Frosch quer

Versprochen ist versprochen

Der Froschkönig – oder wie Vaters Vorzeigepüppchen zur Frau wird

Von Richard Peter

Mit einem goldenen Ball fängt alles an im Märchen „Der Froschkönig“. Mit ihm spielt die jüngste und hübscheste Tochter des Königs unbefangen am Brunnen im Wäldchen, weil es dort angenehm kühl ist, wenn die Sonne vom Himmel brennt. Dieselbe Sonne, die sich über die Anmut, den Liebreiz und die Schönheit der Kleinen immer wieder verwundert, sooft sie ihr ins Gesicht scheint, obwohl sie doch so vieles schon gesehen hat, wie es heißt. Und mit dem goldenen Ball, den sie gerne in die Höhe wirft, wenn sie Langeweile hat, kommt schließlich alles ins Rollen. Denn einmal kann sie ihn nicht fangen, der Goldball schlägt auf die Erde und rollt ins Brunnenwasser. Und das ist „so tief, so tief“, dass die Königstochter keinen Grund sieht.

Der goldene Ball wird gerne als die verlorene goldene Welt der Kindheit gedeutet. Und wenn schon Symbole: der Brunnen als Uterus gesehen oder weniger direkt, zumindest als das Unbewusste. Und wo Psychologen und Märchenphilologen am Werk sind, ist auch das nicht fern: Der Frosch als Phallus-Symbol. Freud sei’s geklagt. So ein bisschen Fantasie muss man schon investieren bei einem Märchen, das so wunderschön mit dem Satz „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat ...“ beginnt und dann plötzlich viel mit Sex zu tun haben soll und ein eben noch spielendes Kind im Zeitraffer zur Frau reifen lässt. Die sexuelle Initiation eines jungen Mädchens, wie C. G. Jung es nennt. Und überzeugt ist, dass Märchen als Quelle für Archetypen zu sehen und wie Träume zu analysieren sind.
Ein Frosch stellvertretend für einen Phallus – da muss man erst mal draufkommen. Man könnte allerdings auch schlicht und einfach „ein Mann“ sagen. Ist er auch, auch wenn er erst einer werden wird. Zunächst aber: nur eklig, glitschig und hässlich ist. Was da als Frosch aus der Nässe kam, nachdem die Königstochter zu weinen angefangen hatte, weil der Goldball spurlos im Brunnen verschwunden war, und immer lauter weinte und sich gar nicht trösten konnte, hörte sie eine Stimme. „Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, dass sich ein Stein erbarmen möchte.“

Frosch frei

Als sich die Königstochter umdrehte, erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte. „Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher“, sagte sie enttäuscht. Und erzählte dann doch von der goldenen Kugel, die in den Brunnen gerollt war. Der Frosch bietet seine Hilfe an – aber: Auch im Märchen ist natürlich nichts umsonst. Alles muss bezahlt werden. Hat seinen – meist hohen – Preis. Und was auch die kleine Prinzessin anbietet, von den Kleidern über Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone – der Frosch mochte das alles nicht. Sein Gegenvorschlag: „Wenn du mich lieb haben willst“ – da ist es, so eine Art Leitmotiv  „und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen.“ Alles so kindliche Diminutive vom Tellerlein bis zum Bettlein. Und das als Voraussetzung, dass der Frosch die goldene Kugel aus der Tiefe heraufholt. „Alles, was du willst“, beteuerte die Kleine und dachte: „Was der einfältige Frosch schwatzt, der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt und kann keines Menschen Geselle sein.
Doch dann saß die Königstochter, als sie ihre Goldkugel glücklich erhalten hatte und einfach weggelaufen war, dass der Frosch nur noch ein quak, quak nachschreien konnte“, am nächsten Tag unter ihresgleichen an der königlichen Tafel und aß von ihrem goldenen Tellerchen. Und plötzlich: plitsch platsch, plitsch platsch kam etwas die Marmortreppe heraufgekrochen und klopfte, oben angekommen, an die Tür. „Königstocher, jüngste, mach mir auf.“ Und die sprang erschrocken hoch, lief zur Tür – sah den Frosch. Rums warf sie die Tür zu, setzte sich wieder an die Tafel. „Na,“ fragte der König, „steht etwa ein Riese vor der Tür, vor dem du Angst hast?“ „Ach nein“, antwortete sie, „es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.“ Und dann erzählte sie die ganze Geschichte, wie der Ball in den Brunnen gerollt war und was sie dem Frosch versprochen hatte.

Dann die Überraschung: „Was du versprochen hast“, so der Papa König, „das musst du auch halten“. Damit hatte sie vermutlich nicht gerechnet, wo sie als Nesthäkchen ihren Papa doch sonst so gut im Griff hatte und um den Finger wickeln konnte. Aber jetzt musste sie ihn hereinbitten, den ekligen Quaker, ihn zu sich auf den Stuhl setzen, dann auf den Tisch – und schließlich meinte der Frosch: „Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.“ Was sie nun wirklich nicht gerne tat. Während der Frosch es sich schmecken ließ, blieb ihr fast jedes Bisslein im Hals stecken.
Dann ging alles ganz schnell. Der Frosch war satt, müde und wollte in ihrem reinen Bettlein schlafen wo sie sich doch kaum traute, ihn anzurühren. Doch der König bestand darauf. Dann nahm sie ihn mit zwei Fingern und trug ihn hinauf – als er aber zu ihr ins Bettchen wollte, nahm sie ihn und warf ihn zornig und mit aller Wucht gegen die Wand. Als sie wieder hinschaute, war da kein Frosch mehr, sondern ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen. Nun durfte er ins Bettchen und bleiben, bis sie von der Sonne geweckt wurden. So einfach ist das.

Kaum ein Märchen, das so viele Varianten kennt, wie der Froschkönig – allein bei uns rund 38 – und mit dem „Eisernen Heinrich“ auch noch ein bedeutendes Nachspiel hat, auch wenn darauf immer wieder mal verzichtet wird. Erstaunlich, dass hier Erotik nicht nur als lustvoller Blick in eine unbekannte, unentdeckte Welt erscheint – im Gegenteil: von Lust kann angesichts des glitschigen, ekligen Froschs kaum die Rede sein. Und zu vermuten, dass die Kleine, sexuell noch völlig unerfahrene Prinzessin damit so gut wie nichts am Hut hat und lieber mit ihrem Ball spielt – auch wenn der das klassische Spielzeug der Erosknaben war.
Schon erstaunlich, was unsere Seelenklempner da alles herauslesen – und der brutale Wandwurf als Emanzipation gedeutet und der Frosch aus dem Wasser als embryologisches Wissen vorweggenommen. Schöner zu lesen – gegen das emanzipatorisch aggressive Verhalten des Mädchens, wenn sie den Frosch brutal an die Wand knallt: die Szene – wenn auch nicht bei den Grimms – wird auch gerne als ein Kuss beschrieben. Und nicht umsonst heißt es auch heute noch, man müsse schon viele Frösche küssen, bis endlich ein Prinz darunter ist. In einer Variante bei Heinrich Wiesner verwandelt sich via Kuss die Prinzessin übrigens in einen Frosch. Typischer Fall von „dumm gelaufen“. Und auch das von den „Psychos“ an den Haaren herbeigezaubert – obwohl hier weit und breit keine Rede davon ist: Wenn wer einen Frosch liebt, hält er den Frosch für Diana – ganz ähnlich wie in Shakespeares „Sommernachtstraum“ die Elfenkönigin Titania, die sich dank Puck und dem Purpursaft unsterblich in Zettel mit dem Eselskopf verliebt. Doch hier im Froschkönig ist der „alte Wasserpatscher“ bis zu seiner wundersamen Verwandlung schlicht ein ekliger Frosch.

Als die Sonne die Prinzessin und den Prinzen, der eben noch ein „Fretsche“ und nun entzaubert war, geweckt hatte, kam „ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt“, die hatten weiße Straußenfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Und der war so betrübt, als sein Herr durch den Fluch einer Hexe zum Frosch geworden war, dass er sich drei eiserne Bande hatte ums Herz spannen lassen, wie es heißt, damit es ihm „vor Weh und Traurigkeit nicht zerspränge“. Unterwegs – auf der Fahrt ins Königreich des wiedererstandenen Prinzen – krachte es plötzlich. Berühmt die Zeilen: „Heinrich, der Wagen bricht.“ Aber der war es nicht, es war nur das Band von Heinrichs Herz, das zersprungen war. Und dann knallte es noch zweimal und die restlichen Eisenbänder waren ebenfalls zerbrochen. Und auch hier wieder dominant: die Drei. Nicht nur die Eisenbänder – mit der Goldkugel, dem goldenen Tellerlein und der Kutsche bildet das Edelmetall ebenfalls eine Dreiheit.
So sehr auch an diesem Märchen – manchmal geradezu abstrus – herumgedeutet wurde: Die Menschen in den Spinnstuben, auf den Bauernhöfen und den bürgerlichen Salons haben sehr gut verstanden, worum es ging. Ganz ohne Psychologie. Und viele Märchenforscher sind der Meinung, nicht zu viel moderne Psychologie an die Märchen heranzutragen oder sie anthroposophisch auszudeuten. Das Märchen ist auf einem Mutterboden gewachsen, das sich rationalistischen Erklärungen entzieht.
Natürlich wurde vieles verklausuliert, verbrämt, umschrieben – eines aber dürfte sicher sein: Es wurde verstanden. Weil die Märchenwelt aus dem Volk kam und märchenhaft erklärte, was sonst so einfach nicht zu erklären wäre. Wie ein Mädchen zur Frau wird, beispielsweise.

 

Fotos: Frank Neitz