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Wünschen hat auch mal geholfen

„Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich wohl will“

Von Cornelia Kurth

Märchenzeit, das ist die „alte Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat“. Eigentlich. Denn immer mal wieder gibt es zwischen den vielen Geschichten, die damit enden, das „alles, alles gut“ wird, auch solche, die so gar nicht glücklich ausgehen. Oft sind es gerade die Märchen, in denen die Hauptpersonen sich etwas wünschen dürfen. Das ganze Leben stünde ihnen dadurch offen, doch die Chancen werden gründlich vermasselt. Wie etwa im Grimm´schen Märchen vom „Fischer und seiner Frau“.

Tagein, tagaus angelt der Fischer im Meer, er „saß und saß“ und fing doch nie mehr, als dass er mit seiner Frau in einer winzigen Hütte darben konnte. Eines Tages beißt ein großer Butt an, ein sprechender Fisch, der ein verwunschener Prinz ist und um sein Leben bittet. Der Fischer lässt ihn ziehen, einfach so. Seine Frau aber, der er davon erzählt, kennt offenbar die Märchen, wo gute Taten reich belohnt werden. „Hast du dir denn nichts gewünscht?“ fragt sie und schickt ihn wieder los, den Butt erneut zu rufen. Wer weiß, ob alles anders gelaufen wäre, hätte sie an eine andere Geschichte der Brüder Grimm gedacht, das Märchen „Der Arme und der Reiche“. Dann nämlich wäre sie gewarnt gewesen, dass es mit märchenhaften Wünschen so eine Sache ist. Wer zu gierig ist oder zu hoch über seine Verhältnisse hinaus will, der fällt gehörig auf die Nase.
Der „Reiche“ im Grimmschen Märchen, von dem die Fischersfrau hätte lernen können, erschleicht sich seine drei Wünsche. Anders als sein armer Nachbar hatte er einen müden Wanderer, der bei ihm schlafen wollte, zunächst abgewiesen. Dann aber sahen er und seine Frau, dass der Arme sich zur Belohnung etwas wünschen durfte. Eilig ritt der Reiche dem Wanderer hinterher, bot ihm scheinheilig ebenfalls ein Bett an und erhielt wirklich seine drei Wünsche. Doch der Wanderer war Gott persönlich, und der erteilte ihm eine Lehre.


Auf dem Ritt zurück nach Hause ärgert sich der Reiche über sein Pferd und ruft wütend aus: „Ich wollte, dass du den Hals zerbrächest!“ Prompt bricht das Pferd tot zusammen. Er schultert den schweren Sattel und zürnt, dass er so leiden muss, während seine Frau friedlich zu Hause geblieben ist. „Ich wollte, sie säße auf dem Sattel und käme nicht mehr herunter“, murmelt er vor sich hin. Natürlich kommt es genau so, und der dritte Wunsch kann nur dazu verwendet werden, die Frau vom Sattel zu erlösen. Der Arme übrigens hatte sich klug die ewige Seligkeit, das täglich Brot und ein neues Häuslein gewünscht.

 

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Eine alte französische Variante der Wunsch-Märchen, 1693 veröffentlicht vom Schriftsteller Charles Perrault, erzählt eine verwandte Geschichte und belustigt sich über einen armen Holzfäller und seine Frau, denen Jupiter drei freie Wünsche schenkt. Die beiden malen sich die schönsten Dinge aus, doch da wünscht sich der hungrige Holzfäller eine Bratwurst herbei. Als seine Frau ganz schrecklich mit ihm schimpft, spricht er wütend aus, die Wurst solle an ihre Nase springen. Was bleibt ihm dann anderes übrig, als am Ende die Wurst wieder fort zu wünschen. Die beiden stehen da, wie ganz zu Beginn, ja schlimmer, angesichts der verspielten Möglichkeiten. Wie glücklich wären sie mit der ewigen Seligkeit, dem täglich Brot und dem neuen Haus gewesen.


Das Märchen vom „Fischer und seiner Frau“ nun treibt das fatale Wünschen auf die Spitze. Alles hätte gut werden können, wenn die Frau bei ihrem ersten Wunsch nach einem schöneren Haus geblieben wäre. Doch sobald sie darin leben, bereut sie, dass sie so bescheiden war. Erneut schickt sie ihren Mann zum Fisch, damit er einen ganzen Palast herbeiwünsche. Der Fischer bekommt Angst, zu Recht. Das Meer, an dem er steht, ist dunkel aufgewühlt. „Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See“, ruft er trotzdem. „Myne Fru, de Ilsebill, will nich so, as ik wol will.“ Fast scheint es, als wäre es ihm lieber, der Fisch würde nicht wieder auftauchen. So einfach aber kommt es nicht.
Die Frau hat ihren Palast und wünscht sich nun, Königin zu sein. Sie wird Königin, dann Kaiserin und will jetzt Päpstin werden. Sie erwacht als Päpstin und – sendet den Fischer ein letztes Mal zum Butt. Der fürchtet sich immer mehr, denn bei jedem Gespräch mit dem Fisch türmt sich das Wasser bedrohlicher auf und der Himmel zieht sich stürmisch zusammen. Die Frau aber sah ihn „so recht grausig an, dass ihn ein Schauder überlief. ‚Sofort gehst du hin, ich will werden wie der liebe Gott‘.“
Dieses Geschehen ist so eigenartig überspitzt dargestellt, dass man als geübter Märchenleser schon ahnt: Hier handelt es sich nicht um ein einfaches Volks-, sondern vielmehr um ein Dichtermärchen. Die Brüder Grimm haben sich oftmals an tradierten Märchensammlungen bedient, um geeignete Geschichten auf ihre Weise neu zu erzählen und einen einheitlichen Tonfall für ihre „Kinder- und Volksmärchen“ zu entwickeln. Hinter dem „Fischer und seiner Frau“ aber steht der romantische Dichter und Maler Philipp Otto Runge.


Der hat zwar behauptet, er habe sich bei der Wiedergabe des Märchens an eine mündliche Überlieferung gehalten. Doch die gesamte Konstruktion des Märchens – angefangen bei den Persönlichkeiten des Fischerpaares bis hin zu den dramatischen Naturschilderungen, die den düsteren Ausgang der Geschichte vorwegnehmen – weisen auf einen individuellen, stilbewussten Autoren hin, der eine ganz bestimmte „Moral von der Geschicht“ vermitteln will. Es geht um zwei Menschen, die beide auf ihre Weise am Leben scheitern: Ein Mann, der sich im wunschlosen Unglück eingerichtet hat, und eine Frau, die nach dem Glück greift, aber unter keinen Umständen glücklich sein kann.
Manche Wissenschaftler haben die Fischersfrau mit Shakespeares „Lady Macbeth“ verglichen, die ihren Mann durch maßlosen Ehrgeiz zu Mord und in den Untergang treibt. Günter Grass greift das Märchengeschehen auf in seinem Roman „Der Butt“, um den Fortschrittswahn als einen Weg in den Abgrund zu entlarven. Psychoanalytische Interpretationen sehen im Fischer und seiner Frau zwei typische Grundformen des Menschlichen: Auf der einen Seite die Unfähigkeit, zu ändern, was man ändern kann (der Fischer, der weder einen berechtigten Wunsch äußert noch sich seiner Frau entgegenstellt); auf der anderen Seite die Unfähigkeit, hinzunehmen, was sich nicht ändern lässt (die Fischersfrau, die ihre Grenzen nicht erkennt) und insgesamt das Versagen, das eine nicht vom anderen unterscheiden zu können.


Kein anderes Grimm´sches Märchen schildert einen derart fatalen Ausgang der Geschichte für seine Protagonisten. „Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich wohl will“ – ruft der Fischer zum letzten Mal und kann kaum sein eigenes Wort mehr verstehen im wilden Sturm. „Na, was will sie denn?“ fragt der Butt. „Ach“, sagte er, „sie will wie der liebe Gott werden“. – „Geh nur hin, sie sitzt schon wieder in dem alten Pott.“ Das war’s. Wo andere Märchen enden mit dem bekannten: „Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende“, heißt es hier lakonisch: „Und da sitzen sie noch bis heute und auf diesen Tag.“
Der Schriftsteller Jan Wagner bewundert an diesem Märchenschluss, dass diese Geschichte ohne Gewalt auskomme, ohne eine der drakonischen Strafen, wie man sie aus vielen anderen Märchen kenne. Am Schluss stehe „nur die Lächerlichkeit und die Ernüchterung derer, die beim Spiel deutlich zu hoch gereizt haben“. Dem Regisseur der NDR-Verfilmung vom „Fischer und seiner Frau“ (2013), Christian Theede, war das dennoch zu grausam, dieses aussichtslose Ende, das kein Wort darüber verliert, wie es dem Paar nun ergeht (was gäbe es da auch schon zu sagen). Seine Fischersfrau sagt: „Das wird uns eine Lehre sein“ und hofft, gegen alle Wahrscheinlichkeit, dass die gemeinsamen Kinder glücklicher sein werden im „alten Pisspott“.


Philipp Otto Runge, der den Brüdern Grimm das Märchen lieferte – übrigens ursprünglich auf Plattdeutsch – er fand den Stoff, so schreibt er es in einem Brief, „erhaben“ und „pathetisch“. Dabei interessierte ihn offensichtlich weniger die Frau und deren zerstörerische Maßlosigkeit. Ihn beeindruckte vor allem die „Kümmerlichkeit“ und „Gleichgültigkeit“ des Fischers. Dadurch werde der Märchenstoff „sehr gehoben“, meinte er. Und tatsächlich: So dramatisch, wie er das unheimliche Naturgeschehen „malt“, das die Botengänge des Fischers begleitet, muss man die eigentliche Schuld am unglücklichen Ausgang wohl dem Mann und seiner „kümmerlichen Gleichgültigkeit“ zuschreiben.