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Warum wir erzählen

Menschen lieben Geschichten - weil sie der Schmierstoff der Gesellschaft sind

Von Dorothee Balzereit

Dort ist sie ertrunken“, sagte meine Mutter, wenn wir an dem kleinen Teich unterhalb der Schaumburg vorbeikamen. Dem Mädchen, das man hineingeworfen hatte, habe man Wackersteine an Arme und Beine gebunden, um zu sehen, ob sie eine Hexe sei. Bleibe sie oben, sei sie eine Hexe, glaubte man früher. Das Mädchen ertrank. Zuvor hatte sie noch einen Lindenzweig in die Erde gesteckt: Wenn sie unschuldig sei, würde der Baum blühen, soll sie gesagt haben. Die Linde wurde riesig, ich bestaunte sie ehrfürchtig.

Die Sage von der Burglinde hat sich tief in mein Gedächtnis gegraben. Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass besagter Teich ganz woanders ist, nämlich nahe der Arensburg. Viel erstaunlicher ist, wie sehr die alte Sage mich fesselte. Der Wald war fortan ein Zauberwald, den wir Kinder – unerlaubterweise – erforschten: den Hexenteich, das Männekenloch unterhalb der Paschenburg und den angeblichen Geheimgang zwischen den Burgen.
So wie diese Sage bei mir als Kind funktionierte, funktionieren viele Erzählungen. Warum? Ganz einfach: Weil Menschen gute Geschichten lieben. Sie mögen Klatsch und Tratsch, Liebesromane, Krimis, Serien. Und seit es die sozialen Netzwerke gibt, scheint die Welt in einer Art Dauergespräch befangen. Parallel wird gewarnt vor dem Verfall der Sprache und anderen Gefahren des World Wide Web, in das vor allem die Jüngeren ohne Angst vor digitalen Nebenwirkungen Stunde um Stunde abtauchen. Neu ist das allerdings nicht – wir müssen im Geiste nur ein paar Schritte zurückgehen. Bereits im 18. Jahrhundert wurde der verderbliche Einfluss der „Romanleserey“ beklagt, man schimpfte über die „Pest der deutschen Literatur“, eine gefährliche Seuche, die den Verstand vernebele, die Jugend sexuell verführe und sie in fantasierende Traumtänzer verwandele.
Ob wir heute mehr als früher eine Gesellschaft von entrückten Fantasten sind, mögen andere beurteilen. Wahr scheint zu sein, dass der Mensch Geschichten braucht, damals wie heute. Und zwar Erzählungen, die unterhalten, kleine Fluchten bereithalten und die innere Welt in Balance bringen. Die Vorlieben der Zeit bestimmen die Verpackung der Story, doch die Kernmotive sind über Tausende von Jahren die gleichen geblieben: Die listigste Figur, die schönste Frau und den strahlenden, unverwundbaren Helden verkörperten schon Odysseus, Helena und Achilles. Zu jeder Zeit, in jeder Kultur und Gesellschaft wurde erzählt. Egal, ob in gesprochener oder geschriebener Sprache – Geschichten finden sich im Mythos, in der Legende, der Fabel, dem Märchen, der Novelle, dem Epos, der Tragödie, dem Drama, der Komödie. „Nirgends gab es ein Volk ohne Erzählung, sie ist einfach so da, wie das Leben“, schrieb der französische Philosoph Roland Barthes. Ein Merkmal, das Kulturen auf der ganzen Welt eigen ist, muss eine tiefere Bedeutung haben, vermutet der Biologe Werner Siefer. Er sagt, dass der Mensch handfeste Vorteile durch das Erzählen hat. Erzählen sei kein Spiel, sondern ein Grundinstinkt.
„Der die Geschichte erzählt, regiert die Welt“, sagen auch die Hopi-Indianer. Siefer drückt es wissenschaftlich aus: Sprache war früher ein Überlebensvorteil. Wer hilfsbereit und kooperativ war und sich gut in andere hineinversetzen konnte, hatte im Durcheinander der Gruppe den Überblick. „Erzählen war kein Zeitvertreib, es war Training“, erklärt Siefer. Es habe den gleichen Stellenwert wie Essen, Schlafen, Sex oder das Bedürfnis nach Gesellschaft. Sprache und Erzählen hilft, komplizierte Beziehungen in der Gruppe zu moderieren, mäßigt Aggressionen und baut Bindungen auf. Kurz: Erzählen ist das Schmiermittel in der Gruppe. Den Menschen interessiert nicht nur, was wo wächst und läuft, sondern wie andere über ihn denken“, sagt der Anthropologe Loren Eiseley.
Damit wäre wohl auch geklärt, warum den Menschen, der wie keine andere Spezies versucht, die Natur zu unterwerfen, über Jahrtausende die gleichen Motive in Geschichten interessieren. Immer wieder verarbeitet er sie auf neue Art und Weise. Seit einiger Zeit stürzt er sich besonders gern in antimoderne Märchen wie den „Herrn der Ringe“ oder „Game of Thrones“. Fantasy-Romane haben Hochkonjunktur und zeigen, dass der Zauber, der Sagen und Mythen innewohnt, ungebrochen ist.
Warum das so ist? Vielleicht, weil Geschichten beim Ordnen helfen. Im eigenen Leben und in einer Welt, in der Chaos herrscht. Das ist in Sagen, Märchen und Mythen anders, hier gibt es eine klare Trennlinie zwischen Gut und Böse. Es scheint, als sei der soziale Kompass, der den Erzählungen innewohnt, aktueller denn je.

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