Elixiere

Wunschwelt Zaubertränke

Von Miraculix bis zu sehr heutigen Elixieren mit Abnehm-Versprechen

Von Richard Peter

Wenn das nicht Comic-Idylle ist: Miraculix, der Druide des gallischen Dorfs mit dem Ehrentitel „Die Unbezwingbaren“ beim Mistel schneiden mit der goldenen Sichel in einer Baumkrone. Denn Misteln stiften nicht nur Ehen, wenn man sich zur Weihnachtszeit unter ihnen küsst – sie sind auch wichtigster Bestandteil des Zaubertranks, den der Druide braut, wenn es für sein Dorf gegen die Römer geht, die den unbezwingbaren Feind dennoch mit Zeltlagern umzingeln. Selbst Caesar musste sich da bei seinem klassischen Dreiklang mit „veni, vidi“ – also einem bescheidenen „kam, sah“ begnügen. Das „vici“, also „siegte“, musste er sich verkneifen. Vici mit Zungenbiss sozusagen.

Doch der Zaubertrank, der übermenschliche Kräfte verleiht, ist nicht das einzige wundersame Gebräu, das Miraculix sozusagen auf dem Kessel hat. Einmal mit Asterix von den Römern gefangen, die von ihm den Zaubertrank fordern, verlangt er, mitten im gallischen Winter, Erdbeeren. Und einer von den Legionären die ausschwärmten, um die Früchte zu besorgen, bringt tatsächlich ein Körbchen voll der roten Leckereien mit, die von Miraculix denn auch genüsslich vernascht werden, während der Zenturio verzweifelt, ja, geradezu verbissen, an seinen Nägeln kaut. Der Druide kann ihn beruhigen. Es geht auch ohne Beeren. Der Trank, den er vergnügt zusammenbraut – und nebenbei im kleinen Kessel für Asterix den original Zaubertrank – ist ein Haarwuchsmittel. Die Legion wuchert quasi zu und hat ein haariges Problem, über das sich Miraculix und Asterix scheckig lachen.

Die Druiden, es gab sie fast überall auf dem Kontinent, vor allem im Norden, waren tatsächlich vertraut mit Kräutern und Wurzeln, aus denen sie nicht nur Zaubertränke brauten. Auch Medizin und als legitime Brüder der Medizinmänner in Afrika und den Schamanen im Osten als Urahnen mit dem Äskulapstab heilten. Von Anfang an besonders beliebt – wie könnte es anders sein – die Liebestränke. Einer der berühmtesten: der so schicksalsträchtige Liebestrank für Tristan und Isolde. Schon die Vorgeschichte ist ziemlich abenteuerlich, denn Tristan besiegt Morold, den Verlobten von Isolde, wird aber von dessen Schwert, das natürlich vergiftet ist, so schwer verletzt, dass er von der irischen Königstocher, die für das Gift verantwortlich war und sich überraschend in den Mörder ihres Verlobten verliebt – geheilt wird. Nun sind sie, Jahre später – warum sind die beiden eigentlich kein Paar geworden? – per Schiff von Irland nach Cornwall unterwegs. Isolde als Braut von König Marke, dessen Vasall und Neffe Tristan ist. Isolde will nur eins: Mit dem einstigen Geliebten sterben. Also ordert sie von ihrer Vertrauten Brangäne einen Todestrank. Doch die will ihre Herrin nicht verlieren und braut stattdessen einen Liebestrank. Kaum hat Tristan den Pokal angesetzt, trinkt auch Isolde davon. Der Rest: grenzenloses Begehren und alles um sie herum versunken – und: „O sink hernieder Nacht der Liebe.“ Dennoch: Auch ohne Todestrank muss Tristan sterben – Tragödie ist nun mal Tragödie – und Isolde imaginiert sich in den Tod – „mild und leise, wie er lächelt“. Ein Gigantenwerk von Wagner – vier Stunden lang Endlosmelodie. Noch länger dauerte es allerdings, bis geklärt war, dass das auch tatsächlich gesungen und gespielt werden kann. Ganz große Oper.
Ganz anders, Donizettis „Liebestrank“, der zwar an die Tristan-Sage erinnert – der Begriff war bereits zum Synonym geworden –, aber hier ziemlich realistisch als Literatur und dann als Abzocke geoutet. Adina, eine ebenso hübsche wie zickige Gutsbesitzerin, liest einer Gruppe von Erntehelfern die „Tristan-Isolde-Geschichte“ vor. Schließlich ist man modern und aufgeklärt und wer, bitte, glaubt schon an Zaubertränke. Also lacht man über so viel Naivität.

Neben einem Zug Soldaten hält auch „Dulcamara“, ein Quacksalber der besonderen Art, Einzug ins Dorf. Natürlich hat er auch für Nemorino, einen jungen Bauern, der in Adina verliebt ist, einen Liebestrank vorrätig. So ganz aufgeklärt war man also doch nicht. Immerhin: der junge Mann erhält, wenn auch maßlos überteuert – auch heute noch spricht man von Apotheker-Preisen – eine Flasche Bordeaux. Die Wirkung soll erst in 24 Stunden eintreten – aber was nutzt schon so ein Trank, wenn er einseitig und alleine getrunken wird. Selbst das macht einen Nemorino mit liebes vernebeltem Blick nicht stutzig. Er könnte sich so ziemlich alles schöntrinken.
Donizettis „Liebestrank“ – anders als der Wagner’sche – geht gut aus. Für Luciano Pavarotti besonders, als er die Partie des Nemorino mit dem berühmten „Una furtiva lagrima“ in Hamburg sang und ausgerechnet in der als etwas steif verschrieenen Hansestadt einen Applaus-Sturm von 45 Minuten ersang. Weltrekord. Soll noch einer sagen, dass die im Norden auf den Händen sitzen. Aber vielleicht war auch ein spezielles Elixier daran schuld. Und wenn es nur Champagner war. Immer diese „Franzen“.
Literarisch am bedeutendsten: der erste Roman von E. T. A. Hoffmann, „Elixiere des Teufels“– vor ein paar Jahren als beeindruckende Lesung mit Musik auf unserer Bühne. Auch wenn Goethe ihn nicht sonderlich schätzte, diesen Hoffmann und auch ein Eichendorff schrieb: „Sein ganzes Leben war im Grunde nur ein geistreiches Capriccio ohne eigentliche Inhalt“– der Schauerroman, in dem der Mönch Medardus auf der Suche nach weltlichen Genüssen von dem „Elixier des Teufels – das in seinem Kloster gebunkert wird – nascht, um dann abenteuerlichste Abenteuer zu erleben. Und erkennen muss, zum Geschlecht der Mörder, Ehebrecher und Blutschänder zu gehören. Genau das kam beim Publikum an. Eine allemal spannende Geschichte in der es um Probleme und Belastungen der menschlichen Existenz geht – und klar doch: die Wirrnisse der Liebe. Und wenn wir schon beim Teufel sind: Auch Goethes „Faust“ süppelt in der „Hexenküche“ einen Trank, der ihn wieder zum Jüngling macht. Wir kennen die Folgen der Geschichte. Faust verführt, erfolgreich verjüngt, das Gretelchen, die bringt ahnungslos mit einem Schlaftrunk – wieder so ein Trank – ihre Mutter um und endet, wahnsinnig geworden, weil sie auch ihr Baby auf dem Gewissen hat, im Kerker. Dennoch heißt es nach dem teuflischen „Gerichtet“ himmlisch: „ist gerettet“. Was auch Goethe nicht wirklich erklären kann. Es ist, wie’s ist.

Nichts als Menschheitsträume. Und heute? Wo wir doch so aufgeklärt und wissend cool sind. Dennoch: Elixiere zum Abnehmen boomen geradezu – wie bei der Bikini- Lady mit tapfer trabender Bulldogge mit heraushängender Zunge – oder was immer da ohne wirkliche Nase schnaubt – die über den Strand joggt, wehmütig von Lebensrettern beäugt, weil sie nicht zu retten ist. Apotheken-Regale sind voll von Zaubertränken, die vor allem eines versprechen: Trink mich und du wirst ohne Mühe, ohne Verzicht, abnehmen. Noch so ein Menschheitstraum – schlank werden ohne Verzicht. Zu Miraculix‘ Zeiten wollte man noch stark sein, vermutlich auch gesund und so alt werden wie Methusalix – das Gewicht spielte keine Rolle. Heute – angesichts bulimie-gefährdeter Models, aber was heißt schon gefährdet, die großteils als wohlproportionierte Skelette mit Haut über die Catwalks staksen – eifern Teenies eifrig nach.
Und unsere Apotheken – die man ja werbewirksam allemal fragen soll wie unsere Ärzte – haben alles im Angebot. Wie der Quacksalber Dulcamara aus Donizettis „Liebestrank“. Ach, wenn sie doch wenigstens einen ordentlichen Bordeaux als Elixier ausschenken würden – die Welt würde zwar immer noch betrogen, aber das wenigstens genussvoll. So genussvoll wie der Barde aus dem gallischen Dorf singt, der dafür als Päckchen verschnürt im Geäst seines Baumhauses hängt, während Obelix seine geliebten Wildschweine knabbert.

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