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Wo sind nur die Hamelner Kinder hin?

Ein Fremder kam und ließ 130 junge Bürger verschwinden – auch nach 725 Jahren ist der mysteriöse Fall ungelöst

Jeder noch so abgebrühte Krimi-Kommissar müsste angesichts dieses Falles verzweifeln: 130 Personen ungeklärter Identität werden vermisst Die Hinweise auf ein Verbrechen sind vage und vom Hauptverdächtigen fehlt - abgesehen von ein paar sehr ungefähren beschreibungen - jede Spur. Die Frage, wer nun tatsächlich heute genau vor 725 Jahren als „Piper mit allerley Farve bekledet“ – so die Inschrift am Rattenfängerhaus – die Kinder aus der Stadt lockte, und wie diese dann „verloren“ gingen, gibt Forschern seit Jahrhunderten Rätsel auf

Die alten Quellen sind dürftig: Mündlich überlieferte Reime sind längst vergessen, ein Bildfenster aus der Marktkirche von 1300 ist verschollen. Zum heutigen „Rattenfänger“ wurde der vermeintliche Kindesentführer zudem recht spät: Erst im 16. Jahrhundert kommen die Ratten überhaupt ins Spiel. Vorher ist – wie auch am Rattenfängerhaus – allein vom Exodus der Kinder die Rede.

Über die Jahre wurden unterschiedlichste Theorien vertreten, ausgeschmückt und verworfen. An einen wahren historischen Kern der Sage glauben alle Forscher. Wie dieser genau aussieht, bleibt jedoch ihr Zankapfel. Auf diesen Seiten stellen wir die wichtigsten Erklärungsansätze vor. Theorie 1: Die 130 Kinder wanderten aus.Folgten die Hamelner Kinder tatsächlich verzückt allein dem Flötenspiel des Fremden? Und handelte es sich überhaupt um Kinder oder doch eher im übertragenen Sinn um „Kinder der Stadt Hameln“? Schon seit Ende der 1940er Jahre wird immer wieder die These vertreten, es handele sich beim Verschwinden der 130 Hamelner Kindern im Jahr 1284 nicht um eine Entführung, sondern um eine Auswanderung. Der Pfeifer in der Sage wäre dann Sinnbild für einen oder mehrere Werber, die für die Ostkolonisation Reklame machten. Diese Thesen vertraten der Archivar Wolfgang Wann und der Historiker Heinrich Spanuth – schon 1949 beziehungsweise 1951. Siebenbürgen (Rumänien), Mähren, Böhmen (Tschechien) oder Pommern (Polen) wurden als mögliche Ziele der Hamelner gehandelt. Namensähnlichkeiten in diesen Regionen – seien es Familien- oder Ortsnamen – gaben dieser These immer wieder Auftrieb. So sah Wolfgang Wann das mährische Hamlingen oder Hamlikov als Ziel des Kinderauszuges. Tschechische wie deutsche Forscher werteten diese Verknüpfung jedoch als „zu fantastisch“. Ein Schiffsunglückauf der Ostsee? Zeitlich wäre ein Auszug gen Osten aber durchaus stimmig: Im 13. Jahrhundert gab es rege Bemühungen, Menschen in besagte Regionen zu locken. Der Heimatforscher Hans Dobbertin vermutete in einer Dewezet-Sonderausgabe zu 675 Jahren Rattenfängersage, dass der bunt gekleidete Graf Nikolaus von Spiegelberg aus Coppenbrügge die Hamelner nach Pommern lockte. Die Auswanderer aus dem Weserbergland kamen jedoch samt ihrem „Rattenfänger“ bei einem Schiffsunglück auf der Ostsee in der Nähe des Ortes Kopahn ums Leben. Sie gingen also „bi den Koppen verloren“, wie es in der Inschrift am Rattenfängerhaus heißt. Aber auch diese These stieß auf Widerspruch: Die „Koppen“ seien ein Plural und keine Ortsbezeichnung. Archivar Wann vermutete hinter der Rattenfängersage im Jahr 1973 gar einen sozialen Aufstand: Die ärmsten der Armen hatten den harten Frondienst gegen geringen Lohn zu leisten. Daraufhin seien sie zur Strafe aus der Stadt verbannt worden und zogen Richtung Osten davon. Wann sprach vom „ersten Streik der deutschen Geschichte“.„Querhammel“ in der Uckermark verbreitet Ende der 90er-Jahre belebte der Sprachwissenschaftler Prof. Jürgen Udolph die Debatte neu. Er fand in Brandenburg, der Prignitz, der Uckermark und in Pommern rund ein Dutzend Ortsnamen aus dem Wesergebiet. So lasse sich für Beverungen das Pendant Beveringen bei Pritzwalk und Beweringen bei Stargard (Pommern) finden. Hamelspringe tauche als Hammelspring in der Uckermark auf. „Die Ortsnamen legen eine Spur in Richtung Nordost“, berichtet der Sprachwissenschaftler und Namensforscher im Dewezet-Gespräch. Inzwischen hat Udolph weitere Belege für die Auswanderung von Menschen aus dem Weserbergland nach Nordost gefunden. Hameln sei auch als Quernhameln (Mühlenhameln) bezeichnet worden. „Als Familienname taucht Querhammel oder Varianten davon gehäuft nordöstlich von Berlin auf“, erklärt er. Für Udolph stellt die Auswanderungsthese heute die wahrscheinlichste unter allen Annahmen zum Ursprung der Rattenfängersage dar. „Und die kann man belegen anhand der Namen.“

Theorie 2: Die Kinder verschwanden im Berg: Der ganze Schwarm folgte ihm nach, und er führte sie hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand.“ So beschreiben die Brüder Grimm in ihrer Sagensammlung von 1816 den Auszug der Hamelner Kinder. Schon auf dem ältesten erhaltenen Bild zur Sage von 1592 (siehe oben) wird die Kinderschar zu einem Berg geführt, der sich vor der Gruppe zu öffnen scheint. Am Rattenfängerhaus heißt es, die Kinder seien „to Calvarie bi den Koppen“ geführt worden. „ Calvarie“ meint vermutlich einen Hinrichtungsplatz. Diese Orte wurden früher auch als Kalvarienhügel bezeichnet. Der älteste schriftliche Bericht von der Rattenfängersage schreibt Mitte des 15. Jahrhunderts davon, dass der Pfeifer mit seinem Gefolge „zum Calvarien- oder Hinrichtungsplatz“ hinauszog. Was allerdings mit „den Koppen“ gemeint ist, ist bis heute ein Rätsel. Der Coppenbrügger Heimatforscher Gernot Hüsam hat dafür eine zumindest örtlich nahe liegende Antwort gefunden: Als Galgenberg sei die Heerburg bei Coppenbrügge – an der heutigen Bundesstraße 1 – bekannt. Der Ith-Oberberg wurde in einem Zeugnis aus dem Jahr 1013 „Cobbanberg“ genannt. Hüsam vertritt die These, dass Rattenfänger und Kinder in einer Höhle verschüttet wurden, vermutlich dort, wo sich heute die Teufelsküche befindet (mehr dazu im nebenstehenden Interview). Er stützt sich dabei auf ein mundartliches Gedicht aus dem 14. oder 15. Jahrhundert und auf ein Reimgebet in lateinischer Sprache, dass allem Anschein nach sogar noch im Sagenjahr 1284 verfasst wurde. Ein halbes Jahrhundert vor Hüsam hatte 1957 bereits die Historikerin Waltraud Woeller die Teufelsküche als möglichen Endpunkt der Rattenfängersage ins Auge gefasst. Dieser Ort, teils sumpfig mit leicht herabstürzenden Felsbrocken, schien ihr ein passender Ort für den Untergang der Kindergruppe. Eine Erklärung, wie genau dort 130 Menschen gleichzeitig zu Tode gekommen sein sollen, blieb sie jedoch damals schuldig.Wollte der Graf dieHeiden bestrafen? Hüsam hingegen brachte 1990 sogar die Möglichkeit eines kaltblütiges Verbrechens ins Gespräch: „War das Ende im Koppenberg ein geplanter Massenmord?“ fragte er in einem Dewezet-Artikel. Auch ihm erscheint eine Naturkatastrophe an eben diesem Tag vor 725 Jahren doch gar zu zufällig. Seine Erklärung: Um gegen heidnische Bräuche und Ausschweifungen auf dem Berg vorzugehen, könnte der Graf von Spiegelberg einen Steinschlag ausgelöst haben, der den Höhleneingang versperrte und die jungen Hamelner tötete. Eine groß angelegte archäologische Spurensuche an der Teufelsküche steht allerdings bis heute aus.Und noch viele weitere Theorien:Bereits das Entstehungsjahr der Rattenfängersage ist umstritten: Aus der Inschrift auf einem Hamelner Torstein errechnete F. C. Fein im 18. Jahrhundert das Jahr 1259 als eigentliches Rattenfängerjahr. Damit rückte die Sage zumindest in die zeitliche Nähe der Schlacht bei Sedemünder (1260), bei der die Hamelner vernichtend geschlagen wurden. Warum die Sage dann jedoch so präzise auf ein Datum im Jahr zuvor – nach Feins Rechnung – oder gar erst 1284, also 25 Jahre später, datiert wurde, konnten die Anhänger dieser Theorie nie so recht erklären.

Ein Kinderkreuzzugaus der Stadt? Ebenfalls regelmäßig taucht die Annahme auf, es handelte sich in Wirklichkeit nicht um einen fröhlichen Tanz aus der Stadt hinaus, sondern um einen Zug der Totgeweihten und Toten: Statt von einen Berg verschluckt wurden die hämelschen Kinder demnach als Opfer der Pest, die Hameln mehrmals heimgesucht haben soll, in Massengräbern vor der Stadt beerdigt. Gelegentlich wird auch auf die im Mittelalter auftretende Tanzwut oder Tanzplage als Grund für den Kinderauszug verwiesen. Vom religiösen Wahnsinn ergriffen, tanzten Menschen, bis ihnen Schaum aus dem Mund quoll und andere Wunden auftraten. Pflanzliche Drogen werden als Ursache des Phänomens vermutet. Zunächst nahe liegend scheint auch eine Verknüpfung der Rattenfängersage mit dem Kinderkreuzzug. Angeführt von einem charismatischen Kölner Jungen namens Nikolaus machten sich in Deutschland 20 000 Menschen – größtenteils Kinder und Jugendliche – auf eine hoffnungslose Mission ins Heilige Land, das sie nie erreichten. Die Rattenfängersage könnte durch dieses Ereignis inspiriert sein, vermuten viele Historiker. Allein: Der deutsche Kinderkreuzzug fand bereits 1212 statt, also ganze 72 Jahre vor dem überlieferten Datum der Rattenfängersage.

Die älteste erhaltene bildliche Darstellung der Rattenfängersage: Der Pfeifer lockt die Ratten in die Weser und die Kinder in einen Berg. Vorlage für das Bild aus der Reisechronik des Augustin von Mörsperg aus dem Jahr 1592 sollen verschiedene Fensterbilder gewesen sein.