Christiane Hess quer

Sagen vom Steinhuder Meer

Schauspielerin Christiane Hess, die Zwerge und das Steinhuder Meer

Von Dorothee Balzereit

„Zieht ein Fischer seine Fischreuse aus dem Steinhuder Meer: Hängt da drin ein platter, toter Zwerg – was ist hier geschehen?“ Schauspielerin Christiane Hess vom Theater am Barg legt die Stirn in Falten, fixiert das Publikum und schiebt dabei ihr Kaugummi im Mund von links nach rechts und wieder nach links. Langsam wendet sie sich ab, legt Kleidungsstücke und eine Perücke auf den Tisch, das einzige größere Requisit bei ihrem Auftritt auf der Hinterbühne in Hannover. Hess, früher auch in Hameln als Theaterpädagogin tätig, spielt das Stück „Die letzte Zwergin vom Steinhuder Meer“ aus ihrem Programm „Götter, Glocken, Gläubige“. Im Mittelpunkt stehen Sagen aus der Region Hannover und dem Weserbergland.

Zurück zum Stück und zu der Frage: Was ist geschehen? Wohnen Zwerge nicht in Höhlen, horten dort Schätze und sind alt wie der Wald? So berichten es zumindest viele Sagen. Sie erzählen allerdings auch von Zwergen in der norddeutschen Tiefebene – ein wenig elfischer als die im Süden sollen sie hier gewesen sein. Auch am Steinhuder Meer wohnte ein kleines Völkchen, erzählt Hess und weiter: „Die Zwerge in dieser Gegend waren klein, schlau, fortpflanzungswillig und fürchterlich schnell zu beleidigen.“

Christiane Hess 2
Mit charmantem norddeutschen Dialekt entwirft Hess ein Zwergenidyll, das wirkt wie eine Mischung aus Hobbit-Land und der Welt der Rumpelwichte aus Astrid Lindgrens Geschichte „Ronja Räubertochter“, also jenes immer leicht missvergnügte Volk, das ein „o“ wie ein „u“ ausspricht („wiesu tut sie su?“) und in Baumhöhlen unter der Erde wohnt.
Natürlich hat das Idyll Risse, der Beziehungsstress von Papa Zwerg – er hat eine Geliebte – macht die Sage herrlich lebendig, was nicht zuletzt an Hess’ Spielweise liegt. Immer ist das Publikum mitten im Geschehen, muss die eine oder andere Frage beantworten, und macht Einwürfe, die schlagfertig kommentiert werden.
Die Spannungskurve steigt, als der Riese Hardo – „intellektuell eher unauffällig“ - ins Spiel kommt. Der einsame, ausgestoßene Gesell, der sich mit Steinweitwurf und Bäumeausreißen beschäftigt, reißt bei seinem Zeitvertreib einen Zwergenbaum aus und – o Graus – tötet die Zwergenbabys. Das kleine Völkchen ist außer sich, bewirft den Riesen mit Steinen, was der allerdings kaum bemerkt.
Christiane Hess kommt richtig in Fahrt, steht jetzt auf dem Tisch und legt ihr Zwerginnenkostüm mithilfe eines freundlichen Herrn aus der ersten Reihe an, den sie dafür ausdrücklich lobt. Die Sage schwankt derweil zwischen Krimi in der Tiefebene und gekonntem Zwergen-Slapstick. Um sich dem Riesen verständlich zu machen – Riesen und Zwergen sprechen nämlich überhaupt nicht die gleiche Sprache – gründen sie den ersten Riesenstimmenimitationsverein "Grinderwald Süd" und üben die Anrufung des Riesen Hardo. Das Publikum auch. „Har - do - hau - ab“ rufen sie im Chor. Das gefällt dem Riesen nach Hess’ Version nicht. Manch einer wird wissen, was nun kommt. Das Ende soll an dieser Stelle jedoch nicht vorweggenommen werden, wer es sehen und erfahren möchte, kann das am Mittwoch, 21. September, in Barnten tun.
Und wie es weiterging mit den Riesen und Zwergen im Hannoverschen? Die Zwerge beschlossen schließlich unter Jammern und Wehklagen, das Land zu verlassen. Nur eine alte Zwergin, die überlebt hat, bleibt in Hannover und erzählt Geschichten vom Fährmann in Basse und was der Teufel und der Wind an der Marktkirche in Hannover treiben.
Christiane Hess gelingt so ein geschmeidiger Übergang zu neuen alten Geschichten rund um Hannover. Es ist ein Abend, an dem Sagen lebendig werden wie selten. Ein Grund ist sicher, dass es sich um Geschichten handelt, die in der Heimat spielen. Und ein weiterer wohl, dass sie ein bisschen erzählt werden wie früher, als man Beunruhigendes, Fantastisches und Betörendes bei Kerzenschein am Ofen hörte.
„Götter, Glocken, Gläubige“: Mittwoch, 21. September, 19 Uhr, Dorfgemeinschaftshaus Barnten, Karten gibt es für 13 Euro unter Tel. 05066/4715, Tel. 05069/6939 oder Tel. 05069/340743.