Wunder Bibel

Wunder über Wunder

Worüber wir uns nicht weiter wundern sollten

Von Richard Peter

Der Menschen Glaube an Wunder ist für Jean Paul „das große unzerstörbare Wunder“. Wen wundert’s. Schon im „Faust“ heißt es, „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“. Also strotzt es vor allem in der Bibel nur so von Wundern. Nicht nur in der Bibel – ganz generell und allemal im Glauben aller Völker. Ohne Wunder ist glaubensmäßig sozusagen „tote Hose“. Gelten sie doch als Offenbarung göttlicher Macht. Wer sonst, außer die Gottheit, könnte Naturgesetze ungestraft außer Kraft setzen – und gerade damit seine Göttlichkeit demonstrieren.

Und was den Göttern heilig, gehört auch bei den Märchen und allem, was den Naturgesetzen offensichtlich widerspricht, geradezu zum Alltag. Wo sonst könnten Tiere sprechen und eine Frau Holle aus ihren Kissen Flocken schneien lassen, Brüder als Schwäne herumflattern und ein Bremer Tierquartett eine Oldie-Band gründen.

Es muss noch nicht mal ein Märchen sein. Bei unserem Rattenfänger können Töne Kinder so verzaubern, dass sie, wie in Trance, hinter dem so bitter und böse Betrogenen die Stadt auf Nimmerwiedersehen verlassen – und in der Folge Dutzenden von Heimatforschern Stoff für unterschiedlichste Interpretationen liefern und ein Image, von dem andere Touristenorte nicht mal träumen können. Und allemal ein Trauerspiel, dass die Stadt so wenig daraus macht. Auch das, fast schon ein Wunder. Wenn auch mit negativen Vorzeichen.
Der Grat zwischen Wunder, Mirakel, wie die Römer es nannten, Magie und Zaubertrick ist nicht nur hauchdünn. Die Grenzen verwischen sich. „Hier ist ein Wunder, glaubet nur“, heißt es von Mephisto in Auerbachs Keller, wenn er aus dem Tisch nach Wunsch unterschiedliche Weine fließen lässt, die auch mal in teuflische Flammen aufgehen. Vielleicht auch nur ein spätes Wunschbild des einstigen Jurastudenten Goethe, der - „mein Leipzig lob‘ ich mir, es ist ein Klein Paris und bildert seine Leute“ - hier im Keller so manche Nacht verzechte, statt sich im Studierzimmer mit Recht und Gesetz zu beschäftigen. Dem Wein blieb er bis zu seinem so späten Tode treu. Goethe sozusagen auch um seine leistungsfähige Leber zu beneiden.

Was die Bibel betrifft, nehmen sich, was Wunder betrifft, das Alte und das Neue Testament nicht allzu viel. Moses und sein Wanderstab, der zur Kobra wird – aber von zwei Schlangen-Stäben aus den Priester-Reihen des Pharao beeindruckend gekontert wird, wobei allerdings die Moses-Schlange die beiden Pharao-Vertreter problemlos verschlingt. Ein böses Omen für den Herrscher am Nil – und Aufbruchsstimmung für die versklavte jüdische Gemeinde. Gewaltiger und bildlich geradezu das Nonplusultra und von der gläubigen Gemeinde – und später vor allem von Hollywood gierig aufgenommen: der spektakuläre Zug durchs „Rote Meer“, das dann so gewaltig über die Streitmacht des Pharaos wie ein Tsunami hereinbricht und sie vernichtet. Die 40-Jährige Wanderung durch die Wüste kann beginnen. Weiß Gott, kein Zuckerschlecken, der Weg ins „Gelobte Land“ – das nach ein paar tausend Jahren noch immer kein wirklich „gelobtes“ ist.
Und dann gibt es da noch so ein paar kleinere Wunder wie die redende Eselin, den brennenden Dornbusch mit Gottes Stimme und den immervollen Ölkrug im Buch der Könige, der so sehr an das Märchen-Töpfchen erinnert, aus dem endlos Brei läuft.

Bei Jesus im Neuen Testament hat sich vor allem die sogenannte „wunderbare Brotvermehrung“ in den Hirnen der Gläubigen festgesetzt. Nicht nur das Gleichnis von den „ Armen im Geiste“ - nach bayrischer Lesart den Deppen also – denen das Himmelreich versprochen wird. Eines der sympathischen Wunder, das vor allem in der katholischen Kirche gerne erzählt wird, wie auch das Wandeln des Meisters auf den aufgewühlten Wassern des Sees Genezareth. Das kann man sich so richtig bildlich vorstellen. In der protestantischen Kirche wurden die traditionellen Wunder – dieses, wie Marx es nannte, „Opium fürs Volk“ und damit den ganzen Glauben gleich mit einbezogen - schon früh entmythologisiert und als Gleichnisse gesehen. Für die wunderbare Brotvermehrung steht eher sachlich, dass Jesus, der sich wieder einmal „verplauderte“ und kein Ende fand, bis die Nacht hereinbrach, den eigenen Proviant auslegen ließ und begann ihn zu teilen und unters Volk zu bringen. Und alle anderen folgten dem Beispiel, zogen Brote und getrocknete Fische aus den weiten Taschen ihrer Wanderkleidung und teilten ebenfalls mit denen, die beim Aufbruch zu Jesu Bergpredigt nichts mitgenommen hatten. Dieses Teilen – einfach nicht üblich zu jener Zeit um die generelle Zeitenwende – als das eigentliche Wunder. Das letztlich keines war.

Ähnlich die Auferweckung des Lazarus – eines der zentralen Wunder des Neuen Testaments. Auch hier in der protestantischen Kirche schon früh sozial interpretiert. Indem Jesus die Gemeinde auffordert, die Mutter des toten Lazarus zu unterstützen, weil sie sonst keine Überlebenschancen hätte, erweckt somit sozusagen den Sohn als Ernährer. Ganz ähnlich die Geschichten mit Tauben und Blinden, die eben für Jesus und seine Lehre taub und blind waren und plötzlich sehen und hören konnten. Also kein „Hokuspokus“, das sich angeblich von „Hoc est corpus meum“ ableitet, der Formel für die Wandlung, die aus einer simplen Oblate eine Hostie und damit den Leib Christi macht, der so aufgenommen wird.
Im folgenschweren Streit des Athanasius und seines Kontrahenden Arius beim Konzil von Nicaea, 325 nach Christi, ging es neben der Frage, ob Jesus gleichberechtigt Gott ist oder nur von Gott als Sohn angenommen, auch um die tatsächliche Wandlung der Oblate in den Leib Christi. Die Streitfrage führte zur ersten Kirchenspaltung in christlich West und orthodox Ost. Das Problem, wie mir einmal ein Pastor erklärte: das Aramäische kannte keine Hilfszeitwörter. Hier hieß es „dies mein Leib“.

Für Römer ein unhaltbarer Zustand, die aus der so vagen, zu interpretierenden Aussage in der Itala, der ersten Bibelübersetzung, ein juristisch klares „est“ einfügten. „Hoc est“ – also „dies ist“. Das heißt im Klartext, dass es sich nach der Wandlung tatsächlich um den Leib Christi handelt. Für die Orthodoxen bedeutet es das nur sinnbildlich. Ein sprachliches Phänomen mit weitreichenden Folgen. Übersetzer als Weltgestalter, wie man auch bei Michelangelos Moses in Rom sehen kann. Aus Strahlenkranz wurden schlicht Hörner.
Das zentrale Wunder der Christen aber ist die Auferstehung. Ohne sie kein Christentum. Dennoch durfte ein Cristian Nürnberger in seinem Buch „Was Sie schon immer über die Bibel wissen müssen“ unwidersprochen behaupten, dass kein Seminarist der theologischen Fakultät mehr an die Auferstehung glauben würde – die immer noch als Credo behauptet und gefeiert wird.

Dennoch: Wunder sind was wunderbares – die sieben Weltwunder der Antike, den Pyramiden über den Koloss von Rhodos zu den „Hängenden Gärten“ in Babylon – und letztlich gehört auch die Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ mit seinen so einzigartigen Volksliedtexten dazu. Es wimmelt nur so von Wundern und allem, was sich unsere Schulweisheit nicht träumen lässt. Und damit wieder in Goethes Auerbachs Keller aus dem „Faust“ gelandet: „Nun sag‘ mir eins, man soll kein Wunder glauben“.

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