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LARP - Kämpfen in Brokeloh

Auf's Schlachtfeld mit der Schaumstoffaxt

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Von Dorothee Balzereit

Das dumpfe Bomm-Bomm der Trommel begleitet die entschlossen blickenden Kämpfer auf ihrem Weg zur gläsernen Uhr. Immer länger wird der gut bewaffnete Tross, der sich auf dem schmalen Waldweg auf Rittergut Brokeloh von einer Wiese zur anderen schiebt. Keine Frage: Diese Krieger sind heiß, sie wollen endlich ihre Äxte und Schwerter aus Schaumstoff schwingen. Von den rund 9000 Teilnehmern des weltweit größten Liverollenspiels „Conquest of Mythodea“ haben sich am Donnerstagmorgen rund 1000 versammelt, um gegen das Böse zu kämpfen.

Rund 60 Hektar - ungefähr 84 Fußballfelder - misst das Gelände auf dem Rittergut nahe des 360-Seelen-Dörfchens Brokeloh, auf dem sich für fünf Tage die LARP-Fans (für Live Action-Role-Playing) treffen. Während sich auf einer von neun Wiesen Hunderte bereits um 11 Uhr morgens die Köpfe einschlagen, wird auf anderen mittelalterlicher Handel getrieben, die erste Wildschweinbratwurst verdrückt und manch einer schlurft mit dem Kulturbeutel unterm Arm zum WC um sich ganz unmittelalterlich die Zähne zu putzen.
Und Köpfe einschlagen ist natürlich nur im übertragenen Sinne gemeint, denn das edle Haupt ist selbst mit Schaumstoffaxt tabu. Überhaupt ist es mit dem Tod so eine Sache. „Man muss sich schon ziemlich blöd anstellen, um hier zu sterben“, sagt Pressebetreuer Niklas Mahle. Wer getroffen wird, verliert zwar Lebenspunkte, doch die holt man mit einem Verband schnell wieder rein. Oder mithilfe eines Magiers. Den ruft eine Frau einigen Mommente später, als ein Mann aus dem Kampfgetümmel geschleift wird, den hörbar seine imaginären Wunden quälen.

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Improvisationstheater ist hier das Zauberwort. Wie sie den Kontinent Mythodea in diesem Jahr retten sollen, wissen die Spieler aus 16 Nationen zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht. Worauf es hinausläuft, erfahren sie erst nach und nach, durch diesen oder jenen Tipp der Spielleitung. Sie hält die unsichtbaren Fäden der Rahmenhandlung in der Hand, die die Story Jahr für Jahr vorantreibt. Während die Spieler noch dem Plot 2016 nachjagen, plant das Kreativteam von Live-Adventure bereits für das nächste Jahr: 14 Monate arbeiten 120 Autoren an jedem neuen Buch.
Das große Thema diesmal: Der Feind experimentiert mit dem Stillstand der Zeit, um die Welt in ewigem Eis erstarren zu lassen. Und tatsächlich: Der mächtige Firin Krähensang, letzter beseelter Diener der Leere, schafft es mit erstaunlich wenig Mitstreitern, die gläserne Uhr zu besetzen. Während die Spieler kämpfen, scharrt um die Ecke im Gebüsch schon Thul Sharuhn, Herrscher des Schwarzen Eises, mit den Hufen. „Wann geht‘s endlich los?“, wollen er und seine Leute wissen. Dann, endlich, der Einsatz.
Auf der Wiese legen derweil Kor’zuhl-et4, der Herold des Zorns, und Igraina of Barrenbay, ebenfalls von dunklen Mächten durchdrungen, einen Kampf hin, bei welchem dem Uneingeweihten vor allem die wahrhaft herrlichen Kostüme ins Auge springen.
„In einigen stecken sicher mehr als Tausend Euro“, sagt Mahle. Ein Kettenhemd, das vor 15 Jahren noch 500 Euro gekostet hat, gibt es inzwischen schon für 100 Euro. Um das LARP habe sich eine eigene Industrie gebildet, sagt der Pressebetreuer, der selbst früher Mitspieler und Spielleiter war. Und nicht nur die Hersteller von spitzen Ohren und Ork-Masken profitieren – auch Leute, die originelle Handarbeit liefern, können von ihren Produkten leben.

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Zulieferer für die Maskerade der Bösen scheint in diesem Zusammenhang besonders lohnenswert. Sehr anspruchsvolle Kostüme haben unter anderem die Spieler des „Untoten Fleisches“.
„Man hat wunderbare Gestaltungsmöglichkeiten“, sagt Aleta, die zum „Lairdom Flowerfield“ gehört. Begriffe, mit denen sie bis vor Kurzem gar nichts anfangen konnte. Mona Thesling, wie die 28-Jährige in Wirklichkeit heißt, wenn sie in Kassel ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften nachgeht, ist das erste mal in Brokeloh dabei. Das Interesse sei langsam gewachsen: Zufall war es wohl, als sie vor drei Jahren in Kassel bei einem Ausritt die Larp Veranstaltung „Jenseits der Siegel“ entdeckte und sich fragte, „was machen die da?“. Sie habe gegoogelt, doch wirklich schlau geworden sei sie aus den Infos nicht . Im zweiten Jahr nahm sie dann die Spur einer bestimmten Fahne im Internet auf, im dritten gab es kein Halten mehr.

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Ein bisschen Überwindung habe es anfangs schon gekostet, „die anderen gucken einen komisch an“, sagt sie, „aber das ist mir egal, warum soll ich nicht mit einem Schaumgummihammer aufs Schlachtfeld gehen?“ Im Kampftraining einfach draufzuhauen sei dann aber doch erst mal komisch gewesen. Auch das Spielen an sich müsse sie noch üben, als Neuling sei sie froh, erst mal eine Vorgabe bei der Rolle bekommen zu haben. Dass sie zur Truppe des Untoten Fleisches gehört, findet sie gut: „Eine böse Rolle hat einen vielen größeren Reiz – brav bin ich ja schon im richtigen Leben.“

Mehr Informationen unter www.live-adventure.de

Fotos: doro/ Video: Jan Philipp Hullmann