Schneewittchen Manthey

Spieglein, Spieglein...

Der märchenhafte Erfolgsstory von Schneewittchen und den sieben Zwergen

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Von Wilhelm Gerntrup

Der Wettstreit trägt skurrile Züge: Mindestens vier deutsche Gemeinden wetteifern darum, die Heimat von Schneewittchen und den sieben Zwergen zu sein. Wer das für einen bloßen Reklamegag hält, wird eines Besseren belehrt. Auch in Märchen stecke oft ein Fünkchen historischer Wahrheit, so die Befürworter.

Die Folge: seit dem Erscheinen der Märchen-Sammlung der Grimm-Brüder vor gut 200 Jahren gab und gibt es immer wieder Versuche, besonders berühmte, darin beschriebene Figuren möglichst dicht vor der eigenen Haustür zu „verorten“. Die wunderschöne und weltberühmt gewordene Königstochter, „so weiß wie der Schnee, so roth wie das Blut, und so schwarz wie Ebenholz, und darum das Sneewittchen genannt“, war und ist besonders begehrt.
Für fantasiebegabte Lokalhistoriker und Politiker im heutigen Bundesland Hessen ist klar, dass sich das dramatische Geschehen um die schöne Heldin nur im damaligen Umfeld der Autoren, also in der Gegend um Hanau, Marburg oder Kassel abgespielt haben kann. Nach den bisher bekannt gewordenen Recherche-Ergebnissen kommen insbesondere die Gemeinden Langenbach im Taunus oder Bergfreiheit (heute Stadtteil von Bad Wildungen) in Betracht. In beiden Dörfern gibt es Schlösser, missgünstige Mütter, jede Menge Wald und sogar Spuren alter Bergwerksgruben, in denen einst Zwerge gearbeitet haben könnten.
Ähnlich „märchenhafte“ Verhältnisse hat man allerdings auch andernorts entdeckt. So sind die Leute im südniedersächsischen Leinebergland fest davon überzeugt, dass Schneewittchen einst in der Gegend von Alfeld im Bereich der Sieben Berge zu Hause gewesen sein muss. Und als vierte und bislang letzte Kommune reklamiert die Stadt Lohr am Main die Schneewittchen-Story für sich. Der im bayerisch-unterfränkischen Landkreis Main-Spessart gelegene Ort überraschte in den 1980er Jahren mit der Meldung, dass im örtlichen Schloss der „sprechende Spiegel“, den die neidische Königin des Öfteren nach der Schönsten im Land befragt haben soll, aufgefunden worden sei. Um die Ernsthaftigkeit ihres Anspruchs zu unterstreichen, haben die Stadtväter als neues Wahrzeichen eine großrahmige Schneewittchen-Skulptur in Auftrag gegeben. Das drei Meter hohe und 110 Tausend Euro teure Kunstwerk wird demnächst im Ortszentrum aufgestellt.
Ob, wann und wie es mit dem Ringen um den Titel „Schneewittchen-Stadt oder „Schneewittchen-Dorf“ weitergeht, steht in den Sternen. Eine endgültige Klärung kann und wird es wohl nie geben. Trotzdem darf das Titelrennen – trotz Tourismus-Gags und Lokalpatriotismus – auch als gutes Zeichen gewertet werden. Sie macht deutlich, dass „Volkes Kunde“ immer noch (oder wieder) mit viel öffentlichem Interesse und Aufmerksamkeit rechnen darf. Ein Beispiel ist der zunehmend ungezwungenere Umgang mit Brauchtum und aus der Mode gekommenen Formen von Kleidung, Sprache oder Literatur. Während in der „Deutschen Gesellschaft für Volkskunde“ (dgv), einem Interessenverband der studierten Volkskundler noch immer nach theoretischen und methodischen Ansätzen einer neuen „Erzählkultur“ sucht, wird diese Kultur vielerorts längst praktiziert. Märchen und Geschichte(n) erzählen ist zu einer bei Jung und Alt beliebten Alltagserfahrung geworden.
Dabei kommt dem jungen und schönen Schneewittchen eine besondere Rolle zu. Sie gilt nicht umsonst als weltweit bekannteste und beliebteste Märchen-Figur. Nach einer Allensbach-Umfrage rangiert die Story in der Gunst der Kinder noch vor Dornröschen, Rotkäppchen und Hänsel und Gretel. Seit der Erstveröffentlichung durch die Grimm-Brüder im Jahre 1812 hat es ungezählte Neuausgaben und Nacherzählungen in Form von Romanen, Gedichten, Theaterstücken und Singspiel-Vorlagen gegeben. Die Palette der Komponisten, Verfasser und Interpreten reicht von Engelbert Humperding über Theodor Storm bis zur Hardrock-Band Rammstein.
Am meisten haben zur weltweiten Popularität die mehr als 20 Kino- und Fernsehproduktionen beigetragen. Der Stummfilm-Klassiker „Snow-White“ aus dem Jahre 1916 und der 1937 gedrehte Disney-Zeichentrickfilm „Snow White and the Seven Dwarfs“ zählen bis heute zu den erfolgreichsten Hollywood-Produktionen aller Zeiten. Große Highlights wurden auch „Mirror Mirror“ (USA, 2012) mit Julia Roberts sowie die hierzulande gedrehten Streifen „7 Zwerge – Männer allein im Wald“ (2004) und „7 Zwerge - Der Wald ist nicht genug“ (2006).
In der ersten Auflage der Kinder- und Hausmärchen hieß Schneewittchen noch „Sneewittchen“, was die niederdeutsche Form von „Schneeweißchen“ ist („Snee“ = Schnee und „witt“ =weiß). In späteren Ausgaben taucht dann, offenbar zur Abgrenzung gegenüber der „Schneeweißchen“-Figur aus dem Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“, der Name „Schneewittchen“ auf.
Heiß diskutiert wird seit eh und je die Frage, woher die Märchen-Geschichten ursprünglich stammen und wie sie den Grimms zu Ohren gekommen sind. Die Brüder selbst haben sich dazu nur sparsam geäußert. „Alles ist mit wenigen bemerkten Ausnahmen fast nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden (hessische Flusslandschaft) in der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, nach muendlicher Ueberlieferung gesammelt“, lassen sie in der Vorrede zu dem 1812 herausgegebenen Band I wissen.
Knappe Auskünfte wie diese haben zu mancherlei Spekulationen geführt. Dazu gehört die es Öfteren verbreitete These, die Grimms wären über Land gezogen, um alteingesessene Märchen-“Beiträgerinnen“ zu befragen. Das gilt näheren Forschungen zufolge als „populistische Übertreibung“. Soviel Aufwand sei damals gar nicht nötig gewesen, so die Fachleute. Nach ihrer Darstellung waren die Beschäftigung mit völkischem Brauchtum und die Suche nach Spuren althergebrachter Volkes Kunde insgesamt seit Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts weit verbreitet. Die Folge: Das Bildungsbürgertum träumte, ermutigt und berauscht von den Ideen und Idealen der französischen Revolution, von der Abschaffung der fürstlichen Kleinstaaterei und der Ausrufung eines nationalen Einheitsstaates. In den Städten bildeten sich – neben Wandergruppen, Liedertafeln und Turngemeinden – auch „Geschichts- und/oder Märchenkreise“, in denen sich auch und vor allem die Damen der besseren Gesellschaft zu stark vaterländisch geprägten Stelldicheins trafen.
Als eigentlicher Grund für die sparsamen Quellenangaben der Grimms gilt deren Vorgehensweise bei der Formulierung der zur Veröffentlichung vorgesehenen Texte. Bei den meisten Märchen-Motiven konnten sie auf mehrere, inhaltlich mehr oder weniger stark voneinander abweichende Urfassungen zurückgreifen. Daraus stellten die Brüder eine aus ihrer Sicht stimmige Druckversion zusammen. Literarisch und/oder historisch weniger bedeutsame Einzelheiten landeten im Papierkorb.
Genauso machten sie es auch bei der Schneewittchen-Story, obwohl hierzu – neben mehreren mündlichen Überlieferungen – auch die gedruckte Darstellung eines renommierten Märchen-Experten vorlag. Rund 30 Jahre vor den Grimms hatte der Weimarer Geschichtsprofessor Johann Karl August Musäus (1735-1787) die Sammlung „Volksmährchen der Deutschen“ herausgebracht. In dem Werk heißt Schneewittchen „Richilde“. Auch sonst gibt es bemerkenswerte Unterschiede – für die Grimms trotzdem kein Grund, auf den Autor und dessen Darstellung einzugehen.
So kommt es, dass bis heute über Herkunft und Zustandekommen vieler Grimm-Sagen trefflich spekuliert und gestritten werden darf – keine schlechten Aussichten für die selbst ernannten Schneewittchen-Orte.

 

Foto: Christian Manthey