergrund

Hameln Museum