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Die geheimnisvolle Katze

Ihr Wesen beschäftigt den Menschen von jeher

Von Viktor Meissner

In bundesdeutschen Haushalten gibt es mehr miauende als bellende Familienmitglieder – die Katze hat dem Hund schon längst den Rang abgelaufen. In Ägypten war sie heilig, Leonardo da Vinci nannte sie Meisterwerke der Natur. Im Märchen sind sie Begleiter der Hexen und dem Volksglauben nach sollen sie neun Leben besitzen oder Unglück bringen – Katzen faszinieren die Menschheit von jeher.

Anders als der Hund wird die Katze im Zusammenleben mit dem Mensch höchst unterschiedlich wahrgenommen. Dazu beigetragen hat sicher ihr Wesen, dem stets etwas Geheimnisvolles anhaftet. Auch hat sie sich nie dem Menschen untergeordnet. Wenn sie etwas tut, tut sie es aus freien Stücken; Katzen lassen sich nicht dressieren. Das ist ein Grund, warum die Rattenfänger vergangener Zeiten nie Katzen als Ratten- und Mäusefänger einsetzten, obwohl die eleganten Tiere dafür von der Natur ideal ausgestattet sind. Felis silvestris catus, die Hauskatze, kommt weltweit in allen von Menschen besiedelten Gebieten vor. Vor etwa 30 Millionen Jahren tauchten die ersten katzenartigen Tiere auf. Das belegen fossile Funde aus dem Oligozän Europas. Sie waren nicht größer als heutige Hauskatzen. Im alten Ägypten galt Bastet („die aus Bast“) als Tochter des Sonnengottes Re. Hauptkultort war die Stadt Bubastis im nördlichen Nildelta.

Bereits im alten Ägypten verehrte man die löwenköpfige Kriegsgöttin Sachmet, die aber auch als Göttin der Heilung galt. Aus Sachmet entstand im Laufe der Zeit die Göttin Bastet, die nun allein für Liebe, Freude, Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und Geburt verantwortlich zeichnete. Als „Mondkatze“ bewachte Bastet bei Nacht die Sonne und bekämpfte deren Todfeindin, die Schlange der Finsternis. Ein besonderer Höhepunkt für die Bevölkerung war stets das jährlich stattfindende „Fest der Bastet“, eine Orgie aus Rausch, Trunkenheit, Musik und Ausschweifungen. Herodot (ca. 480–424 v. Chr.) beschreibt das „beliebteste Fest Ägyptens“ mit ein paar Sätzen und wird dabei durch ägyptische Quellen bestätigt, wie zum Beispiel eine Versdichtung aus dem 2. Jahrhundert nach Christi mit teilweise derb-pornografischem Inhalt. Der Begriff „Bastard“ für Nachkommen mit unbekanntem Vater hat seinen Ursprung in diesem ausschweifenden „Fest der Bastet“. Die Verehrung der Göttin erreichte während der griechisch-römischen Zeit (332 v. Chr. – 313 n. Chr.) in Ägypten ihren späten Höhepunkt. Als Kult ist die Opferung von speziell gezüchteten „Tempel-Katzen“ nachgewiesen. Die Priester der Bastet zogen Katzen auf und boten sie zu Opferzwecken an. Kaufte jemand eine Katze, wurde diese von einem Priester getötet und dem gleichen traditionellen Prozess der Mumifizierung unterzogen, der auch bei Menschen üblich war. Anschließend wurde sie feierlich beigesetzt. Tötete jemand außerhalb des Tempelbezirkes eine Katze, wurde er mit dem Tode bestraft. Große Trauer herrschte auch, wenn eine Katze zu Hause starb. Bei Herodot heißt es dazu: „Wenn in einem Hause eine Katze stirbt, scheren sich alle Hausbewohner die Augenbrauen ab. Die toten Katzen werden nach der Stadt Bubastis gebracht, einbalsamiert und in heiligen Grabkammern beigesetzt.“

Freyja, Göttin der Liebe (Sexualität), der Ehe und Herrin aller Katzen, entstammte dem älteren der beiden nordischen Göttergeschlechter, den Wanen. Ihre Charaktereigenschaften glichen dabei denen der ägyptischen Bastet; auch Freya besaß ein zerstörerisches Element, das sie im Gegensatz zu Bastet jedoch nie ablegte. Die Lieblinge der Göttin waren ihre grauen Katzen. Wer ihnen in die Kornfelder ein Schälchen Milch stellte, durfte mit einer guten Ernte rechnen. Auf ihrem von den zwei Katzen, Bygul und Trjegul, gezogenen Streitwagen zog sie über den Himmel und in blutige Schlachten; zur Todesgöttin wurde sie, wenn sie auf dem Schlachtfeld die Hälfte aller Gefallenen für sich beanspruchte.


Die schwarze Hexe

Gerade diese Verbindung mit der sinnlichen heidnischen Göttin Freya brachte die Katzen in christlichen Zeiten auf die Scheiterhaufen. Die Sexualität der Frau wurde dem christlichen Klerus zum Inbegriff des Bösen, die Katze zu seinem Tier. „Die Göttin Freya wurde zur Hexe, die nun in Katzengestalt Unheil anrichtet“ – so etwa beschreibt Lena Landwerth in ihrem Aufsatz „Von der Göttin zum Teufel“ die veränderte Wahrnehmung der Katze im christlich gewordenen Abendland.

Besonders schwarze Katzen brachte man im Mittelalter und in den Jahrhunderten davor mit Zauberei und schwarzer Magie in Verbindung. Die Nacht, vor der sich die Menschen fürchteten, war schwarz, schwarze Katzen praktisch unsichtbar. Da Katzen im Dunkeln zudem weitaus besser sehen können als Menschen, schloss sich der unheilvolle Kreis. Den Tag verschliefen Katzen meist, doch in der Nacht verwandelten sie sich in böse Geister. Die Schreie rolliger Katzen klangen dabei wie Todesschreie von Menschen. Zumeist Frauen verdächtigte man, sich des Nachts in schwarze Katzen zu verwandeln, in die Ställe zu schleichen und das Vieh zu verderben. Menschen wurden nur deshalb gefoltert, verurteilt und hingerichtet, weil sie Katzen besaßen. Erst mit Beginn des Humanismus ab dem 15. Jahrhundert stellten sich zunächst Theologen vereinzelt die Frage, ob „Hexen und Zauberer“ wirklich zu solchen Tierverwandlungen fähig seien. Und heute? Der Aberglaube um Katzen, insbesondere die schwarzen, ist nicht ganz ausgestorben. Fast jeder kennt den Spruch: „Schwarze Katze über’n Weg bringt Unglück!


Die verführerische Frau

Frauen und Katzen haben eine unvergleichliche Eleganz in ihren Bewegungen – beide gelten als sensibel, anschmiegsam und sinnlich, aber auch als geheimnisvoll und gelegentlich sogar als grausam. Die Psychologin Dr. Helene Karmasin vom Wiener Institut für Motivforschung ging im Auftrag des Hamburger Vereins Deutscher Katzenfreunde der Frage nach, wo es Parallelen gibt. Ergebnis der Studie: „Es gibt eine hohe Übereinstimmung zwischen dem Konzept Katze und dem Weiblichkeitskonzept unserer Kultur.“ Mehr noch: „Die den Katzen zugeschriebenen Merkmale entsprechen eins zu eins der heutigen Vorstellung von Weiblichkeit“, fasst Karmasin in einem dpa-Gespräch ihre Erkenntnisse zusammen. „Nicht nur, dass die großen Augen und das kleine Näschen dem weiblichen Schönheitsideal entsprechen, auch die hinter dem niedlichen, zarten Köpfchen verborgene ausgeprägte Dickschädeligkeit und Selbstständigkeit sind Eigenschaften, um die manche Frau ihre Samtpfote beneidet.“ Auch auf dem erotischen Sektor leben die Zimmertiger nach Karmasins Erkenntnissen ihren Besitzerinnen viel von dem vor, was „Frau“ sich wünscht: einen geschmeidigen Körper und graziöse Bewegungen. Nicht zuletzt das ausgeprägte Bedürfnis zum Schmusen. Bei der Befragung zeigte sich auch, dass Katzenbesitzerinnen vor allem mit Begriffen wie „einfühlsam“ und „verständnisvoll“ in Verbindung gebracht werden. Im Gegensatz dazu die Hundebesitzerinnen: Ihnen weisen die Befragten an erster Stelle Eigenschaften wie „kontaktfreudig“ und „sportlich“ zu. Kein Wunder: Gassigehen hält auf Trab. Männer dagegen scheinen – geht man von wesentlichen Eigenschaften der Zimmertiger aus – kaum etwas Katzenhaftes zu haben: „Männer sind laut, sie putzen sich nicht dauernd, sie haben keinen so kultivierten Geschmack, sie sind nicht unbedingt häuslich“, heißt es in der Studie. Aber auch Männer lieben Katzen, besonders die im künstlerischen oder literarischen Bereich tätigen. Aber eine Gruppe verabscheut sie, die Diktatoren: Josef Stalin, Adolf Hitler und andere waren ausgesprochene Katzenhasser. Der Grund liegt sicher darin, dass Diktatoren keine selbstbewussten Wesen um sich dulden, die ihre eigene „Autorität“ untergraben könnten.

 Die „künstlerische“ Katze

„Die Katze aber ist eine anarchistische Aristokratin mit gesundem proletarischem élan vital“, so äußert sich der Journalist und Schriftsteller Axel Eggebrecht (1899–1991) über die geliebten Samtpfoten mit den scharfen Krallen. Die Bandbreite in Kunst und Literatur reicht von der sanften Mieze über die dämonische Jägerin bis hin zu erotischen Anspielungen und Spiegelbildern menschlicher Charaktere.

Anlässlich einer „Katzen-Ausstellung“ in Karlsruhe schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung 2006: „Bis heute hat die Katze ihre Faszination sowohl als Gegenstand der bildenden Kunst als auch als Teil der menschlichen Gemeinschaft nicht eingebüßt – im Gegenteil: Wahrscheinlich ist der Stubentiger sogar so populär wie nie zuvor.“ Sic est!

Foto: Stefan Buckmakowski