Flöte

Zauberhafte Flötentöne

Musik im Rattenfänger als Mittel der Verführung

Von Dorothee Balzereit

Womit verführen Verführer? Klar, sie brauchen Charisma, das ist wohl das Wichtigste und lässt sich nicht um die Ecke im Laden kaufen. Andere Hilfsmittel schon. Schöne Kleider, ein betörender Duft,ein sportliches Auto – die Liste der Mittel ist lang. Auch der Rattenfänger von Hameln hatte Hilfsmittel. Neben der bunten Kleidung hatte er eine Flöte, deren Melodie Ratten wie Menschen verzauberte.

So wie es der Klang der Flöte von jeher bei Mensch und Göttern geschafft hat: Man denke nur an die Zauberflöte. Wie gut die Flöte zum Thema Verführung passt, verrät ein Blick in die Symbolik: Das Instrument, das wie andere Blasinstrumente auf extreme Gefühle, Verlockungen und Schmeicheleien verweist, symbolisiert auch männliche Potenz. Die äußere Form bietet vielerlei erotisch-sexuelle Assoziationen an, zu den ersten gehört sicherlich der „Blowjob“. Gleichzeitig besitzt sie einen „weiblichen“ Innenraum mit nach außen führenden Löchern, der es dem einfließenden Luftstrom ermöglicht, zu schwingen und Töne hervorzubringen. Solche und ähnliche sexuelle Verweise werden in der erotischen Kunst und Literatur häufig genutzt.

Mit den Flötentönen des Rattenfängers und dessen magischer Wirkung beschäftigt sich auch das musiktheoretische Werk des 17. Jahrhunderts, die „Musurgia universalis“ von Athanasius Kircher: Der Rattenfänger wird im Rahmen einer „wissenschaftlichen“ Untersuchung über Akustik erwähnt. Im Fall der Sage verbleibt diese bei der Frage, „was dieß für eine Pfeifen gewesen / und wie dessen sonus solche Kraft haben können?“

Bis heute fasziniert die Sage die Literatur allerdings mehr als die Musik. Die scheint auf das Gedicht von Goethe beschränkt, es wurde von Franz Liszt und Hugo Wolf vertont. Andere Kompositionen des 19. Jahrhunderts wie zum Beispiel eine Oper von Victor Neßler nach J. Wolff oder eine symphonische Dichtung von Paul Geisler sind heute vergessen oder sogar verschollen.
 Was nicht heißt, dass der Rattenfänger die Musik später nicht beeinflusst hätte. Hannes Wader hat aus dem Rattenfänger 1974 eine sozialistische Parabel gemacht, Rainhard Fendrich hat den Rattenfänger besungen, selbst Abba sind nicht an ihm vorbeigekommen. Ein Quelle der Inspiration ist die Sage für Bands wie Megadeth („Symphony of Destruction“, In Extremo („Der Rattenfänger“) und Feuerschwanz: Ra Ra Rattenschwanz aus dem Album Met und Miezen. In dieser Version lockt der Rattenfänger statt der Ratten die Frauen der Dorfbewohner an.