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Von Zwergen und Blendern

Kein Gold in Goldbeck, Graf lässt dennoch abbauen – und es gibt eine Sage vom kleinen Volk

Von Dorothee Balzereit

In den Alpen sind sie weit verbreitet, in England, in Norddeutschland und natürlich auch im Weserbergland: die Zwergensagen. Auch in Goldbeck sollen einige Zwerge gelebt haben. Verwunderlich ist das kaum, denn es gab Bergbau dort, wie hiesige Forscher herausfanden. Und wo abgebaut wurde, war das kleine Volk nicht weit. Das Interessante: Es gab überhaupt keine wertvollen Bodenschätze bei Goldbeck – Graf Otto IV. von Holstein-Schaumburg täuschte den Abbau anscheinend vor, um sich Vorteile zu sichern.


Während die Zwerge im Norden den elfischen Geistern zugeordnet wurden, hatten sie im Süden eher menschenähnliche Züge. Was möglicherweise daran liegt, dass in diesen Gegenden mehr Bergbau betrieben wurde: Die Menschen, die in den niedrigen Stollen arbeiteten, so vermuten Wissenschaftler, waren in der Regel besonders klein und wurden als Fremdlinge, wenn nicht gar als Außenseiter wahrgenommen.
Wozu die Zwerge gehörten, die einer Sage zufolge in einer Höhle nahe Goldbeck gelebt haben sollen, ist eine interessante Frage, denn auch dort gab es Bergbau. Typisch war er in diesem Teil des Rumbecker Waldes aber nicht gerade. Und doch soll es ihn gegeben haben. Hobbyarchäologe Andreas Schmeiche und Historiker Dr. Stefan Meyer vom Museum Eulenburg in Rinteln verfolgen schon seit längerem eine entsprechende Spur. Inzwischen sind sie sich sicher: Es gab Bergbau. Und eine dazu passende Zwergensage. Und das, obwohl weder Erz noch Kohle vorhanden waren: In den Stollen bei Friedrichswald gab es nämlich rein gar nichts zu holen.
Warum also trieb Graf Otto IV. von Holstein-Schaumburg, der das Land seit 1544 regierte, den Abbau voran? Möglicherweise, um sich das Münzprivileg erneut zu sichern, vermuten die Forscher. Das Prägen von Münzen war ihm nämlich im Jahr 1567 untersagt worden, weil es Beschwerden über die Qualität gab. Doch Otto brauchte eine neue Einnahmequelle. Aufgrund seiner kostspieligen Unternehmungen, zu denen teure Feldzüge und der Ausbau seiner Residenz in Stadthagen gehörten, war er hoch verschuldet.
Voraussetzung für das Münzprivileg war der Nachweis über die Förderung von Gold und Silber auf eigenem Territorium. Schmeiche und Meyer sind überzeugt davon, dass Graf Otto Stollen auf dem Areal seines ehemaligen Tierparks angelegt hatte, und sei es nur, um den Abbau vorzutäuschen. Sowohl das Gehege als auch das Jagdhaus hatte Schmeiche – ursprünglich aus anderen Beweggründen – genau lokalisiert. Seine Neugier wurde bei einer Ausstellung des Museums Eulenburg durch eine alte Karte geweckt. „Mit der Lupe auf einer Landkarte auf Reisen gehen, kann genau so spannend sein, wie einen Roman zu lesen“, sagt Schmeiche. Immer wieder blieb der Technische Zeichner an einer Stelle hängen, auf der mit gelber Farbe „diergarte“ eingetragen worden war. In einen braunen Kreis waren ein Gebäude und zwei winzige Hirsche gemalt. Die Frage, was es mit diesem Garten auf sich hatte, ließ Schmeiche nicht mehr los. Er machte sich auf den Weg und fand viele Antworten.

Zwerge Friedrichswald Schmeiche

Hobbyarchäologe Andreas Schmeiche

Zum Beispiel die, dass Otto es ziemlich eilig hatte, den Tiergarten zu errichten: Ein Jahr nach Eheschließung mit der evangelischen Prinzessin Elisabeth-Ursula von Braunschweig wurde in Schaumburg im Mai 1559 die Reformation eingeführt. Die Klöster wurden aufgelöst und mit dem Kloster Egestorf trieb es Otto besonders schnell voran. Er brauchte die Fläche für seinen Tiergarten (eine Mode der Karolingerzeit), und anscheinend auch für den Bergbau.
Eigentlich nur den Umrissen des ehemaligen Tierparks und des Jagdhauses auf der Spur, stießen Hobbyarchäologe Schmeiche und Historiker Meyer bereits Anfang 2013 am nördlichen Meiersbrink auf beachtliche Erdtrichter mit einem Durchmesser von fünf bis sieben Metern und einer Tiefe von zwei bis drei Metern, denen ein haldenartiger Erdaushub vorgelagert war. Schnell waren sie sich einig, dass es sich um sogenannte "Pingen" handeln könnte, also durch Bergbau geschaffene, nun eingefallene Schachteingänge.

Bergbau Friedrichswald

Hier befindet sich sehr wahrscheinlich eine Pinge, also ein ehemaliger Einstieg.

Im Stadtarchiv Rinteln stieß Meyer im Steuerkataster von Friedrichsburg aus dem Jahr 1848 dann auf eine Ortsbeschreibung, in der tatsächlich Bergbautätigkeit erwähnt wird. Von Schwefelkies im Schutt, also Pyrit, ist die Rede. Vielleicht trieb Otto mit seinen Schwägern Handel, mutmaßt Schmeiche, denn in Braunschweig wurden Radschlosswaffen gefertigt, für deren Zündung man ein Reibrad mit Pyrit (wie beim Feuerzeug) brauchte. Andererseits: Das Pyrit lag früher massenweise auf unbefestigten Wegen, erinnert sich ein Einwohner aus Friedrichswald. Zweifel, ob sich Stollen und Schächte für den Abbau lohnten, sind angebracht.

Wie so oft findet sich dort, wo Bergbau betrieben wurde, auch eine Zwergensage, in der es um Gold, Gier und Moral geht: „Eine halbe Stunde von dem Dorfe Goldbeck, in der Richtung nach Rinteln zu, befinden sich Höhlen an einem Berge, in denen haben ehemals Zwerge gewohnt“, so beginnt die Geschichte, die sich die Menschen erzählten. Im Kern geht es um einen Kuhhüter, der neben der Herde auch die goldglitzernde Kuh der Zwerge hütet. Als er seinem Herr davon berichtet, findet dieser, die Zwerge könnten ihn dafür bezahlen. Diese, mit Nebelkappen getarnt in der Stube des Bauern mithörend, lassen sich nicht lumpen und geben dem Kuhjungen täglich einen Groschen und bald auch einen Pfannkuchen dazu. Als die Zwerge im Erbsenfeld des Bauern großen Schaden anrichten, sollen sie auch dafür aufkommen. Doch als der Knecht zu den Zwergen kommt, liegt nur Pferdemist vor der Zwergenhöhle, den er ärgerlich mit der mitgeführten Metze (Hohlmaß) auf die Erde wirft. Als er zu Hause seinem Herrn davon erzählt, gibt es auf einmal ein Klingen wie pures Gold, und als er nachsieht, da sind‘s Pistolen. Schnell schickt ihn der Bauer zurück, um den übrigen Mist zu holen, doch der ist weg. Bis heute haben sich in der Bevölkerung weitere Geschichten erhalten, wie zum Beispiel die vom unterirdischen Fluchttunnel, der das „Schloss“ der Grafen mit dem rund 2,2 Kilometer entfernten Kloster verbunden haben soll und durch den die Nonnen nächtliche Besucher empfangen haben sollen.
Auch an die Stelle auf einer Weide, auf der es in den 1950er Jahren einen Stolleneinbruch gegeben haben soll, erinnert man sich. Der wagemutigste der Dorfjungen sei damals mit einem Waschzuber hinabgestiegen und habe auf den mit Wasser gefüllten Stollen eine Kahnfahrt unternommen. Interessant ist auch, was ein anderer erzählt: Bei dem Einbruch habe es ein Opfer gegeben – und zwar eine Kuh.

Bergbau Friedrichswald2

Hintergrund

Zwerge Bergbau Gold Pyrit